Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1888)
- Date
- 1888-08-23
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
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534 jedem Jahre, weil viele Fremde, besonders Deutsche (Wärt-! temberger) und Russen sich ansiedeln. Allerdings liegen noch! viele Strecken unbebaut und verödet, und viele Stätten, die! einst zu den blühendsten gehörten, könnten sich aus den Trümmern und dem Sande der Wüste wieder erheben. Aber dies gehört doch schon zu den Werken der Einbildungskraft. Was die staatliche Organisation betrifft, \o halten wir sie an sich nicht für so unmöglich, wie viele andere. Da die männliche jüdische Jugend jetzt in fast allen Staaten zum Heeresdienste l - ^-.gezogen wird, also eine militärische Ausbildung erhält, so könnte nicht unschwer eine militärische Einrichtung getroffen werden, um Ordnung und Sicherheit zu bewirken, und da die jüdische Masse an den religiösen Ueberlieferungen festhält, so würde die Herstellung einer Synhedrial- Verfassung an der Seite einer Executivgewalt erreichbar sein. Alles käme selbstverständlich auf das Vorhandensein befähig- 1er, begeisterter und begeisternder Führer und Autoritäten an. Aber dies Alles gehört in das Reich der Voraussetzungen, und was will es gegen die Wucht des zweiten Momentes besagen, nämlich der wirklichen politischen Verhältnisse? In diesem Lande wohnen bereits sehr verschiedene Nationalitäten, die nicht verdrängt werden können, und was noch mehr sagen will, alle positiven Religionen ohne Unterschied der Kirchen und Secten haben hier ihre Heiligthümer, zu welchen sie wallfahren und die sie frei und selbständig erhalten wollen. Zunächst wäre also erst die Herrschaft der Türken zu beseitigen, was vielleicht nur eine Frage der Zeit! ist, immerhin aber große Schwierigkeiten befaßt. Wäre sie! aber erst gefallen, so früge es sich, welche europäische Groß-; macht ihre Hand auf dieses Land legen wird? Im günstigsten Falle würden die Großmächte zum Schutze der „heiligen Stätten" ihrer Kirchen und zum Schutze ihrer in Palästina wohnenden und weilenden Staatsangehörigen einen neutralen Bund und eine neutrale Bundesinstitution einrichten. Wie die Dinge liegen, würden die Juden höchstens eine rücksichtsvolle Beachtung finden, niemals ihnen aber die staatliche Herrschaft, ja nur Vorherrschaft eingeräumt werden. — Alle diese für die Gegenwart unüberwindlichen Hindernisse mögen diejenigen ernstlich in Betracht ziehen, welche sich gedachten Träumereien und Schwärmereien überlassen und doch nur schädliche Versuche anstellen können. Dies kann uns jedoch nicht verhindern, unsere Anhänglichkeit diesem, für Israel und für die ganze Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwickelung so überaus merkwürdigen Lande zu bewahren, ja es mag uns erst recht anspornen, den dürftigen Glaubensgenossen daselbst die helfende Hand zu leihen und Anstalten zu unterstützen, welche für Schulbildung, Waisenerziehung, Förderung des gewerblichen und landwirthschaftlichen Könnens, Krankenpflege, Altersversorgung u. s. w. getroffen werden. Es ist dies eine Befriedigung eines durch eine lange Leidensgeschichte getragenen und genährten Interesses, das in Wirklichkeit keinem patriotischen Gefühle, keiner Theilnahme an den Werken in unserer Nähe widerspricht. Kleine Gaben, von großer Menge dargebracht, bewirken Großes! Deutschland. Berlin, 13. August. (Privatmitth.) Allgemeines Aufsehen erregte i» diesen Tagen die Veröffentlichung eines mit zahlreiche» Unterschriften bedeckten, an den Reichstag gerichteten Gesuches um Abänderung des § 106 des deutschen Strafgesetzbuches oder vielmehr um Aufhebung des mittleren Passus dieses Paragraphen, welcher die Beschimpsung von Kirchen und mit Corporationsrechten versehenen Religionsgesellschaften, ihrer Gebräuche und Einrichtungen betrifft. Die Veranlassung hierzu gab bekanntlich eine Versammlung des „Evangelischen Bundes" in einer Kirche, wo der wegen Beschimpfung der katholischen Kirche schon einmal mit Gefängniß bestrafte evangelische Pfarrer Tümmel eine Rede hielt, in welcher er gegen die Ausstellung der sog. Heiligthümer in Aachen donnerte. Auf Grund dieses Ereignisses haben viele Hunderte von Evangelischen das oben bemerkte Gesuch an den Reichstag gerichtet. Die Sache wird also aller Wahrscheinlichkeit nach in demselben verhandelt werden. Bon -jüdischer Seite kann das Interesse an dem Schicksale dieses 'Paragraphen des Strafgesetzbuches nicht sehr groß sein, da : die Fälle an den Fingern zu zählen sind, in welchen er zu! Gunsten des Judenthums zur Anwendnng gekommen, und nicht im Geringsten die ungeheure Fluth antisemitischer Beschimpfungen in Rede und Wort zu verhindern vermochte, lvas freilich in Oesterreich eher der Fall war. Interessant ist es, wie die offieiöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung dieses Gesuch bekämpft. Sie erklärt die Behauptung, „daß die Kirchen sich selbst durch ihre geistigen Waffen gegen einander allein schütze» sollen", in der Praxis für einen gefährlichen Irrthum, da durch den Wegfall aller Strafbestiininungeu der Streit zwischen den beiden großen Kirchen in - furchtbarer Weise sich entzünden würde, wodurch der bürgerliche Frieden außerordentlich geschädigt und das „in zwei