Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-23 · Heft 34 (23.8.1888) · p. Seite 532

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 34 (23.8.1888)
Date
1888-08-23
Page
Seite 532 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227752--45547-3265067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

532 Das heilige Land UNdas Iudenthum. Vor einiger Zeit schrieb uns einer unserer Correspondenten in Polen: „Die Bewegung, welche mit der vor einigen Jahren so schauderhaft begonnenen Hetzjagd in den Geistern der polnischen und russischen Juden sich erhob, ist mit der zurückgekehrten Sicherheit von Leben und Eigenthum allmählich wieder erloschen. Den Rabbinern hätte es vbgelegen, in jener Aufregung die Flamme der Religion in den Herzen dieses größten Theiles des jüdischen Stammes anzufachen und auflodern zu machen. Aber sie blieben unthätig wie immer, allein mit ihrem Talmudstudium in ihren Klausen beschäftigt, obschon dieses Studium immer schwächeren Reflex auf die Geister des Volkes zu werken befähigt ist." — Gewiß ist diese Beobachtung richtig. Fragen wir aber nach den Ursachen, aus welchen jene, anfänglich so rasch und kräftig aufgetretene Bewegung so bald wieder in Stillstand gekommen, so scheint uns eine der wirksamsten die sehr erklärliche, aus den obwaltenden Umständen hervorgegangene, jedoch nothwendig zu einer baldigen Enttäuschung führende Idee, welche in jener Aufregung sich als die beherrschende hervordrängte, nämlich die: in Palästina eine umfassende Ansiedelung von Juden zu bewerkstelligen, und zwar um die jüdische Nationalität daselbst zu rehabilitiren und zu organisiren. In der That eilten einige tausende jüdischer Emigranten aus dem russischen Reiche nach Palästina. Jndeß wurde die türkische Regierung bald darauf aufmerksam und da sie voraussetzte, daß diese russischen Unterthanen den russischen Einfluß in diesem Theile ihres Reiches außerordentlich vermehren würden, während schon anderweitig die Russen mit! Hilfe von Staatsmitteln in immer mehr sich ausdehnendem j Umfange in Palästina Wurzel gefaßt haben, namentlich im und um Jerusalem, so verordnet sie, daß jüdische Einwan-! derer nicht mehr landen dürften und der Aufenthalt der-! selben auf einige Monate beschränkt werden sollte. Außerdem zeigte es sich bald, daß diese Einwanderer, sobald ihre Anzahl wuchs, das Elend der jüdischen Bevölkerung daselbst vermehrten. Von den unternommenen jüdischen Ackerbau- Colonien gediehen zwar einige, aber andere gingen bald! wieder ein, und die ersteren bedurften so vieler und so lang! anhaltender Unterstützung, bis sie sich selbst erhalten könnten, daß ihr Bestand nur durch das Dazwischentreten einiger großmüthigen außerrussischen Glaubensgenossen ermöglicht wurde. Dazu kam, daß der übergroße Theil der Einwanderer für die Landwirthschaft untauglich war. Was aber die Handwerker betrifft, die unter den Einwanderern sehr zahlreich waren, so giebt ihnen das allen Verkehrs und Handels bare Land keine Gelegenheit zum Erwerbe, so daß jüngst in Jerusalem selbst ein Verein sich gebildet hat, um die biod-! losen jüdischen Handwerker aus Jerusalem in die übrigens Theile des Landes zu schaffen. So kam die russische Einwanderung in Palästina bald ins Stocken, und da sich somit jene Idee als ein Jrrthum erwies, was wir ihr freilich von Anfang an vorausgesagt, so erlahmte auch die geistige Bewegung im Heimathlande. Bekannt ist, daß dieselbe Idee von der Besiedelung des Landes unserer Väter durch jüdische Colonisten auch in dem übrigen Europa und in Nordamerika angeregt und besprochen worden und die Bildung eines jüdischen nationalen Staates daselbst als Ziel aufgestellt ward. Wir erinnern z.B. an den Roman Daniel Deronda der George Eliot, welcher diesen Gedanken weitläufig durcharbeitete und so außerordentlichen Beifall erlangte. Bon Freund und Feind wird dieser Gedanke nicht selten zur Aussprache gebracht und als ein Werk der Zukunft verkündigt. Wir wollen ihm daher an dieser Stelle einige Erwägungen widmen. Vorausschicken wollen wir die Bemerkung, daß wir weit entfernt sind, über die Zukunft absprechen zu wollen, über die uns Sterblichen verborgenen Absichten und Wege der Vorsehung, die zur Zeit Mittel findet und die Fäden zusammenspinnt, durch welche ein Werk vollbracht werden kann, das uns Kurzsichtigen wie eine Unmöglichkeit, wie eine Phantasmagorie erscheint. Hierüber abzuurtheilen bescheiden wir uns. Hat doch die Neuzeit staatliche Gebilde hervorgebracht, deren Verwirklichung nicht vorausgesehen ward. Wer hätte vor den Zwanziger Jahren geglaubt, daß sich die Griechen einen eigenen nationalen Staat schaffen und organisiren werden? Wer hätte noch vor einigen Jahrzehnten vorausgesehen, daß die Moldau und Wallachei als Rumänien, die Serben, Montenegriner, Bulgaren selbständige, unabhängige und von Europa anerkannte Staaten bilden werden? Also was im Schoße der Zukunft ruht, lassen wir unberührt, und ziehen vielmehr blos die gegenwärtigen und nächsten Verhältnisse in Betracht. Fünfzehn Jahrhunderte hindurch bewohnte das Volk Israel — mit Unterbrechung des babylonischen Exils — jenes Land, welches ursprünglich das Land Canaan hieß, von den Griechen Palästina nach dem kleinsten Stamme, den Philistern, Pelescheth, von den Juden zu aller Zeit „das Land Israel" genannt ward, um so gewissermaßen den Besitztitel auf dasselbe niemals aufzugeben. Früher nannte man es gewöhnlich „das gelobte", d. i. das verheißene Land, jetzt „das heilige Land"; immerhin bemerkenswerth ist hierbei, daß, während die hebräische Sprache als die der heiligen Urkunden 'pn y.vb „ die heilige Sprache" von den Juden genannt ward, das Land weder in der Schrift, noch im späteren jüdischen Schriftthum 'pn pN „das heilige Land" betitelt wurde, gleichsam in der Scheu, einen sichtbaren Gegenstand, der so vieler Entweihung ausgesetzt war, „heilig" zu benennen. sJJur einmal bei Sechar. 2, 16 kommt der Ausdruck 'pn nETiN vor und griechische Schriftsteller waren es,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.