Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1888)
- Date
- 1888-08-23
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
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531 pels aufhörten, und die talmudischen Lehrer fanden keinen Widerspruch, als sie erklärten, daß die Gebete die Opfer eri setzen, ja selbst einen höheren Werth hätten. Als zweites Mittel wurde der Bersöhnungstag eingesetzt, und zwar als der heiligste aller Sabbathe. An ihm sollte das Volk inj Tempel versammelt sein, sich mit den Priestern zu aufrichtigem Sündenbekenntniß vereinigen und an diesem Tage weder Speise noch Trank zu sich nehmen. Es ist einsichtlich, daß hiermit dem Bekenner des Judenthums eine tief wirkende Veranlassung geboten sein sollte, zur Selbsterkenntniß und zur reuigen Umkehr aufgefordert und bewogen zu werden. Hierzu zu gelangen und dem Tage seine Wirksamkeit zu sichern, sollte er an demselben aus dem weltlichen Leben und aus den leiblichen Genüssen heraustreten, was zugleich das Gefühl seiner Hinfälligkeit befördern sollte. Diese Institution ist denn auch bis auf den heutigen Tag als eine hochheilige bestehen geblieben. Aber schon die Propheten haben nachdrücklich gewarnt, von Samuel an bis zum zweiten Jesaias, diese Mittel mit dem eigentlichen Zwecke zu verwechseln, und durch die Opfer, jetzt Gebete und das Fasten allein, die Vergebung der Schuldhaftigkeit zu erwarten, ohne daß eine Umkehr, eine tatsächliche Besserung eingeschlagen werde. Wir erinnern an das 58. Capitel Jesaias, welches mit richtigem Sinne von den Anordnern unsres Gottesdienstes zur Haphtora des Versohnungstages bestimmt worden; nur men nen wir, daß es besser gewesen wäre, für die Haphtora zu Mincha dieses Tages jenes 18. Capitel des Ezechiel zu bestimmen, als das so vielfach mißverstandene Buch Jona. Die traditionellen Lehrer bildeten diese Institution aus, unterließen es aber auch nicht, jene Verwechselung der Mittel und des Zweckes einzuprägen. Sie verbanden Rosch Haschana mit Jom Kippur zu „Zehn Tagen der Buße", bestimmten das erstere zur Selbstprüfung, gefördert namentlich durch den Gedanken an das göttliche Gericht, für die Zwischentage verlangten sie die Versöhnung seiner Nebenmenschen durch Abbitte von Beleidigungen und Kränkungen und durch Ersatz von Schädigungen, um dann den Versöhnungstag der vollen sittlichen Läuterung vor Gott zu sichern. Sie Lehren dabei, für Jedermann sehr verständlich, daß die gegen Nebenmenschen verübten Sünden nicht vergeben würden, bevor wir deren Verzeihung nicht erlangt oder wenigstens nachdrücklich angestrebt hätten; sie lehren endlich, daß, wer Sünden begeht mit dem Gedanken, der Versöhnungstag tilge sie, dem wird ail diesem nicht vergeben. — Diese Lehre von der Buße und Sündenvergebung bildet, wie wir schon bemerkt haben, einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen dem Judenthum und anderen Religionen. Es weiß nichts von der Erbsünde, von einer Herrschaft des Satans über den Menschen, von einer Erlösung und Sündenvergebung durch den Opfertod eines Dritten und von der Rechtfertigung des Menschen, also der Sündenvergebung und der Erlangung der Seligkeit allein durch den Glauben an diesen Opfertod und dessen erlösende Wirkung. Es sind dies durchaus neutestamentliche Lehren, welche die christliche Kirche zu ihrem wesentlichen Inhalte entwickelt hat. — Ebensowenig stimmt die jüdische Lehre mit dem Buddhismus überein, der schon durch sein Dogma von der Seelenwanderung, bei welcher alle Fehler und Sünden des vorangegangenen Daseins mit in die neue irdische Daseinsform hinübergenommen werden, die Verderbtheit jedes Menschen anerkennt, und wiederum die Mißachtung alles Irdischen, das Aufgeben aller Erdengüter, das Zurückziehen in Klöster und das Umherwandeln mit der Bettelbüchse als die Erfordernisse der Läuterung und des Fortschrittes zur Nirwana lehrt. Wir wollen noch kaum des Brahmanismus erwähnen, welchem ja noch heute hundert Millionen Inder angehören und welcher die ausgesuchtesten, raffinirtesten Martern zu heiligenden Bußübungen gestempelt hat. — Kehren wir von hier noch einmal zu dem Mahnworte Rabbi Simeons zurück, welches davor warnt, sich als Bösewicht anzusehen — natürlich mit Ausnahme der Unglücklichen, welche wirklich eine Frevelthat vollzogen haben. Das Wort hat eine psychologische und eine ethische Bedeutung. Denn diese Uebertreibung der Selbstanklage, dieses Uebermaß der Selbstverachtung führt nothwendig zur Verdüsterung, zur Verbitterung, zur Verzweiflung; zugleich führt sie eine Verwirrung der sittlichen Begriffe herbei, eine Unklarheit oder vielmehr Verdunkelung dessen, was Recht und was Unrecht ist, und läßt endlich, um dem unwiderstehlichen Drange der Selbstanklage Genüge zu thun, zu äußerlichen Formen und Kasteiungen greifen, dem trübsten Aberglauben die Thore öffnend. Wohlan ihr Brüder und Schwestern in Israel, es ist Euch gesagt worden, was der Allerheiligste von Euch fordert: das Gute thun, das Böse meiden, Recht und Liebe und Demuth übend, und den innern und äußeren Frieden suchend. Immer wiederholt rufen die Propheten Euch zu: Kehre um, Haus Jakob, kehre zurück zu deinem Gotte, damit du lebest und die Fülle des göttlichen Segens dich treffe. Jesaias (55, 7) ruft dir zu: „Der Frevler verlasse seinen Weg, der Mann der Sünde seine Gedanken; er kehre zum Ewigen, der wird sich seiner erbarmen, zu unsrem Gotte, denn der ist reich im Vergeben!" Die Religion streckt uns ihre mütterliche Hand entgegen, ergreifen wir sie und benutzen die heiligenden Mittel, die sie uns bietet, daß wir uns selbst erwecken aus dem Schlummer, aus dem Gleichmut!.), aus der ^eichlfertigfeit, mit welcher wir das dahiurvllende Leben betrachten, gleichgültig gegen die sittlichen Ziele, die wir anstreben und erreicheil sollten. u*