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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-23 · Heft 34 (23.8.1888) · p. Seite 530

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 34 (23.8.1888)
Date
1888-08-23
Page
Seite 530 (sequence 2)
Language
German
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530 würdigt. Wir haben jedoch nicht vor, diese Lehre in ihrer dogmatischen Tiefe zu behandeln, worüber wir auf unsre Abhandlung „Versöhnung und Erlösung" im zweiten Theile unsrer „Weltbewegenden Fragen" S. 245 verweisen können. Einfach vielmehr, wie auch dieser Theil der jüdischen Religionslehre ist, wollen wir vielmehr die praktische Seite in Betracht ziehen. Je idealer der Hauptgrundsatz der jüdischen Moral ist: „Du sollst dich heiligen, wie Gott heilig ist", desto weniger verliert sie sich bei der Betrachtung, worin diese „Heiligung" bestehe, in dogmatische und phantastische Gebilde. Die Lebre des Judenthums über Sündhaftigkeit, Buße und Sündenvergebung bewahrt die höchste Einfachheit in Begriff und Folgerungen. Sie verkündigt einentheils den großen Offenbarungssatz: „Der Ewige, Gott, barmherzig, und gnädig, langmüthig und von unendlicher Huld, vergebend Sünde, Missethat und Schuld, läßt aber Nichts ungeahndet" (2. Mos. 34, 6). Hierin ist ausgesprochen, daß die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes, wie Alles in Ihm, Eines sind, denn die höchste Gerechtigkeit enthält auch das Recht des Menschen der ihm von Gott gegebenen Natur nach auf die Barmherzigkeit Gottes, auf Sündenvergebung. Zugleich lehren jene erhabenen Worte, daß die Barmherzigkeit Gottes unendlich ist, und kein Mensch, mag er auch noch so weit verirrt, mag er auch noch so tief der Sünde verfallen sein, von der Barmherzigkeit Gottes, von der Vergebung seiner Sündhaftigkeit ausgeschlossen ist. Dieselbe Anschauung treffen wir überall, auch bei den traditionellen Lehrern des Judenthums an, so daß sie niemals der Gerechtigkeit Gottes erwähnten, ohne zugleich seine Barmherzigkeit zu betonen. So aus zahllosen Stellen Sifra Aclire Par. 9 zu 3. Mos. 18, 2: „ Ich bin der Ewige, ich bin der Richter und ich der Erbarmungsvolle, ich der Richter, der bestraft, und ich voll Treue, der belohnt." — Die Buße nun, also das Mittel, um die Vergebung der begangenen Sünden zu erlangen, ist, nach der Lehre des Judenthums — die Umkehr vom bösen Wege, die Rückkehr zu Gott, also die Erkenntniß seiner Fehler und die aufrichtige Besserung. Diese Umkehr, welche sowohl den Ersatz der angerichteten Schädigung als auch das fernere Unterlassen böser Handlungen, einschließlich der Vollbringung wohlthätiger Werke — denn diese gehört nach jüdischer Lehre zur Gerechtigkeit — befaßt, ist die wesentliche, ja die einzige Bedingung der Sündenvergebung. Den Kanon hierfür bildet das berühmte l8. Capitel des Ezechiel. Stellen wir deshalb seine Ansangsworte hierher (V. 4 — 9): „Sieh, alle Seelen sind mein; wie des Vaters Seele, so die Seele des Sohnes, mein sind sie; die sündige Seele, diese wird sterben. So ein Mensch gerecht sein wird und Recht und Gerechtigkeit übet, auf den Bergen isset er nicht und erhebt nicht seine Augen zu den Götzen des Hauses Israel, und verunreinigt nicht seines Nächsten Weib und nahet nicht dem Weibe in seiner Absonderung, und übervortheilet Niemanden, giebt zurück das Pfand für seine Schuld, begehet keinen Raub, giebt dem Hungrigen sein Brod und bedeckt den Nackten mit Kleidern; mit Zins leiht er nicht, und nimmt nicht Uebermaß, zieht seine Hand vom Unrecht zurück, übt wahrhaftiges Recht zwischen Einem und dem Anderen; er wandelt in meinen Satzungen, und hält meine Rechte, Wahrheit übend: der ist gerecht, leben wird er, spricht der Herr, der Ewige." (Gewiß wird ein Jeder wohl daran thun, an diesen Worten des Propheten seine Handlungen und Thaten zu prüfen.) Der Prophet fährt fort, daß, wenn ein solcher Gerechter einen „frevelhaften Sohn" hat, der von allem dem das Gegentheil thut: „er wird nicht leben, all diese Greuel that er, sein Blut kommet über ihn." Hat aber ein sündhafter Vater einen gerechten Sohn, „der soll nicht sterben durch die Schuld seines Vaters, leben wird er". „Der Sohn soll nicht tragen an der Schuld des Vaters und der Vater nicht tragen an der Schuld des Sohnes". Von hier aus lehrt der Prophet: „So der Frevler zurückkehrt von allen seinen Sünden, die er vollführte, und Recht und Gerechtigkeit übet, so wird er leben, nicht sterben; all seiner Missethat, die er vollführte, wird ihm nicht gedacht, durch seine Gerechtigkeit, die er übet, wird er leben." Im Gegensätze wird ein Gerechter, der sich von seiner Gerechtigkeit abkehrt und Unrecht thut, das Verdienst seiner früheren Gerechtigkeit verlieren „und ob der Untreue, die er begangen, und der Sünden, womit er gesündigt, wird er sterben" *). — Dies ist die Lehre des Judenthums, welche auch durch alle folgenden Zeiten als feststehend betrachtet wurde. Selbstverständlich begnügt sich die Religion nicht bloß mit der Lehre, sondern wie die Natur des Menschen es verlangt, sucht sie auch nach Mitteln, um die Selbsterkenntniß in der Menschenseele anzufachen und sie zur Reue und Umkehr zu bewegen. Niemals aber hat das Judenthum diese Mittel zur Buße mit dem Wesen derselben identificirt. Zuerst die Sünd- und Schuldopfer im mosaischen Cultus. Wer die betreffenden Verordnungen nackliest, wird sofort erkennen, daß diese Opfer nicht bei wirklichen Verbrechen, zur Sühne frevelhafter Handlungen, sondern nur für unabsichtlich geschehene Fehle, namentlich für Verletzung der Heiligthümer und der Reinigkeitsgesetze verordnet sind. Es brachte deshalb keine Veränderung im religiös-sittlichen Leben des jüdischen Volkes hervor, als auch diese Opfer mit der Zerstörung des Tem- 1) Wir brauchen nicht abermals zu erörtern, daß jene Worte des zweiten der Zehn Worte „ahndend die Schuld der Värer" u. s. w. mir diesen Aussprüchen des Propheten nicht in Widerspruch stehen. Denn bei diesem handelt es sich um die Schuldhaftigkeit der Menschenseele,in denZehnworten,um die strafenden Folgen böserHandlungen, wie sich diese ja auch im wirklichen Leben bethätigen. Andrerseits beschränkt der Ausspruch der Zehn Worte diese Folgen auf Diejenigen, welche „Gott hassen und seinen Geboten zuwider handeln", dehnt aber die Gnade Gottes auf alle Geschlechter derer aus. welche „Gott lieben und seine Gebote beobachten".

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