Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1888)
- Date
- 1888-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227752--45544-3265064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
"Allgemeine Zeitung des Zu-mthums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Uhilippson in Dann. Hrpebition: Leipzig, Kospitalstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende inan sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebührte M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, dm 23. August 1888. Rr. 34. Inhalt. Leitende Artikel: Zu deu hohen Feiertagen.— Das heilige Land und dasJlkdenthum. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Breslau, Schlettstadt. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Rußland: Petersburg. — Amerika: Cincinnati. — Bonn: Notizen. — Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Kurze Bemerkungen. VIII. — liebet Niaonim und jüdische Melodien. — Vermischtes. Bonn, 19. August. Zu den hohen Feiertagen. 1. Einige Betrachtungen über Buße nach der Lehre des Judenthums. Wer seine „Sprüche der Väter" mit Aufmerksamkeit liest, der wird bei dem Ausspruche des R. Simeon, des Sohnes Nathanaels, einen Augenblick stehen bleiben (II, 18): „Halte dich nicht für einen Bösewicht!" Unmöglich konnte der Rabbi hiermit den mehrmaligen Ausspruch der heiligen Schrift: „Kein Mensch lebet, der nicht sündigte" leugnen wollen. Erklärte doch denselben Rabbi Simeon sein Lehrer R. Jochanan, Sohn Sakkai's, für einen, „welcher die Sünde fürchtet", und blättern wir in den Sprüchen vor der angeführten Stelle, so heißt es (15): „Kehre einen Tag vor deinem Tode um", Worte, die den zweifachen Sinn enthalten, daß wir, da wir den Tag unseres Todes nicht kennen, sofort zur Buße, zur Umkehr von jedem bösen Thun uns anschicken sollen, und ferner, daß zu jeder Zeit des Lebens, selbst dicht vor unsrem Ende, diese Umkehr uns gestattet ist und ihren Zweck, die Vergebung unsrer Sünden bei Gott zu erlangen, nicht verfehlt. Und noch weiter vor (1, 7) stoßen wir auf den Spruch: „Halte dich nicht frei von der Strafe", von der Vergeltung, von den Leiden, die hiermit verbunden sind; wir sollen also uns nicht für schuldlos, von Strafe frei, oder gar durch äußere Formen derselben enthoben glauben. Es muß also den anfänglich angeführten Worten ein andrer Sinn einwohnen. Versteht man doch unter yun nicht einen gewöhnlichen Sünder, sondern einen Bösewicht, einen Frevler. Ter Ausspruch ist deshalb sicherlich^ gegen die sich damals immer mehr ausbreitende christliche Ascetik gerichtet, die leicht auch unter den Juden Eingang finden und zum Abfall führen konnte, jene Ascetik, welche einerseits den Menschen durch die Erbsünde und die Herrschaft des Satans als völlig verderbt und in die tiefste Schuldhaftigkeit versunken ansah, andrerseits alle irdischen Güter, alles menschliche Thun und Schaffen, das Leben auf Erden selbst sür verachtenswerth erklärte, deshalb schwere Bußübungen und Selbstpeinigung forderte, und zu den „Säulenheiligen", dem Eremitenleben und den Mönchs- und Nonnenklöstern mit strengen Regeln führte. Gegen diese Ascetik, welche also von der Grundverderbtheit des menschlichen Wesens ausging, wandte der R. Simeon seinen Spruch. Man darf solchen Aussprüchen ihrer Kürze wegen ihre Bedeutung nicht absprechen, denn gerade hierin suchte der Hebräer die Befähigung, einen entschiedenen Eindruck zu machen, da die meisten Menschen weniger zu Reflexionen und ausführlichen Erörterungen geneigt, vielmehr kurzen, bündigen Schlagwörtern zugänglich sind. Hatte man doch hierin in den Zehn- Worten ein gewichtiges Beispiel. — Desto näher liegt es, und die nahenden hohen Feste geben eine nächste Veranlassung dazu, die Sündenvergebung und Buße nach der Lehre des Judenthums zu erörtern. Weniger als es verdient, wird dieses Capitel der Religionslehre in seiner wesentlichen Verschiedenheit von den Anschauungen anderer Religionen ge- 34