Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 526 (sequence 14)
- Language
- German
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526 Volke zum anderen, also auch eine uralte Verbindung derselben, angenommen wird, ohne dem Umstande Rechnung zu trogen, daß eine gleiche Symbolisirnng, wenn sie eine so recht naturgemäße ist, bei den verschiedenen Völkern selbstständig entstehen konnte und mußte. Greifen wir aus der Menge der Beispiele heute eines heraus. Höhere, überirdische Wesen, wenn sie zur Erde kommen und dem Menschen sichtbar wurden, also aus höheren Regionen sich nach unten zur Erde bewegten, oder über dieser durch weite Entfernungen, dachte man sich als mit Flügeln versehen, wie mau diese eben an den Vögeln gewahrte, welche schnell durch die Luft hin sich bewegen. So stellten sich denn dem Hebräer die Engel mit Flügeln dar. Jndeß haben bei demselben die Flügel noch eine ganz andere Bedeutung. Der mosaische Cherub auf der Bundcslade hatte zwei Flügel; ergebrauchte dieselben aber nicht zum Fliegen, sondern breitete sic über die Sühnplatte aus, „überdeckend mit ihren Flügeln die Sühnplatte" (2. Mos. 25, 20). Die Bedeutung dieses Symbols war, wie wir in unserem Commentar nachgewiesen, die Scheidung zwischen dem Göttlichen und Menschlichen, um die Verwechselung beider Momente zu verhindern. Die Seraphim bei Jesaias (6, 2) hatten ein jeder je 6 Fittige, „mit zweien bedeckte der Seraph sein Antlitz, mit zweien bedeckte er seine Füße und mit zlveien flog er." Ter unbekleidete Engel deckte also mit zwei Flügeln den oberen, mit zweien den unteren Thcil seines Leibes. In der Vision des Jecheskels (1, 5) hatten die Chajoth vier Flügel, mit zweien (V. 11) bedeckten sie ihre Leiber und je zwei waren an einander geschlossen; sie flogen also mit diesen nicht, denn, wie es im Weiteren heißt, gingen sie, wohin der Geist gerichtet war zu gehen. Bei Daniel hat der Engel Gabriel zwei Flügel und fliegt mit ihnen. Wir sehen also, daß der Hebräer die Flügel an seinen Engeln zu zwei Zwecken verwandte, zum Bedecken seines unverhüllteu Leibes und zum Fliegen. Werfen wir nun unseren Blick auf die Vorstellungen der Hellenen, so wahren wir, daß sie ihre eigentlichen Götter ohne Flügel dachten, und dies wird gerade dadurch bestärkt, daß Hermes, der Götterbote, nur zwei kleine Flügel an seiner Kopfbedeckung, zwei an seiner Fußbekleidung, und zwei an seinem Stabe hat: also nur eine symbolische Andeutung des Fliegens, durch welches er zum Vollzüge seiner Sendungen geschickt war. Untere Götter dagegen, wie die Iris, die Nike (Victoria), Eos, Hebe, die Sirenen und andere untergeordnete übermenschliche Gestalten werden mit vollständigen Flügeln gedacht. Wenn Jecheskel in seiner Vision die vier Gesichter der Chajoth als ein Menschen-, Löwen-, Stierpnd Adlergesicht schaute, jedenfalls die verschiedenen Eigenthümlichkeiten dieser vier Arten von Geschöpfen den Chajoth znschreibend: so stehen dem bei den Hellenen mehrfache Gestaltungen zur Seite. Das Roß erschien als das Symbol schneller Bewegung auf dem Erdboden, und sie dachten sich daher für die ersten Reiter die Gestalt des aus Mensch und Roß zusammengesetzten Centauren. Der Fisch stellt die Bewegung im Wasser vor, und viele Seegeschöpfe sind dem Griechen deshalb aus Mensch und Fischschwanz zusammengesetzt. Die Sirene besieht aus weiblicheni Oberkörper mit Flügeln, Hahnenfüßen und mit Schuppen bedeckten Beinen. Den Päau und die Faune dachte er sich auf Bocksbeinen einherschreitend, und was dergleichen mehr, den Pegasus, das Symbol der Dichtung, versahen sie außer seiner Rossegestalt mit einem Flügelpaar. — Bemerkenswerth ist, daß die Egypter sich an keiner ihrer Göttergestalten Flügel dachte», also dieses Symbol nicht hatten-, nur zwei untergeordnete Localgötter, welche Vögel mit Menschenkopf vorstellten, waren natürlich auch mit Flügeln versehen. Dagegen zeigen uns altpersische Monumente Engelgestalten, völlig bekleidet, mit Flügeln. — In der christlichen Vorstellung sind alle Engel mit Flügeln versehen und erscheinen so auf allen Bildwerken, was die Neuzeit aceeptirt hat. — Diese kurze Skizze erweist, wie bei den verschiedensten Völkern dieselbe Vorstellung dasselbe Symbol hervorruft. VII. Wir erhalten folgende Zuschrift aus Berlin: Sie haben der Klage eines jungen Lehrers aus einer kleiner Ortschaft Raum gewährt und dieselbe widerlegt. Es giebt aber noch eine Erwägung, die Sie nicht angestellt und die mir in dieser Sache einige Bedeutung zu haben scheint. Es ist ja eine alte Erfahrung, was der Mensch besitzt, schätzt er nicht, und was ihm fern gerückt ist, das malt er sich mit den schönsten Farben aus. Zur Förderung der Zufriedenheit gereicht diese Neigung nicht. Der werthe College versetze sich nur nach einer recht großen Stadt, und er wird daselbst die Lage seiner Standesgenossen kaum beneidenswerth finden. Woran er in einer kleinen Stadt Mangel zu haben glaubt, das hat der College in einer großen zu viel, und dies schafft ihm, wie niich dünkt, noch viel mehr Unbehaglichkeit. Zuerst die geistige Anregung. Davon ist Hierselbst eine Fülle, die sehr unbequem wird. Von allen Seiten stürmt es auf uns ei», unser Interesse zu wecken, unsre Theilnahme, unser Studium in Anspruch zu nehmen. Man fühlt bei jedem Schritt, daß man in diesem und jenem Zweige zurückgeblieben oder kaum den ersten Schritt gethan hat. Die Perspectiven, die Einem von allen Seiten geöffnet werden, zeigen uns die Geringfügigkeit dessen, was wir erreicht haben, die Unzulänglichkeit unsrer Kräfte und Mittel. Die Folge ist, daß wir es aufgeben, vorwärts zu streben, daß wir ermüden und bei dem verharren, worin wir Etwas erreicht zu haben glauben. Mir scheint es daher, daß man in einer kleinen Umgebung lebendiger in seinem Streben, regsamer in seinem Bedürfniß bleibt,