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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-16 · Heft 33 (16.8.1888) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 33 (16.8.1888)
Date
1888-08-16
Page
Seite 527 (sequence 15)
Language
German
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527 weil eben so wenig auf uns eindringt. Kommen die Zerstreuungen. die Genüsse. Ein Bekannter sagte mir einst, er würde gern in Paris wohnen, jedoch nur als ein vielfacher Millionär. Denn da Alles, was Genuß und Zerstreuung, was Fortschritt im Berständniß der Künste bedeutet, sehr theuer ist, so muß der wenig Bemittelte darauf völlig verzichten. Man wäre da oft zu dem Schicksal des Tantalus verurtheilt, vor dem das ihn umgebende Wasser und die über ihm hängenden köstlichen Früchte zurückweichen. Die Resignation ist hier das Loos eines Familienvaters, der nur ein kaum genügendes Einkommen besitzt. Man vergißt zuletzt, daß es Theater und Concerte giebt, die doch nur in gar seltenen Fällen besucht werden können. Denn wenn der College nach dem höheren Gehalte in einer großen Stadt Verlangen trägt, so vergißt er, daß es hier viel theurer ist, und das Leben in einer großen Stadt eine Menge Ausgaben bringt, von welchen man in einem kleinen Orte nichts weiß. Was aber die Hauptsache ist: es giebt hier viel zu viel Menschen. Nur wenigen ist es da gegeben, die Menge zu überragen; wir Anderen verschwinden in der Masse. In einem kleineren Kreise kann sich der Einzelne durch seine Begabung und seine Wirksamkeit bald hervorthun, anerkannt werden, sich selbst an die Spitze stellen. In einer großen Stadt verliert man sich unter der großen Zahl hervortrcteuder Menschen. Du bist tüchtig, aber neben dir giebt es noch viel tüchtigere, hinter welche du zurücktreten mußt. Man kommt zuletzt darauf, sich auf den Kreis seiner Pflichten, auf die Thätigkeit in seinem Amte zu beschränken. Aber auch hier steht uns die Menge derselben Männer entgegen. Da arbeiten an derselben Anstalt wohl zwanzig College», und du kannst nicht darauf rechnen, daß du sie in ihren Leistungen überträfest. Deine Schüler vergessen dich in der nächsten Klasse und die Eltern nehmen gar keine Notiz von dir. Kaum, daß, wenn du dein fünfzigjähriges Amtsjubiläum feierst, man sich erinnert, daß du dir einige Verdienste erworben hast. Man spendet dir eine Adresse und ein Geschenk und — versetzt dich in den Ruhestand. Wie anders in einem kleine» Orte, wo die einsichtigeren Eltern Achtung und herzliches Dankgefühl für die Anstrengungen und Leistungen des Lehrers empfinden, wo Schüler und Schülerinnen, gerade wenn sie deinen Unterricht verlassen haben, dich ehren und dein Andenken niemals aus dem Herzen verlieren. Wie sehr man sich in einer großen Stadt unter der Menge und deren Treiben vereinsamt fühlt, das beweisen die vielen Vereine, die sich da, die meisten für kurze Zeit, bilden. Jedes Gymnasium, jede Lehranstalt giebt für die Zöglinge in späterer Zeit Veranlassung oder vielmehr Vorwand, sich zu einem Verein zu verbinden. Wir haben hier einen solchen sogar von den ehemaligen Zöglingen einen und desselben Waisenhauses. Dies gilt aber nur, so lange sie noch Junggesellen sind; verheirathet, verschwinden sie bald aus der Mitte der Kameraden. Solche Vereine kosten recht viel Geld und verhindern später das echte Familienleben. — Kurz, der College auf dem Lande mag es sich auf seinen schönen Spaziergängen durch Flur und Wald und über die Berge wohl überlegen, ob sein Dasein nach vielen Seiten hin nicht viel mehr Vortheile und Vorzüge besitze, als wir innerhalb des gewaltigen Weichbildes einer mächtig anwachsenden großen Stadt, aus deren Innern wir so selten hinaus können und wo wir uns viel weniger wohl zu finden vermögen. Zuletzt kommt es nur auf jeden Menschen selbst an, die Quellen seines Geistes offen zu erhalten und die Wege zu wandeln, die ihm wahre Befriedigung zu verschaffen vermögen. Vermischtes. Ein Urtheil mit Randbemerkung. Bor einigen Monaten kündigte der Marquis v. Chautalle zu Paris in den Blättern an, daß er einen Theil seines nächst Paris gelegenen Schlosses über den Sonimer zn vermiethen wünsche. Der Banquier Radour setzte sich mit dem Marquis schriftlich in Verbindung und miethete endlich den verfügbaren Theil des Schlosses für sich und seine Familie den Sommer über um 2000 Frcs. und sandte zugleich eine Anzahlung. Anfangs Mai wollte der Banquier das Schloß beziehen, da sagte ihm der Marquis, der Vertrag sei ungültig, er habe nicht gewußt, daß die Familie Radour mosaischen Glaubens sei, und er wolle nicht Leute dieses Stammes im Schlosse seiner Väter beherbergen. Tie Sache kam vor Gericht und die Richter entschieden, daß die Confession bei einem Miethvertrage keine Rolle spiele, ja, einer derselben sagte dem Marquis strenge: „Sie sollten sich schämen, solche inittelalterliche Gesinnungen zu verrathen; die Familie Radour, die es durch Intelligenz und Fleiß zu einem Vermögen gebracht, steht meines Erachtens höher, als die Familie Chantalle, die ihr Erbe bei Spiel und Weibern verschleudert hat." „Szu!" In der „Kreuzztg." liest man: „Die zunehmende Verjudung Berlins beeinflußt sogar schon den Dialect. Früher galt es als jüdische Eigenthümlichkeit, das „z" wie „ß" auszusprechen. Heute haben das fast alle Berliner nachgeahm und sagen z. B.: ,Hier giebt es was ßu sehen?" Die „Kreuzztg." muß das wissen, denn ihr Redakteur von Hannnerstein war einer der Ersten, welcher der Verjudung durch das „ßu" verfallen ist, und sogar in einer Parlamentssitzung.

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