Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 520 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227751--45534-3265053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
520 Es ist ein Jrrthum, daß Herr Liebknecht einstimmig zum Candidaten Proklamirt ist. Ich habe mit zwei meiner Freunde dagegen gestimmt. (Großer Lärm und Unruhe. Rufe: Pfui!) Ich bin überzeugt, daß, wenn Herrn Liebknecht's Tendenzen zur Macht kämen in Deutschland, das Vaterland der Vernichtung anheimfallen würde. (Lärmende Zwischenrufe.) Die Rede meines Herrn Vorredners klang wie ein Leitartikel des Herrn Richter, mit einziger Ausnahme der Stelle, wo er von den Deutschfreisinnnigen sprach. (Heftiger Lärm. Rufe: Schluß! Glocke des Vorsitzenden.) Wir, die wir Ihnen entgegentreien, wollen für das Wohl der Arbeiter sorgen, ihnen Heil und Segen bringende Gesetze schaffen. Sie schwärmen für das allgemeine, gleiche, directe und geheinie Wahlrecht. Wer hat das durchgesetzt? Bismarck war's (Rufe: Lassalle!). Was wir wollen, ist, daß Deutschland den Deutschen bleibt, deren Vorfahren es mit ihrem Blut erkämpft haben. Ihnen mag das Gefühl, Deutsche zu sein. fehlen. (Stürmische Zwischenrufe: Herunter von der Tribüne! Schluß! Lügner!) Es ist eine Unwahrheit, daß die Antisemiten aus dem Napf Bleichröder's gegessen hätten. Nie hat ein Antisemit, der es wirklich ist, Geld von Juden genommen. (Rufe: Nur Sie!) Ich, ich bin arm geworden und habe wie ein Arbeiter gearbeitet. Das Weitere kann der Herr erfahren, wenn er in meine Wohnung kommt." (Anhaltender Lärm, Zischen, Pfuirufe.) Das Wort erhielt darauf wieder Herr Baake. „Wir haben so wenig Versammlungen", — so ungefähr sagte er — „daß wir uns die wenigen nicht noch kürzen wollen durch unvorsichtige Reden. Herrn Pickenbach mag das nicht passen. Wir aber kennen die Herren Antisemiten schon und was sie in unseren Versammlungen beabsichtigen. Darum Ruhe, Freunde, geben Sie keinen Anlaß zur Auflösung! Herr Pickenbach sprach uns die Vaterlandsliebe ab. Wenn man darunter die einseitige Betonung des Deutschthums versteht, die Verachtung der andern Nationen, dann sage ich, über dem Vaterland steht noch die Menschheit. Und wenn man unter Vaterland einen Begriff versteht, in dem es liegt, daß ein großer Theil der Bewohner unter einem Ausnahmegesetz steht, dann weiß ich nicht, wo die Liebe zum Vaterland Herkommen soll. Jede Liebe muß verdient werden, und wenn Herr Pickenbach" . . . „Ich erkläre die Versammlung für aufgelöst", ertönte in diesem Augenblick die Stimme des überwachenden Polizeilieutenants. Hurrahrufe, Lärmen und Zischen antworteten darauf. Dann erscholl die Arbeiter-Marseillaise, unter deren Klängen die Versammlung auseinanderging. — Ueber den bekannten Nachruf des Prof. v. Treitschke für Kaiser Friedrich schreibt die „Prot. Kirchenzeitung": „H. v. Treitschke widmet den beiden ersten deutschen Kaisern, die binnen hundert Tagen ihrem trauernden Volke entrissen worden sind, im Juliheft seiner „Preußischen Jahrbücher" einen Nachruf, in welchem sich folgende höchst befremdliche Kritik der Kronprinzenzeit Kaisers Friedrich befindet: „In dem langen Stillleben verlor der Kronprinz zuweilen die Fühlung mit der gewaltig aufstrebenden Zeit und konnte ihren neuen Gedanken nicht mehr recht folgen. Die antisemitische Bewegung meinte er mit einigen Worten zornigen Tadels abzuthun und die Königsberger Studenten warnte er gar vor den Gefahren des Chauvinismus." Wir fragen verwundert: rechnet Herr v. Treitschke, dessen wohlfeiles Witzwort von den „hosenverkaufenden Jünglingen" noch unvergessen ist, im Ernste die Agitation des Hofpredigers Stöcker, des Herrn Böcke! und seiner Genossen vom „Deutschen Antisemitenbunde" zu den berechtigten „neuen Gedanken der gewaltig aufstrebenden Zeit?" Und haben ihn gewisse deutsche Studentenvereine dieser Zeit noch nie an jenes christliche Teutonenthum nach 1815 erinnert, welches er selbst in seiner Deutschen Geschichte also schildert: „Manchem der lärmenden Christo-Germanen diente die Religion nur als ein Politisches Schlagwort, da nun einmal Deutschthum und Christenthum für gleichbedeutend galten, einzelnen gar nur als ein Deckmantel für den Judenhaß, der zum guten Ton gehörte?" — Jedenfalls wollen wir, die wir als preußische Gymnasiasten „unfern Fritz" im leuchtenden Siegerkranze von Königgrätz gesehen und als deutsche Studenten 1870 in Frankreich unter König Wilhelms Fahnen gestanden haben, tausendmal lieber mit unserem unvergeßlichen Kaiser Friedrich zu den „Zurückgebliebenen" gehören, als mit den „neuen"Fortschrittsgedanken der Herren Stöcker, Böcke! und Consorten „Fühlung" halten!" (Und, fügen wir hinzu, mit Treitschke!) Leipzig, 3. Aug. Der „Frkf. Ztg." wird geschrieben: Die antisemitische Führerschaft scheint neuerdings die Absicht zu habe», ihr Hauptquartier im Königreich Sachsen aufschlagen zu wollen. Nachdem sich Liebermann von Sonnenberg als der hervorragendste Mitarbeiter der „Antisein. Corr." dauernd in Leipzig niedergelassen hat, beabsichtigt jetzt auch Hr. v. Schönerer nach Verbüßung der ihm zudictirten Strafhaft sich in Sachsen seßhaft zu machen. (Wenn diese Leute ihre Bienenstöcke Berlin und Wien verlassen, so ist dies ein Beweis, daß sie daselbst keine Arbeitsbienen mehr für sich finden.) Mannheim, 8. Ang. (Privatmitth.) Aus den am Schluffe des Schuljahres 1887,88 veröffentlichten Programmen der Mittelschulen entnehmen wir folgende Notizen: Das Gymnasium wurde von 327 evang., 148 kathol. und 163 israel. Schülern, das Realgymnasium und die Realschule von 406 evang., 208 kathol. und 13 l israel. Schülern, und die höhere Mädchenschule von 160 evang., 58 kathol. und 269 israel. Schülerinnen besucht. Die für den israel. Religionsunterricht bestimmte Stundenzahl betrug am Gymnasium 10, am Realgymnasium 8 und an der höheren Mädchenschule 10 pro Woche. Der größere Theil bieser Stunden wurde von