Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 519 (sequence 7)
- Language
- German
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519 antisemitischen Conservativen, fortan sich kräftig bethätigen werden, indem sie als ihre Aufgabe betrachten, „neben der Beseitigung des wirthschaftlichen Druckes, den das Judenthum auf das deutsche Volk ausübt, vor Allem zu erstreben, daß unserem Staats- und Volksleben die unschätzbaren Güter der christlichen Ehe, der christlichen Schule und der christlichen Obrigkeit erhalten bleiben, beziehungsweise wiedergewonnen werden." Was also die Conservativen beabsichtigen, ist hiermit klar gelegt: Aufhebung des Civilehegesetzes, Herrschaft der Kirche über die Schule, Widerruf der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung aller Bekenntnisse zu Ungunsten des Judenthums nebst sofortiger Ausschließung aller Juden von öffentlichen Aemtern und Lehrstühlen. Hiermit wissen denn nun auch die Nationalliberalen völlig deutlich, was sie im Kartell mit den Conservativen unterstützen. Das Hauptmoment liegt in den bevorstehenden Wahlen. Erhalten die Conservativen durch dieselben im preußischen Landtage durch eine verhültnißmäßig geringe Zahl von Sitzen mehr die Majorität, so haben wir Anträge auf die Aufhebung jenes Paragraphen der preußischen Verfassung, welcher alle Preußen vor dem Gesetze gleich erklärt, zu erwarten. Wir glauben nicht, daß sie mit diesen Anträgen einen Erfolg erzielen werden, denn sie werden sämmtliche andere Parteien und die Staatsregierung hierin gegen sich haben. Denn auch das Centrum hat sich schon 1856 und seitdem wiederholt gegen jede Verletzung der Gleichberechtigung erklärt. Hiernach stellt sich die Lage der Dinge in Berlin folgendermaßen heraus. Das große Publikum hat das Interesse an der antisemitischen Agitation größtentheils verloren; Stöcker und Wagner verhalten sich seit geraumer Zeit still; die radikalen Antisemiten drängen sich unter Böckel, Paul Förster und v. Liebermann zu einer Wahlagitation, erbittern aber dadurch die Conservativen, und diese erklären sich offen als Antisemiten und stellen gesetzgeberische Anträge in Aussicht. Es gilt also einen Kampf der Parteien um die hochwichtige Frage, ob die Orthodox - Conservativen in Preußen die Oberhand und zuletzt das Regiment erlangen werden. Nach dieser unzweideutigen Lage der Dinge hat jeder Wähler seine Stellung zu nehme», um so mehr, als es ja an anderweitigen Anzeichen für die vorherrschende oder doch sich herandrängende Strömung nicht fehlt. %>caX\a\x^vxoc XX. Deutschland. Bonn, 8. Aug. (Privatmitth.) Das „Lehrbuch der israelitischen Religion für die oberen Classen der Gymnasien, Mirielschulen und,die Confirmation von J)r. Subwig PHilippson", welches (in einem Bande) bei Hölder in Wien erschienen, das schon früher zur Einführung in preußische Gymnasien vom königl. Unterrichtsministerium autorisirt worden, hat jüngst auch von der Provinzialrcgierung die Einführung in das Gymnasium zu Bonn als Lehrbuch bestätigt erhalten. Berlin,6. August. Am 1. d. M. Abends wurde eine socialdemokratische Wählerversammlung, die Ersatzwahl im 6. Berliner Reichstagswahlkreise betreffend, polizeilich aufgelöst. Man schreibt dies den von den Antisemiten bewirkten Störungen zu. Wir glauben nicht mit Recht. Denn einerseits waren in der Versammlung nur drei Antisemiten anwesend, und dann geschah die Aufreizung von Seiten der Redner selbst. Der Verlauf dieser Versammlung ist deshalb für uns nicht ohne Interesse. Nachdem nämlich ganz ordnungsmäßig und ruhig ein Wahlcomitö von fünf Mitgliedern gewählt und der bekannte Socialdemokrat Liebknecht als Candidat ausgestellt worden, nahm der Redacteur des „Berl. Volksbl.", Herr Baake, das Wort zu einer Kritik der Parteien, mit denen die Socialdemokraten bei der bevorstehenden Reichstagsnachwahl zu rechnen haben würden. Es seien dies die freiconservativen Cartellbrüder mit Herrn Holtz und die Antisemiten, die eigentlich dasselbe wollten, wie die Conservativen, nur daß sie den Klassen- und Rassenhaß, die Glaubcnsverfolgung noch schärfer betonten. Weil der kleine Handwerker hauptsächlich mit jüdischem Capital arbeite und dabei nicht vorwärts komme, so meine er, die socialen Schäden gingen nur von den Juden aus. Das ist um so thörichtcr, weil das jüdische Capital nur ein Theil des allgemeinen Capitals ist. Und das sei international und confessionslos. Was soll man im Nebrigen von einer Partei sagen, die aus den Krippen des Herrn v. Bleichröder gegessen hat." (Zwischenruf: Ich bitte ums Wort! Pickenbach! Lärm und Gelächter.) Mit einem lebhaften Mahnwort an die Wähler des sechsten Wahlkreises, geschlossen für Liebknecht bei der Wahl einzntreten, schloß Redner. Als der Beifall, der seinen Worten folgte, sich gelegt hatte, erhielt Herr Pickenbach, der frühere Führer der Antisemiten, das Wort trotz einigen Widerspruchs. „Ich bi» gekommen", sagte er, „weil die Wähler des sechsten Wahlkreises im Allgemeinen aufgefordert worden sind, zu erscheinen, und aus diesem Grunde halte ich mich auch für berechtigt, zu sprechen.