Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 518 (sequence 6)
- Language
- German
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518 Vom gegenwärtigen Stand -es Antisemitismus in Derlin. In den letzten Lebensjahren Kaiser Wilhems I. verstiiittmte attmälig das laute Geschrei der Antisemiten. Nicht etwa, weil es irgendwie auf Schranken stieß, sondern aus anderen Ursachen. Ein großer Theil des Publikums hatte an den immer wiederholten Hetzrede» das Interesse verloren, besonders weil es den Antisemitismus ohne reelle Erfolge bleiben sah, nicht weniger, weil man die Verquickung jenes mit den Christlich-Socialen, noch mehr mit der Orthodoxie unangenehm empfand. Eine wesentliche Ursache des allmäligen Stillschweigens war aber das Zustandekommen des Kartells zwischen Conservativen und Nationalliberalen. Wie auch die Gesinnung der letzteren sein mochte, das öffentliche Auftreten der Antisemiten widersprach ihnen. Sie machten cs also ihren conservativen Verbündeten zur Bedingung, daß das antisemitische Geschrei niomentan aufhöre. Man hielt damals das Vaterland für in Gefahr. Die Furcht vor einem Kriege gegen das mit Frankreich verbündete Rußland beherrschte alle Gemüther; sobald aber eine Gefahr eintritt, fühlt man auch, daß man dieselbe nur durch die Vereinigung aller Kräfte beschwören könne, und man läßt deshalb die inneren Streitigkeiten zeitweise fallen. Dies bewog wohl die Conservativen, die ja stets Freunde und Förderer des Antisemitismus gewesen, in die gestellte Bedingung zu willigen, so daß man vor den bevorstehenden Reichstagswahlen von einer „Schonzeit der Juden" sprach. Man hoffte dadurch auch jüdische Wahlstimmen zu erhalten und jüdisches Geld für die Wahlkosten, was in der That auch nicht ganz ausblieb. Niemals hat es sich offener gezeigt, daß der Ursprung der modernen antisemitischen Hetze in dem Bestreben gewisser Personen zu suchen sei, durch die erweckte Volksleidenschaft zu Mandaten im Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause zu gelangen. Dasselbe Spiel hat sich ja auch in Oesterreich und Ungarn wiederholt. Glaubt man vor einer Wahl durch den Antisemitismus Stimmen zu gewinnen, so läßt man ihn ungezügelt los; hofft man das Gegentheil, so verhindert man ihn. Die Operation hat für einige Agitatoren auch den Zweck erreicht. Durch das Kartell wurde Stöcker mit Hilfe der Nationalliberalen in Siegen wiedergewählt, und Böckel erhielt in Marburg ein Mandat. Nicht geringer aber muß man das Verstummen gewisser Führer der Antisemiten darauf rechnen, daß der Regierungsantritt Friedrich III. in immer nähere Aussicht kam; auch wurde es sicherlich durch den ewig denkwürdigen Erlaß dieses Kaisers an den Reichskanzler nachhaltig bewirkt. Stöcker selbst ließ sogar in den christlich-socialen Versammlungen die Juden bei Seite liegen, ging in seinem Bestreben für die „Stadtmission" ganz auf und berührte die Juden auch in seinen Missionsreisen in Süddeutschland nicht. Jndeß konnte man erwarten, daß mit dem so tief betrauerten Tode des Kaisers Friedrich dieses Stillschweigen bald wieder gebrochen würde. Allein es hatte sich unterdeß unter den Antisemiten selbst ein Bruch vollzogen. Ein Theil derselben war zwar fanatisch gegen die Juden gesinnt, aber durchaus nicht conservativ und noch weniger orthodox. Man weiß ja, wie seltsam die Mischung der Denkelemente in manchen Geistern ist, und wie sich namentlich mit dem Fanatismus in specifischen Dingen Gegensätze miteinander vereinigen können. Dies that sich schon im Reichstage kund, und wenn die Conservativen einer Hetzrede Böckel's gegen die Juden zujauchzten, so waren sie doch von Unwillen erfüllt, als sie diesen Mann in politischen und socialen Fragen auf der Seite ihrer Gegner fanden. Es währte nicht lange, so donnerte Stöcker in Versammlungen gegen Böckel, und Böckel gegen Stöcker. Gegenwärtig stehen nun die Ersatzwahl für den Reichstag im tt. Berliner Reichstags- Wahlkreise und die Wahlen zum preußischen Landtage bevor. Es gilt hier das Verhalten der Parteien zu einander. Die radikale Fraction der Antisemiten will nun ihre Gefolgschaft für die Conservativen aufgcben, da sie aus ihrer Verbindung mit diesen keinen Vortheil erfahren und noch weniger zu erfahren hoffen durfte. Sie stellt deshalb für jene Ersatzwahl einen eigenen Candidaten in vr. Paul Förster auf. Im Grunde haben nur die Socialdemokraten in diesem Wahlkreise Aussicht auf Erfolg, da sie bei der vorangegangenen Wahl über 30,000 Stimmen für sich hatten. Der innere Zwist der Parteien und Fractionen will aber seinen Ausbruch haben; man will auf der Bühne erscheinen, wenn auch die Niederlage gewiß ist. lieber dieses selbständige Auftreten der radikalen Antisemiten entstand nun eine große Erbitterung unter den Conservativen, und diese wurde von der „Cons. Corr." aufs Nachdrücklichste bekundet, indem sie jene Antisemiten „Radauantisemiten" nannte. Doch konnte dies von den Antisemiten überhaupt mißverstanden werden, während die Hilfe derselben von den Conservativen durchaus nicht verschmäht wird. Das Amt, Licht in die Verwirrung zu bringen, übernahm die „Kreuzzeitung". Zunächst brachte sie Judenhetzartikel, wie sie erbitterter, zügelloser und aller Besonnenheit und Wahrheitsliebe baarer niemals geschrieben worden, und dies will doch bei diesem Blatte seit 1849 viel sagen. Dann erklärte sie, der „Cons. Corr." gegenüber, „daß zwischen den vernünftigen, der Stöcker'sche» Richtung nahestehenden Antisemiten und den Conservativen eine Cooperation nicht nur in Berlin sich unschwer wird anbahnen lasse»." Sie ging noch weiter; mit einer Offenheit, die nichts zu wünschen übrig läßt, proklamirte in den jüngsten Tagen die „Kreuzzeitung" die Gemeinsamkeit der Conservativen und der Antisemiten Stöcker'scher Observanz, und erklärte, daß sie, die