Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 517 (sequence 5)
- Language
- German
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517 sen zu haben glauben, und zwar thut dies Vatke um so mehr, als er kritisch nachweist, daß die synoptischen Evangelien aus einer Urschrift Stücke entlehnten und mit Einschaltungen nach umlaufenden Traditionen, aber auch mit bestimmter Tendenz versahen. Von der Idee des „Gottmenschen" findet Vatke im Leben und in den Worten Jesu keine Spur, und von der „Erlösung durch den Tod Jesu" nur erst im „Abendmahl" eine Andeutung. Daß aber von dem Dualismus, d. i. der Existenz und Herrschaft des Satans und seiner Geister, im Leben Jesu recht viel die Rede sei, erkennt auch er an. Wir glauben deshalb, daß das Entstehen dieser drei „Grundprinzipien des Christenthums" nicht nach der Reihe geschah, wie sie Vatke aufstellt. Der Dualismus Gottes und Satans, der aus der parsischen Religion herübergckommen, machte das Dogma von der Erlösung durch den Tod Jesu nothwendig. Aber dieses zweite Dogma konnte eine wirkliche Bedeutung nur durch den Glauben an den „Gottmenschen" erhalten. Für uns hat dies einen Werth dadurch, daß hieraus der geschichtliche Umstand Erklärung findet, daß sich anfänglich unter den Juden Anhänger Jesu fanden; sobald aber die beiden Dogmen vom Dualismus und der Menschwerdung Gottes in der christlichen Gemeinde aufkamen und herrschend wurden, die Juden das Christenthum perhorrescirten, sich ihm entfremdeten und feindlich gegenüberstellte». Im Grunde erkennt Vatke diese Stellungnahme der Juden auf Grund des Judenthums als gerechtfertigt an, wie man aus seinen Worten ersieht, die wir am Schlüsse des vorigen Artikels citirt haben. Von hier ab folgen wir unserem Autor nicht weiter. Er versucht es, jene Dogmen religionsphilosophisch zu erklären und zu rechtfertigen, indem er ihnen, wie dies schon so Viele vor ihm versuchten, philosophische Begriffe einzusenken strebt. Wir bekennen, daß wir in seinen Auseinandersetzungen viel mehr Worte, ja einen Ueberschwall von Worten, als klare philosophische Begriffe finden. Auch ihm ergeht es so, daß er den Sinn mehr verschleiert und verdunkelt als klarlegt. Dann kommt er auf die populäre Formulirung jener Dogmen durch die Kirche und findet darin die auffälligsten Widersprüche. Dies zeigt sich dann auch in der Mannigfaltigkeit der Kirchen und Sekten, und wir erinnern an jenen, vor einigen Jahren abgehaltenen Congreß der Altkatholiken, griechisch Orthodoxen und Anglikaner, um eine Vereinigung der Kirchen in einer gemeinsamen Formulirung der Dogmen zu Stande zu bringen. Es kam da eine solche Verschwimmung der Glaubenssätze zu Stande, daß der Versuch völlig schei-. kann, da er sich hiermit vor Gott und Menschen zu Glaubenssätzen bekennen muß, welche er nicht als wahr anerkennt. Denn selbst ein Kritiker und Denker wie Vatke, kommt zu dem Resultate, daß jene Lehren von der Menschwerdung Gottes, vom Reiche des Satans und von der Erlösung durch den Tod Jesu „Grundprinzipien und Mittelpunkte des Christenthums" sind, also vom Christenthume nicht willkürlich getrennt werden können. Am Schluffe seines Werkes zieht Vatke auch den Mohamcdanisinus in Betracht, als die dritte monotheistische Religion. Dieser Theil hat jedoch keinen besonderen Werth, denn er begnügt sich, an dem Lebensganze Mohameds die Entwickelung seiner Ansichten und Lehren und die Veränderungen» die er mit ihnen vornahm, darzustellen, ohne eine religionsphilosophische Beurtheilung hinzuzufügen oder den Islam in seiner Ausbildung als Religionssystem zu betrachten. Wir wollen nur bemerken, daß Vatke auch den Mohamedanismus als unmittelbar aus dem Judenthum erwachsen anerkennt. Er sagt: „Nach der Chronik von Tabori waren schon vor der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar viele Juden nach Arabien ausgewandert, und die Nachrichten arabischer und byzantinischer Schriftsteller lassen in Uebeinstimmung mit der jüdischen Tradition darauf schließen, daß sich frühzeitig ein weitverzweigtes jüdisches Leben auf der Halbinsel entfaltete. Indem nun diese arabischen Juden allmählich arabische Sitten annahmen und altarabische Glaubenselemente in den Kreis ihrer religiösen Vorstellungen zogen, andrerseits aber die Araber selbst mit den Grund - zügen des alttestamentlichen Monotheismus bekannt wurden, entstand in dem noch heidnischen Arabien aus einer Kreuzung von Judenthum und Heidenthum der Islam, d. h. die Lehre der unbedingten Unterwerfung unter Gottes Willen". „Mohamed war in jüdisch-arabischer, d. l>. hanifischer Umgebung aufgewachsen und hatte dann das Judenthum auf seinen Geschästsreisen außerhalb Arabiens noch näher kennen ge lernt." Aus diesem entnahm also Mohamed seinen monotheistischen Grundgedanken, den er jedoch während seines vielbewegten, wechselreichen und sittenlosen Lebens mannigfach modificirte. Deshalb konnten und wollten die Juden ihni, seinem Fatalismus, seiner Feindseligkeit gegen alle, die sich nicht zu ihm bekannten, und seinen materiellen Schilderungen vom Paradiese nicht folgen, und Mohamed hinwiederum verfolgte die Juden wie die Christen und wollte sie der Vernichtung preisgeben. Hiermit scheiden wir von dem Werke Vatke's, dem wir terte. Für das Judenthum geht auch aus der Untersuchung volle Anerkennung vieles Bedeutenden in ihm widnien, und und Bearbeitung Vatke's nur die Nothwendigkeit seiner welches schließlich in seiner Tiefe doch nur die Zustimmung Existenz zur Vertheidigung der monotheistischen Gotteslehre zu den Grundlehren des Judenthums enthält. hervor, und daß ein von dieser Gotteslehre überzeugter Jude; _ niemals sich zu den Lehren des Christenthums bekennen'