Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 516 (sequence 4)
- Language
- German
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516 die Empfindlichkeit der Christen gegen Aeußerungen von Seiten der Juden sehr gewachsen ist, müssen wir doch die einleitenden und übersichtlichen Worte unsres Autors hier wiedergeben, um zu zeigen, wie 'sich dieser scharfsinnige Denker und Kritiker das Verhältniß des historischen Christenthums zum Judenthume denkt. Er sagt (S. 516): „Das Christenthum ist unter allen Religionen, die uns geschichtlich gegeben sind, die merkwürdigste und bedeutendste schon deshalb, weil es die Religion der neueren Kulturvölker bildet und eine Entwickelung darbietet, wie keine andere Weise der Gottesverehrung sie aufzuweisen hat, sodann deshalb, weil es eine Fülle der tiefsinnigsten Elemente, die oft mit den Resultaten der erhabensten und schärfsten Spekulationen übereinstimmen, enthält, und endlich, weil es trotz alledem eine so große Menge von Widersprüchen wie kaum eine andere Religion in sich hegt und daher auch in den einzelnen Weisen seiner Erscheinung weiter auseinandergeht, als irgend eine andere Religion; denn wenn man die verschiedenen Richtungen des Christenthums mit einander vergleicht, das Urchristenthum mit seinen einfachen Anschauungen, die Zeit der Reformation mit ihren Lehren, die angeblich bloße Wiederholungen der ursvrünglichcn Lehre sein sollten, dann die neuere Orthodoxie, die doch auch nur wiederherstellen will, so sehr sie auch vom Urchristenthumc abweicht, und andrerseits wieder das katholische Christenthum, dort die griechisch-katholische Lehre mit ihren Heiligen und Märtyrern und Reliquien, mit ihren rein materialistischen Elementen und der Lüge, die sich in ihnen ausspricht, mit ihren Madonnenerscheinungen und den wunderbaren Heilungen, so sollte man kaum glauben, daß alle diese widersprechenden und sich bekämpfenden Erscheinungen aus einer Quelle stammen, daß eine Religion der Wahrheit und des Geistes sich in ihnen spiegelt, man möchte vielmehr behaupten, das Christenthum ist in seinen geschichtlichen Erscheinungen, in den besonderen Richtungen hier und dort je eine besondere Religion. Tritt doch bei den Katholiken Gott ganz in den Hintergrund, verschwindet doch selbst der Sohn Gottes vor der Maria, besonders in Italien und Spanien, und vor den vielen Heiligen, die angerufen werden und alle ihre Feste haben. Ist das noch dieselbe Religion mit dem Urchristenthum? Diese Erscheinung erklärt sich nun allerdings geschichtlich ganz einfach. Das Christenthum kam in die Welt, ursprünglich aus dem mütterlichen Schooße des alttestamentlichen Monotheismus geboren, aber frühzeitig mit anderen und aus anderen Gebieten stammenden Elementen erweitert, es wurde dann vorzugsweise von früheren Händen fortgebildet, gelangte darauf zu vielen und nach ihrer Anlage und Natur ganz verschiedenen Böller», ging damit in ganz heterogene Verhältnisse ein und nahm auf diese Weise allmählich in seine Erscheinungsformen die zum Theil widersprechendsten Elemente auf. Nur in der strengsten Glaubenslehre erhielt sich noch eine gewisse Einheit in der Entwicklung, während das konkrete Leben, die wirkliche Religion in den einzelnen Gebieten und Sphären viel weiter differirt als die Dogmatik." Im Ganzen sind dies dieselben Ansichten, welche wir schon 1847 in unsren Vorlesungen über die Entwickelung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam ausgesprochen, und die uns damals von christlicher Seite verübelt worden. Doch können wir eine Bemerkung nicht unterdrücken. Vatke bezeichnete die doch vorübergehende und wie er selbst zugesteht wirkungslose Spaltung der Pharisäer, Sadduzäer und Hellenisten — die Essäer kommen hierbei garnicht in Betracht — als eine „Auflösung". Dann müßte er die von ihm geschilderte Zerklüftung des Christenthums als eine „Zersetzung" ansehen. Er hütet sich wohl, denn der Bestand des Christenthums durch fast 19 Jahrhunderte läßt eine solche Auffassung nicht zu. Es gleicht vielmehr einer Wurzel, aus welcher gesonderte Stämme ausj gewachsen. Aber auch das Judenthum hat diese 19 Jahrhunderte durchlebt und zwar als ein einziger fester und lebenskräftiger Stamm und hat seine Entwickelungsperioden bis auf die gegenwärtige Zeit organisch durchschritten. Vatke findet die „Grundprinzipien des ganzen Christenthums" zunächst „in dem Glauben, daß Gott Mensch geworden ist, in der Idee des Gottmenschen, in welchen! sich Gott mit der menschlichen Natur verbunden habe." Zweitens, daß „im Urchristenthume das dualistische Element ausgebildet ward, indem man den gewöhnlichen Weltlauf als unter dem Einfluß, des Satans und seiner Geister stehend betrachtete, die alles Böse in der Welt, den Abfall vom wahren Gott, besonders auch Krankheiten und Wahnsinn bewirken sollten". Deshalb werde „am Ende der Zeiten Gott selbst in Menschengestalt auf Erden erscheinen, um das Reich des Bösen zu überwinden".') Endlich die Erlösung der Menschen durch den Tod Jesu und den Glauben an diesen. Ist dieses richtig, so müssen wir selbst das Urchristenthum von der Lehre Jesu selbst trennen und als ganz verschieden betrachten. Denn Vatke erweist selbst, daß Jesus bis zu seinem Einzuge in Jerusalem sich lediglich für einen Propheten und erst mit jenem Einzuge als Messias erklärt habe, worauf er »ach wenigen Tagen von den Römern hingerichtet wurde. „Denn diese pflegten bei dergleichen Erscheinungen, wie Josephus ja mehrere Beispiele hat, einen kurzen summarischen Prozeß zu machen" (S. 528). Hiermit hat unser Autor die Ansicht seinerseits bestätigt, welche wir in unsrer Broschüre: „Haben wirklich die Juden Jesum gekreuzigt?" dargelegt und erwie- I) Diesem Dualismus gegenüber müssen wir nachdrücklich betonen, daß im Judenthume der „Satan und seine Geister" niemals eine dogmatische, osftcielle, kirchliche Stelle einnahmen, sondern nur im Volksglauben, ganz wie der „Engel des Todes" mit dem gezückten Schwert und dem Gisttropfen an dessen Spitze, die „Lilith"' u. a.