Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 515 (sequence 3)
- Language
- German
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515 schiedenen Stände und Klassen und in der Beseitigung der Gleichberechtigung aller Staatsangehörige», welche die Neuzeit mit so vielen Anstrengungen und unter so erschütternden Stürmen errungen hat. Sie will wie in früherer Zeit die Alleinherrschaft im Staate wieder erobern und alle anderen Stände und Volkseleinente zurückdrängen und beherrschen. — Nirgends wüthet dieser Nationalitätenhaß so arg, wie gegenwärtig in Oesterreich, und die Sonderungen, die er bewirkt, gehen z. B. so weit, daß in Wien sich ein ausschließlicher „deutscher Radfahrerverein" gebildet hat. Wie die Spitze dieser Nationalitätensucht und dieses falschen Conservatismus, unterstützt von Conkurrenzneid, sich ganz besonders gegen die Juden gerichtet hat, ist bekannt. Selbstverständlich muß dieser Partei das Wort Humanität einen wahren Schrecken einjagen. — Auf demselben Wege geht auch der kirchliche Zelotismus vor. Dieser wittert in jeder humanen Regung, in jeder Vergesellschaftung von Menschen verschiedener Confessio« einen ihm zuwider wirkenden Gegensatz, einen Verlust für seine Sache, ja eine Schädigung. Ihm kommt es darauf an, eine Kluft zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen immer wieder herzustellen, zu erweitern und unüberbrückbar zu machen. Jedes Gebiet des Lebens, das gewerbliche wie das der Wohlihätigkeit und Geselligkeit, will dieser Zelotismus nach den Confessioneu abgrenzeu und es dahin bringen, daß der Katholik nur für Katholiken, der Protestant nur für Protestanten, der Jude nur für Juden lebe und wirke. Er zwingt dadurch absichtlich die anderen Religionsgenossen, denselben Weg beschreiten zu müssen, da ihnen ja nichts Anderes übrig bleibt. Beweise und Beispiele hierfür und für den traurigen Einfluß, den diese Partei, die ihr Haupt wieder so stolz emporgerichtct, übt, brauchen wir nicht anzufiihren, sie stoßen einem Jeden Tag für Tag auf. So schlimm aber auch die Aussichten sind, die sich durch diese den Tag beherrschenden Einflüsse eröffnen, so brauchen wir doch nicht zu verzagen und an denk Bestehen und der Wirksamkeit der Humanität zu zweifeln. Gerade die Heftigkeit der Gegner erhärtet uns dies. Was man auch dagegen sage und thue, der Zug der Zeit geht auf Humanität und deren Bethätignng hin. Hierfür wirken zuerst die materiellen und die geistigen Interessen. Die großen Erfindungen unserer Zeit fördern den Verkehr und Zusammenhang der Völker in ungeahnter Weise, ja sie beruhen auf diesem Zusammenhang aller Theile des Erdballs und könnten ohne ihn nicht fortbestehen. Die materiellen Bedürfnisse sind nicht minder dafür thätig. Trotz aller Zollschranken ist die Existenz der Völker gegenwärtig auf den Austausch der Erzeugnisse des Bodens und der Industrie angewiesen. Die einen Völker können nicht entbehren, was nur die anderen produciren, und wenn in einem Lande Mißwachs vorkommt, müssen ihm die Produkte der anderen aushelfen. Noch mehr findet dies auf geistigem Gebiete statt, und keinem Nationalhasse ist es möglich, Wissenschaft, Literatur und Kunst zwischen den entlegensten Völkern, ja auch zwischen den einander feindlichst gesinnten am Austausche ihrer Erzeugnisse, der Resultate ihrer Forschungen und ihres Könnens zu verhindern. Wie ein gewaltiger Strom alle Hindernisse und Dämme durchbricht, so der mächtige Fluß des geistigen Lebens alle Schranken, welche die Spaltung und der Haß im Nationalgciste aussühren möchten. Erst recht findet dies auf dem Boden, der ganz besonders der Humanität zu eigen ist, auf dem der Wohlihätigkeit, der Gemeinnützigkeit statt. Die jüngste Zeit hat dies genügend erprobt. Denn wenn in einem Lande ein großer Unfall stattfindet, beeilen sich die anderen Völker, ihm Unterstützung zu bringen und die Roth nachdrücklich zu verringern. England, Deutschland, Italien, Spanien haben dies wechselweise gethan und empfunden. Immerfort, wo es einen gemeinnützigen Zweck gilt, vereinigen sich die Bekenner der verschiedenen Religionen in Opferwilligkeit. Wenn in Ortschaften, Kreisen, Provinzen oder dem ganzen Staate ein allgemeines Bedürfniß auftaucht und erkannt wird, treten die Glieder aller Stände und Confessionen zusammen, um jenem abzuhelfen und einen heilsamen Zweck zu erreichen. Und nun gar, wenn das Vaterland in Gefahr geräth. Da fallen alle! Schranken nieder, alle sonst getrennten Meinungen verschwini den und von allen Händen wird Gut und Blut dargeboten,! um die Rettung des Vaterlandes zu bewirken. Alle diese Züge, deren wir ja noch mehr anführen könnten, beweisen, daß trotz aller Anfeindungen die Humanität im innersten Wesen unsrer Zeit besteht und wirkt, daß sie über alle Geg- : uerschaft siegen werde und daß gerade unter ihrer Herrschaft Nationalität und Religiosität ihre gerechte Befriedigung finden werden. So wollen auch wir Israeliten niemals aufhören, unsre Kräfte in den Dienst der Humanität zu stellen, ] wie sie von unsrer Religion zuerst und aufs Nachdrücklichste verkündet worden; mögen wir vielleicht gerade hierdurch unsre! Gegner, wenn auch nicht entwaffnen, doch beschämen und abschwächen. Aus der christlich-religionsphilosophischen Literatur und ihren Heziehungen;um Indenthnm. in. (Schluß.) Nach diesen Zugeständnissen an das Judenthum, die von einem christlichen Theologen gewiß anerkennenswerth sind, wird man um so mehr verlangen, zu erfahren, wie Vatke sich über das Christenthum ausspricht. Ohne hier ins Einzelne gehen zu wollen, was wir um so mehr vermeiden, als 33*