Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1888)
- Date
- 1888-08-16
- Page
- Seite 514 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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514 Gott gleich geschaffen, vor Gott gleich geachtet und mit denselben Ansprüchen auf Recht und Liebe versehen sind. Dies ist einfach und dem Verstände wie dem Herzen so entsprechend, daß man sich wundern darf, dieser Humanität nicht immer und überall zu begegnen. Und doch ist es fast zur Mode geworden in der jüngsten Zeit, gegen Humanität und „Aufklärung" zu poltern, sie zu verspotten, sie als Verirrung zu bezeichnen, natürlich bei Vielen auch mit dem Vorbehalt, gegen sie und ihre Conseqnenzen zu agitiren und ihre Gegensätze herrschend zu machen. Wie das immer der Fall ist, die große Menge der Denkträgen neigt sich den Schlagwörtern und den energisch wiederholten Behauptungen zu und perhorrescirt diejenigen Prinzipien, welchen sie früher zugejauchzt und ihre Hilfe geleistet hatte. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts standen gerade in der deutschen Nation Apostel der Humanität auf und Geistesbeloen wie Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul u. A. verkündeten mit Begeisterung die Lehren der Humanität. Aber die modernen Jünger des Widerspiels verwerfen ja auch diese Zierden des deutschen Genius und möchten sie gern aus den Händen des Volkes bringen. In der letzten Zeit haben diese einen Feldzug gegen die Freimaurerei begonnen. Es ist dies nichts Neues; die Ultramontancn sahen zu aller Zeit in diesem Orden einen Feind, und in der protestantischen Sphäre machte sich dasselbe immer geltend, wenn man in den maßgebenden Kreisen einen sogenannten frommen Geist voranssetzte oder erkannte. So war cs z. B. in der Hengstenberg'schen Zeit unter Friedrich Wilhelm IV., wo ein erbitterter Kampf und, man muß es anerkennen, mit Geist und Kraft gegen jenen Orden geführt wurde. Dies würde uns nun nicht interessiren, wenn nicht eben dieser Groll daraus entstünde, daß die echte Freimaurerei auf dem Grundsätze der Humanität beruhte, und in ihren Schooß Mitglieder aller Nationalitäten, aller Confessionen und Stände aufnähme, absichtlich, um die so vielfach auseinander gerissenen Menschen auf diesem Boden zu vereinigen. — Welche sind nun die Mächte, die man gegen die Humanität ausspielt? Die Nationalität und die Kirchlichkeit. Man vertauscht nämlich absichtlich die Humanität mit dem Kosmopolitismus. Den letzteren erklärt man für den Feind der Nationalität, indem er die politischen Interessen verallgemeinere und den Nationen die besondere politische Rolle abspreche. Hierin mag man wohl Recht haben, aber Kosmopolitismns und Humanität sind durchaus verschiedene Dinge. Die letztere hat mit politischen Verhältnissen garnichts zu thun und stellt sogar gewisse Forderungen zwischen kriegführenden Nationen auf, um Grausamkeit und schrankenlose Gewaltthätigkeiten zu verhindern. Die Humanität überläßt den Nationen ihr Politisches Gebahren und verlangt nur, daß auch zwischen den Gliedern der verschiedensten Nationen Recht und Liebe gewahrt, ein humanes Verhalten beobachtet werde. Die Humanität und Nationalität stehen an und für sich einander durchaus nicht gegenüber, so wenig etwa wie die Vaterlandsliebe die Familienliebe, die Liebe zum Staate die Liebe zur Ortsgemcinde, die Liebe zu den Eltern die Liebe zu den Geschwistern ausschließt. Wir haben in diesem Blatte so oft das Recht des nationalen Geistes, die Unentbehrlichkeit des nationalen Sinnes zur Entwickelung der nationalen Individualität, zur Entfaltung des nationalen Genius gewürdigt, daß wir wahrlich nicht in den Verdacht kommen können, den Werth und die Berechtigung der Nationalität zu mißachten. Wer das Recht und die Freiheit des Individuums auf die Entwickelung seiner Eigenart anerkennt, muß dasselbe auch der Individualität der Nation zugestehen und einsehen, daß die Culturentwickelung der Menschheit gerade auf der Entfaltung der Nationalitäten beruht. Nur wer aus der Gesammtheit der Individuen einen gleichartigen Brei machen und jede individuelle Freiheit unterdrücken will, kann! auch der Nationalität ihre volle Berechtigung nicht zuerkennen. Aber was jene wirklichen oder vorgeblichen Eiferer für Nationalismus wollen, geht über die Grenzen des Rechtes hinaus; sie wollen ihre Nation von den anderen absondern, ihr die Macht und Herrschaft über die anderen verschaffen, und vergöttern die Vorzüge ihrer Nation, daß alle anderen davor in Schatten treten. Sie säen Wind, bis Sturm daraus geworden; sie Pflegen mit dem Hochmuth den Haß der Nationen unter einander, und so sind sie die Ursache, daß die Völker immerfort auf dem gui vive gegen einander stehen und zur Versöhnung und zur Ausgleichung ihrer Interessen nicht gelangen können. Dies sind in der Gegenwart die eifrigsten Feinde der Humanität, welche letztere sie in die Acht zu erklären sich bemühen, da sie der Nationalität entgegenwirke, was sie innerhalb der gerechten Grenzen gewiß nicht thut. Aber diesen Eifer und Haß tragen sie auch in das Innere der Völker, und da kaum ein Staat geschichtlich nicht aus der Verschmelzung oder Zusammensetzung vonBürgern aus verschiedenen! nationalen Ursprung besteht, so fachen sie Zwietracht und Feindseligkeit unter diesen an, wollen ihren vorgeblichen Stamm zur Alleinherrschaft bringen und alle anderen Elemente durch Ausnahme- und Beschränkungsgesctze abscheiden. Sie beachten dabei weder das Recht derer, die sie für anders geartet erklären, noch ob dieselben längst mit der Nationalität sich verschmolzen haben: sie wollen Spal tung und Unterdrückung, um für sich ausschließende Vorrechte zu gewinnen. Hierin treffen sie nun mit der politischen Partei zusammen, welche reaktionäre Ziele verfolgt und sich „conservativ" nennt, nicht aber wohl die Conservirung des Staates und der Gesellschaft als jener Standesunterschiede, Vorrechte und Monopole anstrebt, welche sie in vergangenen Zeiten besessen hat. Diese Art von Conservativen findet ihr Interesse in dem Unterschiede und der Unterordnung der ver-