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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-09 · Heft 32 (9.8.1888) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 32 (9.8.1888)
Date
1888-08-09
Page
Seite 510 (sequence 14)
Language
German
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510 die aus allen Physiognomien zu bemerken ist. Der Typus hat nichts regelmäßiges und weist ein leidenschaftliches Naturel auf. Der allgemeine Ausdruck der Gesichter ist ein intelligenter, aber kein sanftmüthiger; die Kleidung ist dieselbe wie in Smyrna, mit dem Unterschied, daß in Rhodus die Frauen weniger dem Luxus huldigen und sich nicht mit Schmuck behängen. Alle bedecken sie sorgfältig ihre Haare, aber nicht den Busen. Die jungen Leute tragen seit einiger Zeit europäische Kleidung, ersetzen aber den Hut in vortheilhaftester Weise durch den Fez. Die altern Leute sind alle orientalisch gekleidet, was ihnen ein feierliches Ansehen gibt. Ich hatte Gelegenheit, einer Hochzeit beizuwohnen. Die Braut trug, außer dem neu eingeführten Orangenblüthenkranz, einen so dichten Schleier, daß es unmöglich war, ihre Züge zu unterscheiden. Die Ceremonie gleicht allen derartigen im Orient. Auch während der 7 Tage der Chuppa werden reichliche Trinkgelage und Lokaltänze abgehalten, denen man zusehen kann, wenn man durch das Viertel geht, da Fenster und Thüren offenstehen, und die meisten Häuser keinen Flur haben. Jedes Geschlecht tanzt für sich; die Tänze bestehen in wiegenden Bewegungen, die von einem Orchester begleitet werden, welches aus einer Violine, Mandoline und einer baskischen Trommel oder Pandero besteht. Alte, in einem Winkel zusammengekauerte Weiber singen jüdisch-spanische Gelegenheitslieder, deren Stil auf ein großes Alter deutet. Diese Dichtungen haben den Zweck, die Reize der neuen Ehegatten zu feiern, und enthalten oft zu freie Ausdrücke. Man hat mir erzählt, daß dieselben Matronen bei Trauerfeierlichkeiten sehr originelle Elegien zu verfassen verstehen, die die Verdienste des Verstorbenen feiern. Sie verrichten alsdann das Amt der Klageweiber der Bibel, wie man denselben noch in arabischen Gegenden begegnet. Auch der Verlobung eines jungen Mannes aus guter Familie habe ich beigewohnt. Diese Feier findet stets des Abends nach dem Gebet statt. Zuerst begiebt man sich in das Haus der Braut. Es ist ein junges 13 jähriges Mädchen; sie trägt ein cremefarbenes Kattunkleid, ein Halsband aus österreichischen Goldstücken im Werthe von 100 Frcs. und Pantoffel an den Füßen. Nachdem man die traditionellen Süßigkeiten servirt hatte (die meisten berühren dieselben nicht; wenn das Tablet präsentirt wird, so begnügt man sich, die Hand an den Kopf zu führen), begibt man sich nach dem Hause des Bräutigams, in dem die Braut zurückbleibt. Musiker und Fackelträger gingen voraus, dieselben spielten auf dem ganzen Wege einen französischen Gassenhauer. Es war eine wahre Procession durch das israelitische Viertel; der Bräutigam trat uns mit seinen Gästen entgegen. Es ist ein junger 16 jähriger Mann, der den Kaftan trägt; inan geht zum Oberrabbiner. Stehenden Fußes wird der Ehevertrag aufgesetzt; der Bräutigam und der Vater der Zukünftigen nehmen den Vertrag an sich. Letzterer verpflichtet sich, seiner Tochter 60 Pfund (ungefähr 1300 Frcs.) als Mitgift zu geben, außerdem 200 Frcs. als „Besamano". Im Falle, daß einer der Contrahenten zurücktritt, wäre eine Entschädigungssumme von 1500 Piaster (300 Frcs.) zu bezahlen. Alsdann macht der Bräutigam einen Rundgang im Saale, küßt die Hand der Anwesenden und erhält von jedem ein Geldstück. Der Großmüthigste gibt bei dieser Gelegenheit höchstens 50 Centimes. Man servirt die Süßigkeiten, der Zug gestaltet sich von Neuem, und jeder kehrt nach Hause zurück. Die bis zur Heirath festgesetzte Zeit ist 3 Jahre. Inzwischen sehen sich die Brautleute wenig oder gar nicht. Die Stadt Rhodus bietet so wenig Hilfsquellen, daß ein Theil der thatkräftigen Männer gezwungen ist, sich außerhalb Existenzmittel zu verschaffen. 400 junge Leute oder Familienväter (Israeliten) verlassen die Stadt, um sich zumeist als Händler in den Dörfern der Insel oder auf der Küste Anatoliens zu zerstreuen, dem tödlichsten Klima und den größten Entbehrungen ausgesetzt. Nur bei Gelegenheit der Feste kehren sie an den eigenen Herd zurück; leider oft sieht man sie nur als Leiche wieder. Sie erliegen den Strapatzen oder den ansteckenden Fiebern, die sie verzehren. Es entsteht daraus, daß die Zahl der Wittwen und Waisen eine größere ist als anderswo. Die öffentliche Moral hat darunter zu leiden. Das Endziel eines Jeden ist, einen kleinen Besitz zusammenzubringen und seine Tage in Jerusalem zu beenden. Im vorigen Jahre haben 35 Personen beiderlei Geschlechts die Insel verlassen, um sich im gelobten Lande niederzulassen. Montag, am Vorabend vor Pesach, Nachmittags 5 Uhr, wohnte ich einem rührenden Vorgang bei. Am Meeresufer spazierengehend, erblickte ich am Horizont ein ganz beflaggtes Schiff. Die Menge eilt herbei, lauter Frauen und Kinder; ich erfahre, daß das Schiff die armen Händler, die die Osterfeiertage bei den Ihrigen zubringen wollen, zurückbringt, ihnen galten die Flaggen. Sie steigen aus, Pakete, Lebensmittel mitschleppend, zur allgemeinen Freude. Sie sind blaß und sonnenverbrannt. In diesem Augenblick scheinen sie das Elend ihres Lebens zu vergessen. Die Wohnung ist sauber, heiter, geschmückt. Ter Tisch ist bereits zum Seder vorbereitet. Die Thüren stehen weit offen, sodaß Vorübergehende diese bescheidenen Haushaltungen, die jedoch ein festliches Gepräge tragen, überblicken können. Die Nachbarn versammeln sich zum Seder. Man sieht in einzelnen Höfen bis zu 10 Familien, alle an besonderen Tischen. Man sitzt auf der Erde auf Divans oder Kissen, mit gekreuzten Beinen. Dieses interessante Bild bot eine Schattenseite. Weit hinten in einem Hofe sehe ich eine Frau mit drei Kindern hocken. Sie häl? den Kopf an die Knie gedrückt und alle weinen. Vor ihr hängt ein trübe brennen-

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