Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1888)
- Date
- 1888-08-09
- Page
- Seite 509 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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509 Regierung des Johann Bratiano erfolglos, wirkte jedoch aufrecht erhaltend auf die rumänischen Juden. Nichts natürlicher, als daß dieser Mann in seiner Festrede die Verfolgungen der Juden in Europa dem freiheitlichen Leben in Nordamerika gegenüberstellte und seinen Empfindungen einen freien Spielraum gewährte. Das neue Waisenhaus besteht aus einem mit einem Thurme versehenen Hauptgebäude und zwei Flügeln, dreistöckig und mit einem Souterrain. Auf dem säulengetragenen Portal liest man die Inschrift in hebräischer und englischer Sprache: „Gesegnet sei, der da kömmt." Die Theilnahme der gesammten Bürgerschaft begleitete die Errichtung dieses abermaligen Beweises jüdischen Wohlthätigkeitssinnes und der wohlverdienten Festlichkeiten. Tunis. Tunis, im Juli. Am 5. Juli erließ der Bey ein Dekret, gegengezeichnet vom französischen Ministerpräsidenten, durch welches das Monopol des koschern Fleisches aufgehoben und durch eine Taxe ersetzt wird, welche zur Hälfte der jüdischen Wohlthätigkeitskasse, zur Hälfte den von der Alliance gegründeten Schulen zufallen soll. Auf dem Munizipalschlachthofe soll ein gesonderter Theil für das rituelle Schächten Vorbehalten sein, wo dann die durch den Vorstand der Gemeinde und den Großrabbiner autorisirten Schächter ihres Amtes pstegen und das rituell erlaubte Fleisch mit einem bestimmten Siegel versehen sollen. Für die Taxe wird eine besondere Erhebung und Controle eingerichtet. Man hofft, daß auch andere nützliche Einrichtungen für die zahlreiche jüdische Gemeinde (über 30,000 Seelen) und ein Consistorium nach französischem Muster hergestellt werden. Bonn, 5. August. (Notizen.) In Melbourne (Australien) wurde Herr Benjamin zum Lordmayor erwählt, und seine Ernennung durch ein großes Bankett von 700 Gedecken gefeiert, an welchem die höchsten Würdenträger von Neu- Holland Theil nahmen. Herr Benjamin ist ein eifriges Mitglied der jüdischen Gemeinde und besucht die Synagoge jeden Sabbath und Feiertag. — Im 103. Lebensjahre verschied jüngst Herr Chapmann Enthoven, einer der letzten Lebenden aus der Schlacht von Waterloo, im Haag. Er war für den bewiesenen Muth von der niederländischen Regierung dekorirt worden. Seine Wittwe ist 93 Jahr und hatte er mit ihr in glücklicher 75 jähriger Ehe gelebt. — Ein Herr Reichmann in Warschau hat die Summe von 100,000 Rubeln für die jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten und ein Grundstück zur Errichtung einer Handwerksschule testamentarisch hinterlassen. — Aus Kaiserslautern wird uns geschrieben, daß, obschon dies Mal nur die katholischen und protestantischen Kirchen angewiesen wurden, am Centenarium des Königs Ludwig I. eine gottesdienstliche Feier zu veranstalten, der Bezirksrabbiner Dr. Landsberg eine solche in der Synagoge veranstaltete und eine ergreifende Rede hielt, da auch die Juden ihren patriotischen Gefühlen bei dieser Veranlassung Ausdruck gebe» wollten. — Aus Glogau wird uns geschrieben, daß dort eine Frauensperson, die sich durch das Zeugniß eines ungarischen Stuhlrichters und eines Rabbiners als „taubstumm" legitimirte und vorgab, zur Unterbringung einer taubstummen Schwester in eine Taubstummenanstalt eine Sammlung zu betreiben, hinterdrein als Betrügerin entdeckt wurde, freilich nachdem sie entwischt war. Mildthätige Glaubensgenossen werden vor dieser Betrügerin gewarnt. — Jeuiilelon. Die 3ubeit auf der Insel Rhodus.! Das Junibulletin der Alliance isr. univ. enthält einen j interessanten Bericht über die Juden auf der Insel Rhodus > aus der Feder des Direktors Pariente aus Smyrna, aus welchem wir Folgendes entnehmen. Die jüdische Gemeinde in Rhodus ist höchst interessant. Tie Stadt zählt nur 11000 Seelen, wovon 3106 Israeliten. Die Gesammtbevölkerung der Insel beträgt augenblicklich 28000 Seelen, worunter 4000 Mohammedaner und 13 000 Griechen. Die Juden, wie auch ein großer Theil der Mohammedaner, sind auf das Innere der Citadelle beschränkt. Daher bietet auch ihr Stadtviertel den Anblick eines wahren Ghettos. Auf der Foyade einiger ihrer Häuser sieht inan noch die Marmorwappen der Großmeister. Die Mauern sind mitunter mit Zinnen versehen und von enormer Dicke. Sie sind nicht mit Kalk beworfen wie in den meisteil Städten des Orients, was ihr Aussehen verdüstert. Im Allgemeinen hat das Innere der Häuser nichts Behagliches; sie bestehen zumeist in einem einzigen Raum ohne Dielen, der Bodeir ist mit Steinen ausgelegt, diese Pflasterung wird auch zu ober» Stockwerken angewendet, wenn solche vorhanden sind. Jeder ist Besitzer seines Häuschens; eine jährliche Miethe von 150 Fres. genügt dem Fremden, der sich in Rhodus niederläßt. Ein ganzes Haus (wenn man diesen Namen einer so primitiven Behausung verleihen darf) ist mit 3—4000 Fres. zu bezahlen. Das Familienleben ist ein ganz patriarchalisches; die verheiratheten Söhne verlassen nicht das väterliche Haus; die jungen Leute heirathen gewöhnlich mit 18 und die Mädchen mit 15 Jahren; die Folge davon ist eine Degeneration,