Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1888)
- Date
- 1888-08-09
- Page
- Seite 501 (sequence 5)
- Language
- German
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501 schweigen über das Sitten- und soziale Gesetz. Dadurch entging ihm die wesentliche Bedeutung alles dessen, was vom babylonischen Exile an im Judenthume lebte. Mit dem völligen Siege der Gotteslehre, wie diese in der Thorah und durch die Propheten gegeben und entwickelt war, hatte die dogmatische Erörterung gewissermaßen ihren Abschluß, wenigstens für das offizielle Judenthum erlangt, und die Volksseele richtete sich von da ab auf die Durcharbeitung des Gesetzes, dieses zweiten, mit der Gotteslehre organisch verbundenen Elementes der alttestamentarischen Lehre, beruhend auf dem Grundsatz, daß Lehre und Leben, Denken und Thun identisch sein müßten. Je mehr während des zweiten Bestandes die nationale Schwäche gegen das Ausland, die nothwendige Unterwürfigkeit unter die großen fremden Mächte zum Bewußtsein kam, desto instinktiver stellte sich das Bedürfniß heraus, den Bestand der Religion und des Stammes durch das Gesetz zu sichern, dieses im Volksleben unerschütterlich zu machen, es deshalb für alle Verhältnisse des Lebens auszugestalten und den Veränderungen der letzteren anzupassen. Dieses Bestreben liegt uns in den Büchern Esra und Nehemia aufs Unzweideutigste vor, die bald sich zusammenfindende „große Synode" führte es weiter aus, und, wie uns Aussprüche der damaligen Lehrer zeigen, waren Charakter und Ziel schon deutlich erkannt, so daß wie von selbst sich das spätere talmudische Zeitalter unmittelbar daran schloß. Wenn daneben sich eine gewisse religionsphilosophische Richtung, die selbst dem Skepticismus nicht völlig fremd war, kundgab, so war dies eine naturgemäße Erscheinung, die jedoch auf das Volksleben und auf die Gestaltung des Judenthums selbst ohne allen Einfluß blieb. Daß Vatke diese ganze großartige Erscheinung trotz seines sonstigen Scharfblicks nicht erkannte, daran war schließlich sein Bestreben, vom Judenthume zum Christenthume zu kommen, Schuld, und wir werden sehen, zu welchen Widersprüchen mit sich selbst er hierdurch verurtheilt war. Hieraus erklärt es sich, daß er als vierte „die Periode der Auflösung des alttestamentlichen Prinzipes", etwa von der Makkabäer Zeit an, betitelte. Er will durchaus „eine Zersetzung des einfachen altüberlieferten Monotheismus" seit dem Beginn des maccdonischen Zeitalters, aber besonders seit den Makkabäern erkennen. Wir unsrerseits glauben das Gegentheil. Die mosaische Lehre wurde von den halachischen Lehrern in der einfachsten Weise, kaum mit dem großen Blicke der Propheten, aufgefaßt und auf sich beruhend gelassen, und in der Agada werden nicht die metaphysischen, sondern vielmehr die ethischen Seiten des Gottesbegriffes verarbeitet. Was ist es nun, was Vatke als Ursachen dieser „Zersetzung oder Auflösung" geltend macht? Einentheils „dualistische Elemente, welche man seit der Berührung mit den iranischen Völkern aufnahm." Er versteht darunter den Glauben an den „Satan" und an die Umgestaltung der Welt, die Vernichtung des negativen Prinzips", muß aber zugeben, daß dieser Glaube an den Satan und die Dämonen doch erst im Christenthume zu eigentlicher Geltung kamen, und da, wo der Satan in den Büchern der heiligen Schrift vorkommt, er nur eine poetische Gestalt, einer der Engel, der Diener Gottes, ist. Man muß nicht vergessen, daß die Schriften des neuen Testamentes sich zwar an das Judenthum anlehnen, doch auf eigentlichem jüdischen Boden nicht entstanden sind. Dies erweist sich aus der sehr mangelhaften Kenntniß des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Sitte, die sich an mehrfachen Stellen des Neuen Testamentes — selbst in der Bergpredigt — zeigt. Es ergiebt sich hieraus, daß es durchaus nicht richtig ist, von den Ansichten des letzteren auf die im Judenthume zur Zeit des Falles von Jerusalem vorhanhandenen zu schließen. Ferner sieht er den Einfluß des Hellenismus, namentlich in Alexandrien, und das dort herrschende Streben, sich mit der hellenischen Philosophie auszugleichen, als ein zersetzendes Element au, während es doch im Grunde das Streben bekundet, den Einfluß des Hellenismus auf das Judenthum dadurch abzuwehren, daß man die Erhabenheit der letzteren über die griechische Philosophie zu erweisen trachtete. Endlich erscheinen ihm die bekannten jüdischen Sekten als eine Auflösung. Wir können auch dies nicht zugeben. Die Bildung solcher Sekten weist immerhin auf eine starke Lebendigkeit, auf eine lebhafte Entwickelung hin. Der wesentliche Streitpunkt zwischen Pharisäern und Sadduzäern bildete die Auslegung der heiligen Schrift, also der Kampf um die Geltung der traditionellen Auslegung, die mündlich überliefert und ausgebildet wurde, und der an den Buchstaben der Schrift sich streng haltenden Auffassung, also auch hier war das Gesetz der eigentliche Inhalt der Sektirerei. Allerdings würde der Erfolg solchen Sektenwesens eine Zersplitterung bedeuten, welche innerhalb der Einheit des religiösen Lebens vorsichgegangen — wenn sie von dauernder Wirkung gewesen wäre. Aber dies war nicht der Fall. Alle diese Momente gingen an dem Judenthume wirkungslos vorüber. Der Satans- und Dämouenglaube blieb ein ganz äußerliches Moment und hat niemals Eingang in die Dogmenlehre des Judenthums gefunden; er war mittelalterlicher Volksglaube ohne wesentlichen Zusammenhang mit dem Judenthume selbst. Ebenso glitt der Alexandrinismus am Judenthume ab, und in nicht langer Zeit verlor sich sogar alle Kenntnißnahme desselben aus den Juden, selbst der Septuaginta. Mit dem Falle Jerusalems verschwanden auch die Sekten, und das von den Pharisäern getragene traditionelle Gesetz wurde allein gültig. Die geringfügige Fortsetzung des Sadducäismns in den Karäern hatte für das Ganze keine Bedeutung. Kann dies Vatke leugnen? Nein, und er sagt selbst: „Merkwürdig ist es, daß alle jene Gegensätze in der Entwickelung des Jndenthums, die es doch fast gänzlich zu