Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-09 · Heft 32 (9.8.1888) · p. Seite 500

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 32 (9.8.1888)
Date
1888-08-09
Page
Seite 500 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227750--45513-3265031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

500 Naturreligion. — Die Betrachtung über die Engellehre in unsren heiligen Schriften schließt Vatke mit dem Resultate: „In der That sind die Engel nur ein Element der Anschauung, um den Zusammenhang zwischen Gott und der Welt in einer dichterisch schönen lieblichen Gestalt darzustellen". Wir haben dies so ausgedrückt, daß die Engel eine dem Menschen so recht einsichtlich werdende Wirksamkeit Gottes personifiziren. — Was nun das Verhältniß Israels zu Gott betrifft, so spricht sich Vatke ganz anders als die meisten christlichen Theologen aus und wie es deshalb auch in der christlichen Masse verstanden wird. Wir mögen daher seine Worte wiedergeben: „Die höhere Bestimmung des Menschen geht nämlich auf eine durch Gott gestiftete und geleitete sittlich-religiöse Gemeinschaft, die im Allgemeinen durch den Begriff eines Volkes Gottes oder eines Bundesvolkes dargestellt, im Einzelnen aber bald mehr nach Priesterlicher Anschauung als ein Priesterkönigreich, vgl. Exod. XIX. 6, bald mehr nach prophetischer Weise als ein Reich, worin das göttliche Gesetz, die göttliche Offenbarung herrschen soll, aufgefaßt wird. Nun war diese religiös-sittliche Gemeinschaft zunächst nur in einem einzigen Volke gegeben; die anderen Völker sind gottlos, müssen aber für de» höheren Zweck des Volkes Gottes als Mittel dienen, und bei dieser Voraussetzung bildete sich eine zum Theil wenigstens großartige Anschauung. Das Volk Israel ist von der Urzeit an aus allen anderen Völkern auserwählt, erfreut sich als Träger der Offenbarung besonderer göttlicher Leitung, und treten Konflikte zwischen heidnischen Völkern und dem Bundesvolke ein, so weiß Jehovah nach religiöser Meinung alles zum Besten seiner Auserwählten hinauszuführen. Er gebraucht andere Nationen nur als Werkzeuge für seinen Zweck, sei es, um Israel zu züchtigen und zu bessern, sei es, um die Seinen zu segnen. Endlich gab diese Anschauung auch einer Reihe von Postulaten die Entstehung, von Hoffnungen des religiösen Bewußtseins hinsichtlich der dereinstigen Vollendung des Gottesreiches und der Aufnahme aller heidnischen Völker in dasselbe durch Bekehrung und Unterordnung unter Jehovah. Man hat die Beschränkung des Gottcsreiches auf ein einzelnes Volk Partikularismus genannt; da aber das Wesen des Universalismus und Partikularismus durch den Inhalt, nicht durch eine zufällige Bestimmung der Grenzen gegeben ist, so ist jene Bezeichnung nicht treffend, denn der Inhalt der religiösen Betrachtung war bei dem Bundesvolke trotz dieser Beschränkung wahrhaft universal, nämlich allgemein menschlich. Dazu kommt, daß die Beschränkung nur eine empirische, durch die Erfahrung gegebene war; nur das israelitische Volk hatte diesen Gottesbegriff und dann: den sittlichen Zweck; aber wie es im Wesen der Offenbarung des einigen wahren Gottes lag, daß die Erkenntniß dieses Gottes und des von ihm gesetzten höheren Zweckes einst allgej mein werden müsse, so trat nun auch das Postulat in den Vordergrund, daß dereinst alle Nationen sich zum Herrn bekehren sollten, und dieses Postulat ist doch gewiß universalistischer Art". — Nach dieser richtigen Würdigung des dog-! malischen Inhalts der heiligen Schrift setzt es uns in Erstaunen, daß, wenn sich Vatke „zur praktischen Seite der Religion" wendet, er sich lediglich mit dem Cultus beschäftigt, ohne auch nur ein Wort von dem religiös-sittlichen und sozialen Gesetze zu sagen, Ivährend er doch „die sittliche Zweckmäßigkeit" als ein wesentliches Element der monotheistischen Lehre anerkannt hatte. Allerdings bemerkt er, „daß die Frömmigkeit der Hebräer gleich den religiösen Vorstellungen durchaus klar und durchsichtig war, und daß sie sich fern hielt von allen mystischen, ekstatischen und anderweitigen derartigen Elementen". „Das göttliche Prinzip wurde nicht bloß als ein jenseitiges, als ein nur transcendentes, sondern als ein im Geiste gegenwärtiges gedacht und alles höhere, religiöse und sittliche, sowie alles künstlerische Thun des Menschen schien bedingt durch die Erfüllung mit dem göttlichen Geiste". Dagegen verkennt er den symbolischen Charakter und Inhalt des mosaischen Heiligthums und Cultus, widerspricht sich jedoch, indem er bemerkt, „daß trotzdem vielen Elementen eine gewisse symbolische Bedeutung zukomme." Wir können hier auf unsre ausführlichen Erörterungen dieser Frage Hinweisen. Hervorheben wollen wir aber noch, wie Vatke der allgemein verbreiteten und doch falschen Meinung entgegentritt, daß „durch die Opfer die Sünde des Volkes oder des Einzelnen gesühnt und gleichsam abgekauft werde; ja, es mag diese Vorstellung als eine rohere sich bereits im hebräischen Volk selbst gebildet haben, immerhin läuft sie der ursprünglichen Darstellung des Pentateuchs zuwider, und darum wird sie auch von den Propheten bekämpft; denn Sünd- und Schuldopfer werden nur für geringere, für unabsichtliche und unbewußte Vergehungen, nicht aber für frechen, bewußten, bejad ramah begangenen Frevel vargebracht, und die täglich dargebrachten Brandopfer hatten allgemein versöhnende Bedeutung, aber wiederum nicht für außerordentliche Verbrechen, sondern vielmehr für die fortlaufende Verschuldung des Volkes". Ferner: „Daß es also statt der Reue und Buße bei den alten Hebräern, um die Schuld zu sühnen, das bequeme Mittel der Opferungen gegeben habe, ist eine unrichtige Anschauung vom Opferkultus des alten Testamentes". Auch dies stimmt sowohl mit den Texten der heiligen Schrift, als auch mit der Darstellung in unsrem Commentar überein. Hiermit ist aber das christliche Dogma von der typischen Bedeutung des Opfers auf den Tod Jesu und der hierauf gegründete Theil des christlichen Cultus hinfällig. Was aber ein Grundmangel in der Darstellung Vatkes ist, besteht, wie wir bereits bemerkt, in seinem völligen Still-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.