Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1888)
- Date
- 1888-08-09
- Page
- Seite 498 (sequence 2)
- Language
- German
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498 und ist bereits ein desfallsiger Antrag von Windthorst gestellt worden. Man verlangt, daß die Schulaufsicht den Geistlichen überwieseu werde, Lehrplan und Lehrbücher von der Geistlichkeit abhängen und die Lehrer nur mit Zustimmung der Geistlichen angestellt werden sollen. Die protestantische Orthodoxie tritt natürlich für dieselben Forderungen ein, und der sog. Hammerstein'sche Antrag will, außer seinem kirchlichen Theile, dasselbe. In den letzten Tagen bekundete die conservative Partei in schärfster Weise, daß sie diesen Antrag zu ihrem Programme gemacht habe. Die Staatsregierung aber wies sie bis jetzt entschieden zurück, und die Organe der Conservativen, namentlich die Kreuzzeitung, richten ihre Geschosse offen gegen den Reichskanzler und geben vor, daß sie in diesen Fragen den regierenden Kaiser und König auf ihrer Seite hätten, während die beiden früheren Kaiser „kein Herz für die evangelische Kirche gehabt hätten". Deshalb wollen auch die Conservativen bei den bevorstehenden Landtagswahlen nichts von den Nationalliberalen missen und kündigen diesen das Kartell auf. Man sieht hieraus, wie heftig die Leidenschaften auf diesem Gebiete entflammt sind, und daß dieser Kampf mit der größten Heftigkeit geführt werden wird. Die bevorstehenden Wahlen werden hiervon aufs Stärkste beeinflußt werden. Diesmal handelt es sich nicht um die Existenz der Deutschfreisinnigen, sondern auch um die der Nationalliberalen. Wie verhält es sich nun hierbei mit der jüdisch-confessionellen Schule? — Es ist anerkannt, daß die schnellen Culturfortschritte der Juden seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts vorzugsweise der jüdischen Schule zu danken sind. In den Gemeinden, wie Berlin, Frankfurt a. M., Dessau, Hamburg, in Seesen und Wolffenbüttel u. s. w. erstanden treffliche Schulanstalten, die allerdings weit über das Niveau der Elementarschulen hinausgingen und den Stand der jetzigen Bürger-, Handels- und Realschulen erreichten. Neben ihnen aber kamen auch in sehr zahlreichen kleineren Gemeinden jüdische Schulen zu Stande. Der Weg war sehr einfach. Diese Gemeinden hatten ja immer Lehrer; sie brauchten also statt der polnischen Melamdim nur in profanem Wissen unterrichtete Personen anzustellen, um eine jüdische Schule zu haben. Diese Lehrer waren in der Ueberzahl Autodidakten. Dies war kein Nachtheil; denn diese Autodidakten besaßen naturgemäß einen großen Eifer für ihr Wissen und die Mittheilung desselben an Schüler, und wenn ihre Methode nach der schulgerechten Pädagogik mangelhaft war, da sie ja nicht seminaristisch gebildet waren, so paßte dies gerade für die damalige jüdische Jugend, die an strenge Regel nicht gewöhnt und intellectuell geweckt war. Das sich immer mehr verbreitende Verlangen nach Bildung hob diese Schulen durch sich selbst und sicherte ihnen reichlichen Erfolg. Die Periode der Aufklärung wirkte aber bald auf die Lage der Dinge ein, und nicht minder das erwachte Verlangen nach Emancipation. Es verbreitete sich die Ansicht, daß ein besseres Verhältniß zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung am meisten durch die Gemeinsamkeit des Schulunterrichtes, sowie die Abschleifung des jüdischen Jargons und gewohnter äußerer Haltung erzielt werden könne. Hierzu kam, daß in den jüdischen Eltern das Streben anwuchs, ihren Kindern die Befähigung zum Eintritt in bessere Lebenssphären durch den Besuch höherer Lehranstalten zu ermöglichen, so daß anwachsend die jüdische Jugend der Frequenz der jüdischen Schule entzogen wurde. Die Gründung solcher höheren Lehranstalten, selbst nur einer gehobenen Bürgerschule, war nur für große Gemeinden möglich. Auf diese Weise kam die jüdische Schule im Allgemeinen in Decadence, und in der That erhielt sich die Menge der jüdischen Schulen in zahlreicheren kleineren Gemeinden nur durch deren Leistungen, in welchen sie, ohne Borurtheil sei es gesagt, nicht selten die christliche Ortsschule übertrafeu. Hierzu kam das Bedürfniß, die jüdische Jugend in der Religion zu unterrichten, da in den öffentlichen Schulen dieser Unterricht gänzlich fehlte. Dieser Zustand konnte nicht allzu lange währen. In den vielen Gemeinden, namentlich mittleren Umfanges, iir welchen eine jüdische Schule nicht bestand, stellte sich die Nothwendigkeit heraus, durch eine Religionsschule dem Mangel abzuhelfen. Eine solche konnte die Unterrichtszeit nur in die freien Nach- und Vormittage verlegen, wodurch sie ihren Zöglingen diese freie Zeit sehr beschränkte und dennoch bei dem Umfange der Unterrichtsgegenstände nicht ausreichende Zeit hatte. Andrerseits strebte man dahin, daß die höheren Lehranstalten sich dem jüdischen Religionsunterrichte öffneten und ihm eine schulplanmäßige Stellung einräume. In Oesterreich gelang dies vollständig, in Preußen gelingt es nur sehr langsani, und deshalb ungenügend, weil ihm hier nur eine geringe Stundenzahl nach dem Maße des christlichen Religionsunterrichtes zugestanden wird. Denn der jüdische Religionsunterricht befaßt, wenn er irgend genügen soll, zu viele Fächer, um in etwa zwei Stunden die Woche absolvirt werden zu können, nämlich das Hebräische mit Gebetbuch und der h. Schrift, die biblische und jüdische Geschichte, die Liturgie *) und die eigentliche Reli- 1) Gerade der Unterricht in der Liturgie bietet bedeutende Schwierigkeit, besonders durch die Mannigfaltigkeit der Gebetordnung und die vcrichlnngene Anordnung der Gebetstücke in dem Gebetbuche. Nehmen wir z. B. die Gebetstncke von Mincha und Maarib. Zuerst Aschre, dann die Schem. Esr. mit einigen Modificationen, dann das Borchn des Maarib, wieder die Schem. Esr. und dann noch das Alenu. Und so an den verschiedenen Tagen und Festen. Früher war hiervon in dem Schulunterrichte gar nicht die Rede; der Vater schlug dem Sohne zu Hause und in der Synagoge die Gebetstücke auf, nach und nach konnte sich der Knabe finden. In der Schule ist das fast unmöglich; der Vaier aber wirft dem Lehrer vor: der Junge kann sich nicht einmal im Siddur zurechtfinden — ohne zu bedenken, daß die Schuld ihn selbst trifft!