Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1888)
- Date
- 1888-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227750--45510-3265028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ siir alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,5V M. ( Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Dhilippson in Kann. K-kpedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 9. August 1888. Nr. 32. Inhalt, Leitende Artikel: Die jüdisch-consessionelle Schule. Aus der christlich-religionsphilosophischen Literatur und ihren Beziehungen zum Judenthum. II.— Der Nordpolfahrer Emil Bessels. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Fürth, Aus der Pfalz. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prst. — Frankreich: Paris. — Holland: Rotterdam. — Schweiz: Zürich. — Rußland: Petersurg.— Serbien: Belgrad. — Amerika: Cleveland. — Tunis: Tunis. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: DieJuden auf der Insel Rhodus. $>e\Kc\\b& Bi nn, 5. August. Die jüdisch-konfessionelle Schule. Es giebt Fragen, welche ein Jahrhundert lang erörtert werden, um welche viele Menschenalter hindurch gestritten und gerungen wird, ohne daß sie zur Entscheidung gebracht werden. Denn es handelt sich bei ihnen um Principien, die, anerkannt, doch immer wieder in ihrer Ausführung auf nachhaltigen Widerstand stoßen und einen Kampf Hervorrufen, der bald Sieg, bald Niederlage wechselnd bringt. Zu diesen Fragen gehört die Schule, insonders die Volksschule. Abgesehen von allen anderen Problemen, ist dieselbe entweder confessionell oder simultan, wo jede Religionspartei ihren besonderen Religionsunterricht erhält, oder religionslos, wo in der Schule gar kein Religionsunterricht ertheilt, derselbe vielmehr jeder Confession außerhalb der Schule überlassen wird. Die Sache wird aber noch complicirter, indem hinsichtlich der Confessionsschule die Geistlichkeit das Verlangen erhebt, die Schule dem Staate völlig zu entziehen, um sie in ihre Hand z« bekommen. Es sollen nämlich nicht bloß der ReligionsunMricht, vielmehr alle Disciplinen von der Confession gefärbt, erfüllt, beherrscht werden, bis auf den Leseunterricht herab. Es wird dies also zu einem Streite zwischen Staat und Kirche, wobei die Pädagogik einen sehr geringen Einfluß übt, die Angelegenheit vielmehr einen kirchenpolitischen, ja eminent politischen Charakter annimmt. Welch' einen sonderbaren Anblick bietet diese Schulfrage gegenwärtig in den europäischen Staaten! In Frankreich hat die dritte Republik die Schule durchaus „laicirt", d. h. nicht bloß gänzlich dem Klerus entzogen, sondern den Religionsunterricht aus ihr verbannt, so daß sie nicht einmal die Schulräume für den, von den Confessionen gestellten Religionsunterricht gestattet. In Belgien folgte man diesem Beispiel, nur daß man hier den Bestand der „Privatschulen",, d. h. der klerikalen, nicht verhindern konnte, und das gegenwärtige klerikale Ministerium den Stand der Dinge möglichst wieder umdreht. In Oesterreich ist der Kampf gegenwärtig auf's Heftigste entbrannt. Die klerikale Partei sucht die liberale, auf das Staatsgrundgesetz sich stützende Schulgesetzgebung zu beseitigen, wie es ihr bereits gelungen ist, daß der Lehrer der Confession der Mehrheit der Schüler angehören muß, wodurch dem protestantischen und jüdischen Lehrer so gut wie jede Aussicht auf Anstellung genommen ist. Hierzu kommt nun gegenwärtig der Antrag des Fürsten Liechtenstein, dem noch zwei andere Anträge gleicher Art zur Seite gehen, welche die bisherige Schulgesetzgebung völlig umwandeln würden. Im Kerne derselben tritt dabei die Nationalitätenfrage sehr sichtbar hervor; der deutsche Lehrertag zu Graz hat sich einstimmig dagegen erklärt, und sämmtliche deutsche Mitglieder des Reichsrathes sind entschlossen, bei Annahme dieser Anträge durch die Regierung den Reichsrath zu verlassen. In Deutschland, besonders in Preußen, steht derselbe Kampf bevor. Das Centrum hat wiederholt angekündigt, daß es, nachdem die Forderungen der Kirche so ziemlich befriedigt sind, den Kampf um die Schule anheben werde, 32