Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1888)
- Date
- 1888-08-02
- Page
- Seite 494 (sequence 14)
- Language
- German
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494 schaumigen mit denjenigen der chinesischen Gelehrtenkaste hervor. Uebrigens setzte dieselbe die Gründung der Kolonie unter die Sung-Dynaslie, also in das fünfte Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, und läßt jene aus Indien kommen. Der Tempel wurde im Jahre 1166 gebaut. Die Blüthezeit der Colonie von Kai-fung-fu und der chinesischen Judenheit im Allgemeinen fällt in die Epoche der höchsten Machtentwickelung des Landes, die Periode der Ming-Dynastie (1368—1644). Im Jahre 1511 wurde der Tempel neu errichtet. Damals haben an 20000 Israeliten im Reiche der Mitte gelebt. Sie bewohnten noch verschiedene Städte der Seeküste, wohin sie seit dem siebenten Jahrhundert in Gesellschaft mohammedanischer Kaufleute gekommen waren. Diese verschiedenen jüdischen Gemeinwesen standen untereinander und mit Kai-fung-fu, das sie stets als ihren Mittelpunkt betrachteten, in engstem Verkehr. Andere, geringzähligere, jüdische Colonien schienen im dreizehnten Jahrhundert mit den Heeren des mongolischen Kublai Khan aus der Tartarei, in der sie schon lange ansässig waren, in das nördliche China gelangt zu sein. Seit der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts überwogen dann unter den chinesischen Israeliten die ausglcichenden Tendenzen, die sich schon früher geltend gemacht hatten. Sie vcrheirathete» sich mit den weit zahlreicheren einheimischen Mohammedanern und verschwanden mehr und mehr unter denselben. Ihre Tempel zerfielen. Jetzt weisen nur jüdische Religionsgebräuche, welche in einigen mohammedanischen Gemeinden hervortreten, noch auf ihre frühere Existenz hin. Dr. Glover schätzt die Zahl der noch vorhandenen wirklichen Israeliten in dem weiten chinesischen Reiche aus nicht mehr als vierhundert, die offenbar erst in der jüngsten Zeit eingewandcrt sind, die ihrer Glaubensgenossen' in ganz Ostasicn und Indien auf zusammen 150000. Wir haben also in China das vielleicht einzige Beispiel, daß eine eompactere jüdische Bevölkerung sich ganz und gar von ihrer überlieferten Lehre getrennt hat. Die Ursache dieser auffallenden Erscheinung muß in der weiten räumlichen Trennung der dortigen Israeliten von allen ihren sonstigen Glaubensgenossen, in ihrer Vereinzelung inmitten der ungeheuren Menge und des absorbircnden Wesens der sie umgebenden Völkermasse gesucht werden.') M. ') Die positiven Ursachen dieser Auflösung scheine» uns in den beiden entscheidenden Umständen gelegen zu haben, nämlich zuerst in der gänzlichen Unkenntniß des Hebräischen, so daß sie bei dem Mangel einer Uebersetzung in der Landessprache gar keine Kenntniß der heiligen Schrift besaßen — während z. B. bei den ägyptischen Juden die Uebersetzung der Septuaginta förderlich wirkte — welche vollständige Unkenntniß noch heute bei dem kleinen Reste der chinesischen Juden vorhanden ist. Als zweites ursächliches Moment nmß die llnkenntniß des traditionellen Gesetzes, das ihnen entweder niemals bekannt geworden, oder dessen Kenntniß ihnen verloren gegangen, wie ans ihren, jenem nicht entsprechenden Gebräuchen h'ervorgeht, so daß ihnen diese, überall wirksame Abwehr fehlte. Redaktion, i Jacob Kaufmann. Warum wir auf diesen ausgezeichneten Journalisten noch einmal zurückkommen, nachdem wir ihm gleich nach seinem Tode den von Gustav Freitag verfaßten warmen Nachruf auch in diesen Blättern gewidmet haben? Wir thun es aus zweifachen Gründen. Zuerst weil man jener antisemitischen Behauptung, daß der deutsche Journalismus durch die Theilnahme von Juden herabgesunken sei, nicht oft und nicht thatsächlich genug entgegentreten muß, alsdann weil wir dem Beispiele Freytags folgen wollen, welcher nach so vielen Jahren in seiner neuesten Schrift („Erinnerungen aus meinem Leben, Leipzig, Hirzel 1887") das Andenken Kaufmann's noch einmal feiert. Er war damals mit Julian Schmidt Redaeteur der „Grenzboten". Er sagt S. 223: „Den deutschen politischen Theil der Wochenschrift besorgte Schmidt, die österreichischen Correspondenzen und die Revision Jacob Kaufmann. Dieser war ein Judenkind aus Böhmen, den sein Schicksal nach Deutschland und unter die Herrschaft seines Landsmannes Kuranda geführt hatte, einer der harmlosesten und liebenswerthesten Menschen, welche je mit dem Rothstift schlechte Aufsätze lesbar gemacht haben. Er besaß ein ungewöhnliches Sprachtalent, ein merkwürdig gesundes Urtheil auch in politischen Dingen, gebrauchte die Feder nicht reichlich, aber sauber, fein und mit Geist, war dabei eine sinnige, heitere Natur mit einer Ader von schalkhaftem Humor. Seine Bescheidenheit und Selbstlosigkeit waren so groß, daß sie fast zum Fehler wurden, er hatte die denkbar geringsten Bedürfnisse, arbeitete und sorgte immer für den Nutzen Anderer und dachte nicht an den seinen. Natürlich wurde er überall, wo er thätig war, Liebling und guter Knabe, dem man aufpackte, und dem man auch für das Behagen seines eigenen Lebens sorgen mußte bis auf seine Cigarren, die er, wenn man ihm freie Hand ließ, mit unleidlicher Anspruchslosigkeit rauchte. Dreiundzwanzig Jahre später war mir beschieden, seinen Berlust zu betrauern und den Deutschen von ihm zu erzählen. Als ich ihn kennen lernte, war er bereits in guter Kameradschaft mit Julian Schmidt. Und die beiden Gesellen saßen bei der Arbeit und Abends am Schenktisch in der aufgeregten Sachsenstadt neben einander wie zwei kluge Käuzlein unter dem schwirrenden und schreien- Bogelvolk." So spricht der verdienstvolle Schriftsteller von seinem frühzeitig dahingegangenen Freunde in treuem Gedenken. Zu verwundern ist nur, daß Freytag, welcher nicfjt minder die Verdienste der jüdischen Journalisten Moritz Hartmann, Ignatz Kuranda, Max Schlesinger u. A. gewürdigt hat, dennoch in seinem trefflichen Lustspiel „die Journalisten" gerade einen Juden zum Sündenbock des Journalismus gemacht hat.