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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-02 · Heft 31 (2.8.1888) · p. Seite 493

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 31 (2.8.1888)
Date
1888-08-02
Page
Seite 493 (sequence 13)
Language
German
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493 hätte hinzufügen müssen, daß sie dieselbe in einer Stunde der Noth dem Nachfolger des Vaters hatten verkaufen müssen. Anna überhörte dies, und in ihrem Eifer, eine Verbindung mit diesem von ihr bereits bewunderten Mädchen anzuknüpfen, fiel sic ein: „Ei, da kann ich Ihnen aushelfen. Was lesen Sie gern? Lesen Sie auch französisch?" Und da zählte sie eine Menge Werke auf, die sie besäße und ihr leihen könnte. Leah ging freudig daraus ein, und man verabredete, daß Anna Bücher in einen Winkel des Gärtchens legen solle, da beide sich klar machten, daß sie eben nur an dieser Stelle Umgang pflegen könnten. Hier wollte sie dann die gelesenen wieder finden und mit neuen vertauschen. In beiden Mädchenherzen schlug schnell die Flamme der Freundschaft auf; sie fühlten sich zueinander angezogen und daß sie sich ergänzten. Von jetzt ab kam Anna oft nach der Rückseite des Gärtchens und ein verabredetes Zeichen rief Leah herbei. Da in der Villa jeder Bewohner derselben seinen eigenen Weg ging, bemerkte man das Verweilen Anna's da drüben nicht. Einmal nur fragte Adelheid ihre Schwester: „Du hast ja das Wäldchen drüben auf dem Hügel gar sehr ins Herz geschlossen, daß Du immer dorthin promenirst?" „Nun ja", lautete die Antwort, „es ist dort so friedlich und eine Rasenbank vorhanden, wo ich mich hinsetze und lese. Ich nehme mir immer einige Bücher mit." So fanden sich die beiden Mädchen, und was etwa Gegensätzliches in ihnen war, schliff sich bald ab. Anna suchte Leah über Vieles aufzuklären und zu unterrichten aus Natur und Literatur. Leah hingegen fühlte bald heraus, daß es ihrer Freundin an aller religiöser Unterweisung fehle und daß sie von der väterlichen Religion gar keine Ahnung hätte. Was sic nach dieser Richtung aus Büchern erfahren, war nur eine verworrene Vorstellung von Gott und der übersinnlichen Welt und Mißachtung gegen das Judenthum, das in Schriften christlicher Autoren so oft mißhandelt und entstellt wird. (Fortsetzung folgt.) Die Israeliten in China. Die außerordentliche Lebenskraft des israelitische» Volksstammes, seine Fähigkeit, sich allen geographischen und sozialen Umgebungen anzupassen, sich von den Tropen bis zu den Grenzen der kalten Zone und von der großen nordamerikanischen Republik bis zu den Gestaden des chinesischen Meeres hin überall heimisch zu machen, stehen wohl einzig in dem Gesammtgebiete der Völkerkunde da. Selbst die kolonisatorischste aller übrigen Nationen, selbst die Angelsachsen können sich einer gleichen Leichtigkeit der Adaption nicht rühmen. Unter den zahlreichen Theilen und Splittern des alten Stammes hat der nach dem Reiche der Mitte versprengte neuerdings ganz besonders und immer wieder die öffentliche Aufmerksamkeit angeregt. Eingehender beschäftigt sich mit ihr ein englischer Geistlicher, Alfred Kingsley Glover, dessen Essay wir in der Julinummer der in New-Jork erscheinenden Monatsschrift „Menorah" abgedruckt finden. Freilich enthält der Aufsatz viele unkontrollirbare Angaben, ja offenbare Hypothesen, die wir aber lieber auf sich beruhen lassen. Andrerseits bringt jedoch der Verfasser, ein genauer Kenner der ostasiatischen Zustände, eine Reihe interessanter Tbatsachen bei, die über die chinesischen Juden einiges, wenn auch noch ungenügendes Licht verbreiten. Die älteste und wichtigste Niederlassung der Israeliten in China befindet sich in der Stadt Kai-fung-fu, am unteren Laufe des Ioang-ho. Sie zählte zwischen viertausend und achttausend Seelen, war also von einer gewissen Bedeutung. Leider besitzt man über ihre Vergangenheit nur zwei kurze, aus Tafeln enthaltene Aufzeichnungen, die erst aus den Jahren 1488 und 1511, also ans einer verhältnißmäßig späten Zeit datircn. Bon früher rühren Gesetzesrollen her, die sie aus Europa bezogen hatten, und welche aus dem dreizehnten Jahrhundert, der christlichen Zeitrechnung, stammen. Andere hebräische Manuskripte, die sie besaßen, hatten sie aus Persien bezogen, wie die persischen Worte beweisen, die sich in denselben befinden. Diese Thatsachen deuten auf einen steten Verkehr der weit nach Osten verschlagenen Kolonie mit den Ländern des Westens hin. Die beiden Tafeln enthalten in chinesischer Sprache eine kurze Uebersicht der religiösen Geschichte und Anschauungen sowie der hauptsächlichen Ereignisse der Gemeinde von Kaifung-fu. Sie kennen A-tan (Adam), A-wu-lo-han (Abraham), welcher mit tiefem Nachdenken Gott als der Schöpfer aller Dinge erkannte, Me-schi (Moscheh), der auf dem Sih-na durch Fasten und Gebet von Gott die Ertheilung der dreiundfünfzig Gesetzesabschnitte erlangte, He-tze-la (Esra), der Erneuerer der Religion. Sie wissen, daß man neben dem Höchsten kein göttliches Wesen anbeten, auch von ihm kein Abbild machen soll. Dreimal am Tage, um vier Uhr Morgens, am Mittag und am Abend, hat man seine Andacht zu verrichten; viermal in jedem Monate zu fasten; jeden siebenten Tag zu ruhen. Doch zeigen diese Tafeln bereits in bedenklichem Maße das Bestreben, das israelitische Religionssystem mit dem chinesischen zu verschmelze». Das wenigste ist noch, daß Gott in chinesischer Weise als „der Himmel" bezeichnet wird, und daß man auf alte chinesische Werke als Bekräftigungen der eigenen Lehre hinweist; schlimmer, daß die Verehrung der Vorfahren, dieser echt chinesische Kult, in so nachdrücklicher und eingehender Art vorgeschrieben wird, wie sie mit jüdischem Wesen durchaus unverträglich ist. Ausdrücklich hebt die Tafel von 1488 die Uebereinstimmung der eigenen An-

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