Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-02 · Heft 31 (2.8.1888) · p. Seite 492

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 31 (2.8.1888)
Date
1888-08-02
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227749--45504-3265021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

492 eine falsche Meinung, daß die Jugend in ihrer Natürlichkeit sich gern dem religiösen Empfinden entziehe; gerade das Gegentheil, sie neigt vielmehr zu religiöser Schwärmerei und fühlt sich wohl in der Erholung und in der Befriedigung einer religiösen Ueberzeugung. Ganz anders stand es in der Villa des Reichen. Hier war das Judenthum völlig verschwunden und mit Absicht beseitigte dieser Mann jede Erinnerung an seine Abstammung und sein Bekenntniß. Von Gottesdienst und Gebet keine Spur; kein Andachtsbuch und keine Bibel, nicht einmal in dem Salon mit Luxusbüchern auf dem Tische, die Prachtbibel mit der Philippson'schen Uebersetzung und den Dorö'schen Illustrationen, weil sie auf dem Titel „Für Israeliten" trägt. Es hing bei ihm eben nur von den Verhältnissen ab, daß er von der väterlichen Religion nicht abgefallen. Denn schließlich bestanden die Gesellschaften, die er in seinen prunkvollen Sälen gab, in der großen Mehrzahl doch nur aus Glaubensgenossen; Wissenschafl und Kunst fanden keine Vertretung außer in gut honorirten Künstlern. So war auch die Erziehung der Töchter beschaffen. Hatte doch Leah drüben bei ihrem Vater selbst das Halle! und andere Gebete im Urtexte verstehen gelernt und brachte dies jetzt ihrer jüngeren Schwester bei; hüben hingegen wußten die Töchter kaum von der Existenz der Psalmen oder doch nur flüchtig aus der Literaturgeschichte. — In einem Punkte stimmten die beiden Häuser überein: in beiden wurde ein gewisser Stolz genährt. In der Art war er aber verschieden. In der Billa der Stolz des Reichthums, der sich in allen Arten des Luxus zu entfalten strebte, in dem kleinen Hause der Stolz der Armuth. Der Dürftige, der in das Elend der Armuth hinabgesunken, sieht diese, und leider nicht ohne Grund, als eine Schande an und sein Bestreben geht deshalb dahin, sie vor der Welt zu verbergen. Hat dies einerseits den Nutzen, daß er auf Sauberkeit in seiner äußeren Erscheinung viel giebt und alle Mühe verwendet, so bringt es doch andererseits schmerzliche Gefühle und mannigfaltige Entbehrung mit sich, die man sich auferlegt, um den Schein zu wahren. Zwei Jahre waren wieder vergangen. Die jüngere Tochter des Reichen hatte die Schule verlassen und fühlte sich jetzt recht unglücklich. Sie, welche durch das hartnäckige Verlangen ihrer Mutter den einfachen Namen Anna hatte, während die ältere nach dem Willen des Vaters den klingenderen Namen Adelheid trug, war von dieser gänzlich verschieden. Schon äußerlich, denn sie war blond, mit weißem Teint und feinen Zügen und blauen Augen, während Adelheid schwarze Haare und brünette Farbe mit recht erkennbar semitischen Formen hatte, was sie sehr schmerzte und weswegen sie ihre Schwester fast haßte. Anna trug in ihren: Geiste ein unüberwindliches Verlangen nach Weiterbildung, nach höheren Zielen und in ihrem Herzen die wärmste Liebe für die Ihrigen und für alle Menschen. Aber ihre Eltern wollten nur noch von fortgesetzten Musikunterricht wissen, um bei Gelegenheit der Gesellschaft etwas Vorspielen zu können. Sie fühlte sich isolirt in ihrer Familie und vereinsamt in ihrem Wollen und Wünschen. Sie stand öfters an dem prächtigen Gitter des Vorgartens und schaute auf das kleine Haus jenseits der Straße neugierig hinüber. Sie wußte, daß Glaubensgenossen da drüben wohnten, aber der Vater hatte streng jeden Verkehr mit jenen Leuten untersagt. Sie sah, wie Leah bisweilen in dem kleinen Garten arbeitete» Unkraut ausjätete, ihre Blumen pflegte, einen Rosenstrauch, Reseda und Levkojen und die Beete mit Küchenkräutern auflockerte. Sie sehnte sich nach Umgang und glaubte, in den schönen Zügen und der schlanken Gestalt des Mädchens gleichen Alters eine Freundin finden zu können. Sie richtete ihren Spaziergang so ein, daß sie an dem hinteren Zaun jenes Gärtchens, da, wo man von der Billa aus durch das Häuschen verhindert war, sie zu sehen, vorüberkam, und als sie glücklicher Weise es einmal traf, daß Leah da beschäftigt war, blieb sie stehen und redete diese an: „Das ist wohl eine recht harte Arbeit, die Sie da verrichten? Die muß Sie doch sehr anstrengen und ermüden", svgte sie. Leah blickte erstaunt auf und antwortete nach einigem Zögern: „Durchaus nicht, Fräulein; vielmehr macht es mir viel Vergnügen und wenn die Pflanzen blühen und nutzbar werden, schafft es eine große Befriedigung, sie erzogen und gepflegt zu haben. Wir haben einen Gärtnergehilfen, der im Frühling alles zurecht macht und pflanzt, das Weitere besorge ich dann, und da ich viel zu sitzen und im Zimmer zu verbringen habe, ist das Arbeiten im Garten eine Erholung und Stärkung." Anna seufzte; wie oft hatte sie das Verlangen nach derartiger Beschäftigung empfunden, aber in ihrem Hause wurde diese für eine Tochter desselben als unanständig betrachtet. „Darf ich fragen", fuhr sie nach einiger Zeit fort, „womit Sie sich im Zimmer beschäftigen?" „Meistens am Stickrahmen. Meine Mutter ist eine Künstlerin darin, und ich suche ihr nachzukommen. Die große Firma Weither & Co. mißt unfern Arbeiten Werth bei und honorirt sie gut." Wiederum stahl sich ein Seufzer aus der Brust Anna's; sie dachte, diese guten Leute erwerben sich ihr Brod selbst, wie muß das ihnen wohl thun, wie schenkte ich all' unfern Rcichthum für dieses Glück. Man wird dieses Gefühl natürlich finden, denn der Reiche weiß nicht, was der Arme zu leiden hat, und dieser nicht, woran der Reiche kränkelt. Und lesen Sie nicht?" setzte sie das Gespräch fort. „O, sehr gern, am Sabbath Nachmittag, denn an Wochentagen habe ich keine Zeit, lese ich der Mutter vor, die dies sehr liebt." „Haben Sie denn viele Bücher?" „Nicht viele, und wir müssen oft zu denselben zurückgreifen. Mein Vater hatte eine schöne Bibliothek, aber — " sie stockte, denn sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.