Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1888)
- Date
- 1888-08-02
- Page
- Seite 490 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227749--45502-3265019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 Italien. Rom, 22. Juli. „L'Osservatore Romano", das bekannte vaticanische Organ, scheint die Priorität für ein Verdienst in Anspruch nehmen zu wollen, daß in Italien wohl kaum allzu große Würdigung finden dürfte. Das Blatt fängt nämlich an, in Antisemitismus zu machen, und bei dem internationalen Charakter des Vaticans handelt es sich da nicht so sehr um Bekämpfung der 40,000 italienischen, wie vielmehr der europäischen Juden. In einem Massouei-Ia ed Ebraism“ (Freimaurerei und Judenthum) betitelten Artikel führt der vaticanische Offieiosus nämlich aus, der moderne Liberalismus fuße auf zwei Momenten: dem Judenthum und der Freimaurerei; man müsse darum der Macht des Judenthums im öffentlichen Leben Europas den Garaus machen. Der „Osservatore" beruft sich auf den deutschen Antisemitismus und stellt fast die kühne Hypothese auf, dieser sei direct inspirirt voll der deutschen Reichsregierung. Der Papst habe in seiner letzten Encyclica zum Kriege gegen den Liberalismus, d. h. indirect zum Kampfe gegen Freimaurerthum und Judenthum anfgefordert. So läßt denn das römische Journal den Papst selber zum Vater eines Antisemitismus avanciren, der den Privatsport des einen oder des anderen vaticanischen Würdenträgers zu fein scheint. (Hiermit würde Leo XIII. thatsächlich zeigen, was er unter dem „Dulden" in seiner Encyclica gemeint habe!) Rumänien. Bukarest, 22. Juli. (Privatmitth.) Die jüdische Bcvölkeruiig Rumäniens athmet unter dem Ministerium Nosetti j auf. Aber die Wunden, welche ihr das Regiment Bratianu geschlagen, sind so tief, daß sie schwerlich zu heilen sind, und unsere Glaubensgenossen lassen sich deshalb und aus ’ der Befürchtung, daß die jetzige Regierung leicht wieder ver>! drängt werden könnte, in ihrem Auswanderungscifer nichts stören. Keine Woche, in welcher nicht 40 bis 60 Familien aus dieser oder jener Gemeinde die Wanderung antreten, meist nach Amerika. Hierbei muß man wohl beachten, daß es nicht die Unbemittelten sind, welche ihr Heil im fernen Westen suchen. Man weiß hier zu Lande sehr wohl, daß völlig mittellose Menschen in der Union nicht zugelassen werden, und daß man jedenfalls so viel besitzen müsse, um eine Zeit lang leben zu können, bis sich ein hinreichender Erwerb gefunden hat. Hierzu kommt, daß die Unterstützungsmittel der westeuropäischen Vereine zur Subvention der Auswande-? rer immer mehr abnehmen, so daß auch die Reisespesen von den Auswanderern selbst getragen werden müssen. Es geht hieraus hervor, daß durch diese bedeutende Auswanderung dem Lande nicht unbeträchtliche Capitalien entzogen werden. was sich bereits in den städtischen Gemeinden, aber auch für die jüdischen Genossenschaften fühlbar macht. Wenn daher gewisse Rumänier sich über diese Auswanderung freuen und sie als die Folge ihrer tapferen Maßnahmen und der angewendeten brutalen Gewalt mit Befriedigung ansehen, so kommt auch jetzt schon die Strafe zum Bewußtsein, und das Bedauern über die Übeln Folgen bleibt nicht aus. Wir hatten in der jüngsten Zeit die Genugthuung, daß zum ersten Male ein ministerielles Reglement erschien, in welchem die Worte „ohne Berücksichtigung der Confession" Platz gefunden. Es gilt die Auslegung des Hausirhandelsgesetzes. Nachdem die circa 60 Artikel aufgeführt werden, mit welchen Hausirhandel auf der Straße und in öffentlichen Localen getrieben werden dürfe, wird angeordnet, daß jedem unbescholtenen Manne ohne Unterschied der Confession ein Hausirgewcrbeschein ausgefertigt werden solle. Es ist, wie gesagt, das erste ministerielle Rcscript, das eine solche Clausel enthält, während die früheren Gesetze und Reglements stets „die Fremden" ausschlossen, unter welchen man eben nur die Juden verstand. In gleichem Geiste hat das gegenwärtige Ministerium durch ein Circulär den Präfecten und Unterpräfecten oorgeschrieben. die Austreibung der Juden aus den Dörfern zu sistiren, denn da ein Gesetz keine rückwirkende Kraft haben dürfe, so müßten diejenigen Juden, welche vor dem Erlaß jenes Gesetzes in Dörfern ansässig waren, daselbst ruhig wohnen bleiben. Hierüber sollten Untersuchungen angestellt und Tabellen entworfen werden. Dies ist recht schön; aber die längst vertriebenen und ins Elend gejagten Juden können nur in seltenen Fällen hieraus Nutzen ziehen, und auf welche Weise die untergeordneten Beamten diese ministeriellen Vorschriften beobachten, ist wieder eine andere Frage. Jndcß all diese Zweifel können nicht verhindern, die Tendenz des gegenwärtigen Ministeriums wohl anzuerkennen und dasselbe von aller Verantwortlichkeit für die von Bratianu angerichteten Schäden frei zu machen. Die außerordentliche Regenerationskraft unseres Stammes wird die günstige Zeit der Ruhe zu benützen verstehen, um sich in diesen, ihm früher so günstigen Ländern wieder zu erholen. Großbritannien. London, 22. Juli. s'Privatmitth.) sLondon, die ärmste und die reichste jüdische Gemeinde der Welt.j Die jüdische Gemeinde in London ist weit kleiner als man vermuthen sollte. Sie zählt nach dem Durchschnitt der Todesfälle berechnet 46,000, nach dem der Schulkinder nur 40,000 Mitglieder. Von diesen empfängt jeder dritte Familienvater Armenunterstützung und ist jeder zweite thatsächlich ein Bettler. Die Hälfte der jüdischen Begräbnisse in London sind Armenbegräbnisse. Wahrhaft erschreckende Ziffern weist die Sterblichkeit der kleinen