Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1888)
- Date
- 1888-08-02
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
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489 hier in allen Classen der Bevölkerung großes Aufsehen und allgemeine, gerechte Entrüstung hervorgerufen. Man war seither der Ansicht, daß hier bei uns, wo Jude und Christ durch gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen iin bürgerlichen Leben zu friedlichem und einträchtigem Zusammenwirken ganz von selbst geführt worden sind, der Antisemitismus nur vereinzelte, von Wenigen beachtete kümmerliche Blüthen treiben könnte, umsomehr mußte inan heute überrascht sein, in einem Blatte, welches doch immerhin hier eine gewisse Verbreitung genießt, einem direct judenfeindlichen Elaborat zu begegnen. Mit der nöthigen Deckung durch das Telegramm Kaiser Wilhelms an Hrn. v. Treitschke, wagt sich die „Pfalz. Pr." in den seither nur durch kleine Plänkeleien geführten Kampf gegen das Judenthum und führt unter dem Schlachtruf: „Die Wahrheit ist Treitschke und Professor Lazarus ist sein Prophet" gleich recht grobes Geschütz in's Feld. Da aber das Blatt doch nur das alte Lied wiederholt, können wir uns die Wiedergabe ersparen. Aber die „Pfälz. Pr." ist nicht einseitig; sie weiß den Juden auch ein gutes Heilmittel und bezieht sich dabei auf den Herrn Professor Lazarus in Berlin, „der nicht zu den jämmerlichen Charakteren unter den Juden gehört, die ihr eignes Volk um eines äußeren Vorlheils willen verleugnen", und welcher den Nagel auf den Kopf getroffen habe, indem er tadelt, „daß die Juden sämmtlich im fortschrittlich-demokratisch-freisinnig-republikanischen Lager ihr politisches Zelt aufschlagen, oppositionelle Blätter gründen und unterstützen und so bei der überwiegend monarchisch gesinnten Bevölkerung Deutschlands als antinational, oder zum mindesten international gelten." Mit diesen Worten Lazarus' und weiteren ungeschminkten Worten wird dann den Juden der Rath gegeben, daß wenn sie fein fromm sein und sich zu der national-conservativen Clique schlagen wollen, sie in Gnaden ausgenommen und wieder „Deutsche" genannt werden sollen. Neben dieser Musterleitung politischen Bauernfanges führt die „Pfälz. Presse" auch noch ein furchtbares Gespenst in's Feld, dem die Juden anhängen, nämlich die „Alliance israelite internationale“, deren ausgesprochener Zweck sei, „über die Köpfe der einzelnen Nationen hinweg das Volk der Juden aus Grund eines großen jüdischen Geldmonopols zu einem großen jüdischen Reiche zu vereinigen." (!!) Diese so hoch sachverständige Charakterisirung dieser „Alliance" gipfelt dann in den Worten: „Es ist Thatsache, daß viele der „deutschen" Juden offen und insgeheim dieser Allianz, die ein würdiges Pendant zu der „rothen Internationale" bildet, angehören und ihr Vaterland somit hochverräterisch behandeln." — Das sind die Ausführungen eines Blattes, welches seither mit seiner antisemitischen Tendenz noch immer etwas hinter dem Berg gehalten hat, nun aber urplötzlich, weil es glaubt, es wehe ein anderer Wind, damit nackt und offen zu Tage tritt. (Auf diese Aeußerungen über die Alliance sollte doch ein Strafantrag gestellt werden! Red. d. A. Z. d. Jud.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 20. Juli. Der academische Senat der Wiener Universität hat nach durchgeführter Disciplinaruntersuchung über 14 Studenten, welche sich an den Schönerer-Demonstrationen betheiligt haben und welche bereits polizeilich gestraft wurden, als Strafe die Rüge vor dem versammelten Senat ausgesprochen; fünf dieser Studenten wurden der ihnen verliehenen Stipendien für verlustig erklärt. — Das Gesuch des Herrn Georg Schönerer wegen Aufschubes seines Strafantrittes bis 1. September wurde vom Landgerichte dahin erledigt, daß demselben mitgetheilt wurde, er habe seine viermonatliche schwere Kerkerstrafe am 20. August anzutreten. Pest, im Juli. Die israelitischen Volksschullehrer des Bacs-Vodroger Comitats haben am 12. d. in Zombor ihre Generalversammlung gehalten, zu welcher auch der Schulinspector kön. Rath Franz Czirfuß erschienen war. Derselbe begrüßte die Versammlung in schwungvoller Weise, worauf der Delegirte des israelitischen Landes-Lehrervereins Philipp Csukäsi die Verhältnisse des Muttervereins darlegte und im Wesentlichen jene Verdienste würdigte, welche sich Schulinspector Czirfuß um die Systemisirung der israelitischen Lehrer im Bäcser Comitat erworben. Rußland. Petersburg, im Juli. Nach der „W. A. Z." erhielten in Wesenberg (Esthland) mehrere jüdische Familien polizeiliche Ausweisungsbefehle. Kiew, im Juli. Von hier wird gemeldet: Der General- Gouverneur Drenteln hat alle Verwaltungsbehörden in den Gouvernements Kiew, Podolien und Wolhynien angewiesen, unverzüglich ein Verzeichniß der in den Landgemeinden dieser Gouvernements ansässigen Juden anzufertigen. Bekanntlich verbietet der kaiserliche llkas vom 3. Mai 1882 neue Ansiedelungen von Juden in diesen Landgemeinden; das verfügte Verzeichniß bezweckt also die Feststellung, ob der Ukas nicht umgangen worden ist. Stellt es sich heraus, daß dies der Fall, dann sollen alle Juden, welche nach km 3. Mai 1882 ihren Wohnsitz in den Landgemeinden der drei Gouvernements genommen haben, unverzüglich von dort ausge. wiesen und für die Uebertretung des Verbotes zur gerichtlichen Verantwortung gezogen werden. 31