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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-02 · Heft 31 (2.8.1888) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 31 (2.8.1888)
Date
1888-08-02
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
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486 man nicht sagen, daß im Ganzen das Bild dieses vielbewegten Jahres, welches für die Geschichte der civilisirten Welt ewig denkwürdig bleiben wird, an Klarheit und Richtigkeit, an parteiloser objectiver Zeichnung viel gewonnen hat. Die von jedem Einzelnen damals eingehaltene Parteistellung wird sich stets wiederspiegeln, oder der betreffende Autor oder Biographirte hat seitdem seine Ansichten geändert und spricht nun über die Ereignisse und den Charakter jenes Jahres von seiner gegenwärtigen Stellungnahme aus. Nachdem ich viele dieser jüngst erschienenen Schriften durchgelesen, glaube ich vielfachen Aufforderungen, meine Erinnerungen aus jener Zeit, die auch für mich die bewegteste meines Lebens war, mitzutheilen, Nachkommen zu müssen. Selbstverständlich gehe ich mit dem guten Willen daran, so objcctiv wie möglich zu sein, was natürlich nicht absolut eingehalten werden kann. Dennoch wird mir dieses Streben vielleicht dadurch erleichtert, daß ich während der ganzen revolutionären Bewegung nicht in einem der Centren derselben, sondern in einer größere» Provinzialstadt, Magdeburg, lebte, und daß ich glücklicher Weise nicht zu den vielen Männern gehörte, welche durch die Theilnahme an jener aus ihrem bisherigen und ihrem beruflichen Boden hinweggerissen und weithin geschleudert wurden. Denn sowohl während jener stürmische» Zeit als auch nachher habe ich trotz mancherlei Eintretens in die Bewegung weder meinen Beruf, noch meine literarischen Arbeiten auch nur einen Tag hintangesetzt, und andrerseits erkannte ich frühzeitig, daß der eingeschlagene Weg zu keinem directen Ziele führen werde. Letzteres ist feilte bloße Redensart, und ich werde dafür um so eher Beweise bringen, als sie mit dem Wandel der Volksstimmung selbst im Zusammenhänge standen. Wenn man demnach keine neuen Aufschlüsse von mir zu erwarten hat, so werden sich doch Beobachtungen ergeben, die für das Ganze nicht uninteressant sein niögen. Hierzu kommt, daß ich wegen meiner eigenthümlichen Stellung das specifische Moment, nämlich das Geschick des Judenthums, das in der bisherigen Betrachtung jener merkwürdigen Zeit mit Stillschweigen übergangen worden, zu berücksichtigen habe. Voranschicken muß ich jedoch zur Klarstellung meiner Beurtheiluug einige allgemeine Bemerkungen. Die Bewegung im Jahre 1848 war eine revolutionäre. Eine Revolution in Deutschland, Preußen, Oesterreich — das ist etwas Unerhörtes! Die Wogen der Revolution prallten 1789 und 1830 an den Grenzen dieser Staaten ab. War sie nun berechtigt oder nicht? Hatte sie günstige oder schädliche Folgen? ... Ich war lange Zeit der Meinung, und habe sie auch in meinen „Weltbewegende Fragen" ausgedrückt, was einige Kritiker tadelten, daß die Entwickelung oft durch die Revolution eher unterbrochen als gefördert wird. Die letztere macht ihrer Natur gemäß gewaltsame Sprünge, so daß die Ueberleitung der Verhältnisse hinterdrein große Schwierigkeiten j bereitet, und die Reaction um so leichter Kräfte gewinnt, die Resultate zu hintertreiben. Die Geschichte lehrt uns, daß große Umwandlungen auf dem friedlichen Wege der Entwickelung vor sich gegangen. So verschwanden die Hexenprocesse, die Gottesurtheile, die Folter, obschon sie von Theologen und Juristen begründet und aufrecht erhalten wurden. Nicht minder gelang ohne Kampf in vielen— nicht in allen — Ländern die Abschaffung der Sklaverei, die Aufhebung der Leibeigenschaft, und in unsrer Zeit verdanken wir der Entwickelung die sog. socialpolitischen Reformen, die Fabrikgesetzgebung, die Kranken- und Unfallversicherung, vielleicht auch bald Gleiches für Alter und Invalidität. Aber es giebt auch andere Fälle. Wenn eine neue Richtung der Geister, eine neue Anschauung, ein neues menschliches Bewußtsein, die Befriedigung tief gehender Bedürfnisse, die Beseitigung schwer drückender Lasten sich geltend gemacht haben, die Machthaber hingegen, die Besitzer von schwer wiegenden Vorrechten sich dagegen stemmen, dann geschieht es, wie wenn die Gewässer vor verschlossenen Thoren der Schleusen sich immer mehr anstauen, die Thore durchbrechen, und die Fluth mit Gelvalt hindurchstürmt und da allzu oft die Ufer übersteigt und die Fluren überschwemmt. Eine Berechtigung liegt hier in der Natur der Sache. So wird kein Unbefangener der Reformation des 16. Jahrhunderts ihre Berechtigung absprechen. Und doch war sie eine außerordentliche Revolution, zuerst auf kirchlichem Gebiete, dann auch auf politischem, da sie vom Feudalstaat zum Absolutismus führte. Und wer möchte ihr die fruchtbarsten Folgen absprechcn? Man hat eingelvcndct, daß sie die Entwickelung der Reform innerhalb der Kirche verhindert und die bleibende Spaltung der Christenheit hervvrgebracht habe. Aber die Versuche einer solchen Reform in der jüngsten Zeit, der Deutsch-Katholicismus, der Altkatholieismus, die Partei des P. Rosmini und deren jüngster Ausgang haben hinlänglich bewiesen, daß die Reform innerhalb der Kirche unmöglich sei, und daß deshalb der gedachte Einwand ohne alle thatsächliche Gewähr ist. Gewiß ist cs, daß die Revolution nicht selten zu nachthciligen, ja ihr entgegengesetzten Erfolgen führe. Die französische Revolution brachte unmittelbar den Terrorismus, dann das Directorium und endlich den Despotismus Napoleon I., welcher das Schwert zum Beherrscher der civilisirten Völker machen wollte; die Revolution von 1848 bewirkte in Frankreich die furchtbare Junischlacht zwischen den Arbeitern und der Gesellschaft und den Cäsarismus Napoleon III., der sicherlicki die Wohlthaten der Regierung Ludwig Philipp's weit hinter sich ließ. Aber war darum die Revolution von 1789 ohne Berechtigung und ohne segensreiche Folgen? Wer nur einen Blick, in die Zustände der französischen Nation vor derselben wirft, den bevorstehenden Staatsbankerott, die Ohnmacht des Königs, des Hofes und des Ministeriums, die nur

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