Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1888)
- Date
- 1888-08-02
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
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484 Theologie voraussetzen, und dieses Zusammentreffen ist der; Natur der Sache nach so lange unmöglich, als die Philosophie von den Voraussetzungen der Religion nicht ausgeht, so muß die Arbeit eine vergebliche sein. Geht z. B. die Philosophie nicht wie die Religion von dem Gottesbegriffe, von dem Dogma des Daseins Gottes aus, so wird sie niemals den Jncidenzpunkt treffen Zwischen Philosophie und Religion. Die Sache ist einfach. Die Religion schöpft ihren Gottesglauben aus dem Gemüthe, aus dem instinetiven Gefühle der Menschenseele, aus dem Gesetze des Menschengeistes von Ursache und Wirkung. Die Philosophie hingegen will durch die Operationen des Verstandes allein zu der unumstößlichen Beweisführung vom Dasein Gottes gelangen und kann zu diesem Ziele nur durch Jnconsequenz kommen. Zwischen beiden Wegen liegt also eine schwerlich zu überbrückende Kluft. Dies hat auch an sich nichts auf sich, denn die Philosophie ist weniger dazu berufen, zu unangreifbaren Resultaten zu führen, als eine Entwickelung des Geistes, eine sich steigernde und vertiefende Verstandesbildung zu erzielen, welche jedoch die Alleinherrschaft in der Geisteswelt des Menschen nicht beanspruchen darf. Wir halten es nun nicht für unsre Aufgabe, Vatke auf diesem Wege zu folgen, und zu zeigen, auf welche Weise er diese Schwierigkeit zu überwinden glaubte, doch aber wiederum zu Zugeständnissen gelangte, ohne welche nun einmal Philosophie und Theologie nicht zu vereinigen sind. Wir wenden uns vielmehr zu seinem zweiten Theile, der „Darstellung der bestimmten einzelnen Religionen". Er betrachtet hier zuerst die „Naturreligionen", zu denen er die chinesische, japanische, brahmanische, buddhistische, die Zenda-Besta, die babylonische und die egyptische rechnet; dann „die Religionen des endlichen Geistes, oder der geistigen Subjectivitäten", die griechische und römische Religion, endlich die „Religionen des Monotheismus, nämlich das Judenthum, das Christenthum und den Mohammedanismus". Selbstverständlich gehen wir zunächst auf seine Betrachtung über das Judenthum ein, das er als „Religion des Alten Testamentes und des späteren Judenthums" in Erwägung zieht. Es sind ihm S. 475— 515 gewidmet. Er spricht sich hierüber im Allgemeinen so ans: „Der Monotheismus ist in seiner ersten originellen Erscheinung um so interessanter, als er eine gewaltige That des Geistes, eine Erhebung des Geistes über die ganze Erscheinungswelt voraussetzt und doch bei einem relativ unbedeutenden Volke, ja, was noch mehr sagen will, zu den ältesten Zeiten in einem relativ unbedeutenden Kreise innerhalb dieses kleinen Volkes erwacht und gepflegt wird; denn wenn man den Begriff des Monotheismus streng faßt, muß man denselben, was die vorgeschichtliche Zeit anbelangt, auf das israelitische Volk beschränken; nur dieses hatte einen Monotheismus als dasjenige Gottesbewußtsein, welches eine alle anderen Götter ausschließende Einheit des Göttlichen setzt und dem entsprechend auch die subjectiv menschliche Einheit des Geistes, die Einheit der Vernunft gleich der göttlichen Vernunft ausspricht. Eine solche Einheit ist nun aber nur möglich, wenn das Wesen des Göttlichen rein ideal aufgefaßt wird. Bei einer unbestimmt allgemeinen Auffassung der Einheit, wie sie uns z. B. in der Isis entgegentritt, die da sagt: „Ich bin Alles, was war, ist und sein wird," bei der pantheistischen Einheit der Substanz treten nämlich erfahrungsmäßig immer wieder besondere göttliche Mächte neben der abstracten Einheit hervor, und selbst bei einer übergeordneten Intelligenz, wie Zeus eine solche ist und Jupiter, sind andere Götter nicht ausgeschlossen; der wirkliche Monotheismus dagegen duldet keine anderen Götter neben dem einen Gott, entgöttert also die ganze Natur. Diese ist ihm nicht mehr Erscheinung einer Vielheit göttliche Lebensmächte, sondern schlechthin abhängig, hervorgebracht, geschaffen, erhalten und beherrscht von einem Gott, der ebenso wenig nun geistige Individuen neben sich leidet; sie müssen vielmehr jetzt als Diener des einen wahren Gottes erscheinen und sind keine göttlichen Mächte, sondern nur gottähnliche Gewalten im Vergleich zum menschlichen Unvermögen. Wird überhaupt die Intelligenz als eine in sich unendliche aufgefaßt, so kann gar nichts Selbständiges, durch sich selbst Seiendes innerhalb ihrer Bewegung auftauchen. Das verlangt schon der Gedanke, und diesen großen Gedanken hat der Monotheismus nun, sobald er seiner selbst wahrhaft bewußt ward, wirklich vollbracht." — Diese Anerkenntniß eines so scharf philo- I sophischen Denkers und Kritikers können wir nur willkommen heißen. Ferner erkennt Vatke — trotz seiner Kritik des Pentateuchs — an, daß „wir diesen Monotheismus bis in das Zeitalter des Mose zurückzuversetzen haben." Denn, sagt er, „daß damals schon der wirkliche Monotheismus im Bewußtsein, wenn auch nur weniger lebendig gewesen sei, wird durch die ganze folgende Geschichte des Volkes nothwendig gefordert; nirgends wird uns in der Folgezeit der Stifter einer neuen Religion oder ein Reformator, der ein ganz neues Bewußtsein gegründet hätte, genannt, überall wird vielmehr das monotheistische Bewußtsein als vorhanden vorausgesetzt, und alle mit ihm in Zusammenhang stehenden Einrichtungen weisen auf das Zeitalter des Mose zurück. Daher würde es eine ganz hyperkritische Ansicht sein, wenn man dem Mose und einem Theile seiner Zeitgenossen den Monotheismus absprechen wollte." — Er fährt weiterhin fort: „Wir müssen für den Monotheismus nothwendig eine originelle, selbständige Erhebung des Geistes, und, da der Geist darin sein eigenes Wesen ergreift, eine Offenbarung Gottes voraussetzen, wo dann das Wort Offenbarung nicht so nur als Redensart gebraucht sein soll; Redensart ist Offen- : barung nur da, wo diese äußerlich vermittelt ist, wo sie