Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1888)
- Date
- 1888-08-02
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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483 gungen — wir erinnern z. B. an den GustavAdolf-Verein — folgten auch in neuester Zeit die Juden und es bildeten sich die Alliance israelite universelle, welche jedoch lediglich die Hebung der intellektuellen und sozialen Verhältnisse unsrer Glaubensgenossen im Orient zum Zwecke hat, wie man sich aus allen ihren halbjährlichen und monatlichen gedruckten Berichten, die Jedermann zugänglich sind, überzeugen kann, dann aber auch die Wiener Allianz, die sich in ihrer Wirksamkeit für das Unterrichtswesen auf Oesterreich beschränkt, die Anglo-Jewish Association in London mit gleicher Tendenz für den Orient und der Board ot' Delegates in New- Aork, dessen Wirksamkeit nur eine geringfügige und bloß für Nordamerika bestimmt ist, endlich der deutsch-israelitische Gemeindebund, welcher die Förderung des Religionsunterrichtes und wohlthätiger Zwecke sich zur Aufgabe gestellt hat. Es sind also rein ideale Zwecke, welche diese Verbindungen verfolgen, sie haben sich nach Ländern wieder geschieden und in keinem Punkte widersprechen sie dem nationalen Leben, den nationalen Pflichten. Wer übrigens die Zahl ihrer Mitglieder in Betracht zieht, erkennt, daß sie nur kleine Bruchtheile der jüdischen Bevölkerung befassen. — Dies Alles sind Thatsacheu, die Jedermann, welcher nicht absichtlich die Wahrheit entstellen will, aufs Leichteste zu erkennen und zu verifiziren vermag. Es kann daher dem Judenthume die Jnternationalität nur in religiöser Beziehung als einem religiösen Bekenntniß zugeschrieben werden, und wer gar, wie es die Antisemiten offen thun, dieses „international" unter der Hand als „antinational" auslegt und gegen die Juden wendet, der schlägt der offenkundige!: Wahrheit ins Gesicht und sucht nichts Anderes, als Verleumdung und Lüge in das Herz des Volkes zu träufeln. Wir möchten meinen, daß diese Leute unter der Heuchelei ihres Nationalgefühls erst recht „antinational" handeln, denn wer eine Nation zu spalten und zu Zwietracht in ihrem Innern zu bringen, und zugleich die Gerechtigkeit und Humanität zu brechen und an die Stelle der Gleichberechtigung aller Söhne des Vaterlandes Ungerechtigkeit und Kastengeist zu setzen strebt, der wüthet gegen alle wahren Interessen der Nation. Aus der christlich religisnsphilosophischen Literatur und ihren Beziehungen zum Iudenthum. i. Nicht bloß ein Gedanke, sondern auch eine Gedankenrichtniig, sobald ein Strahl der großen Wahrheitssonne in ihr lebt, ein natürlicher Drang des Menschengeistes in ihr nach Befriedigung strebt, kann durch keine gewaltsamen Mittel unterdrückt werden. Sie bricht immer wieder durch die Fesseln hindurch, welche man ihr angelegt, und tritt wieder j an das Tageslicht hinaus. Diese Fesseln bestehen aber nickt! bloß in äußeren Mitteln der Vergewaltigung, sondern werden ■ auch durch eine zeitweilig vorherrschende Tendenz geschmiedet, 1 in den Menschen eine entgegengesetzte Richtung hervorzuj bringen. Ein Beispiel hierfür giebt uns ein in diesen Tagen >erschienenes Werk: „Wilhelm Batke's Religionsphilosophie oder allgemeine philosophische Theologie. Nach Vorlesungen heransgegeben von Br. Hermann G. S. Preiß. Bonn, Strauß, 1888." Vatke war bekanntlich einer der deutschen Kritiker, welcher fast zuerst eine scharfe kritische Untersuchung des Pentateuchs unternahm und zu Resultaten kam, welche den strenggläubigen Orthodoxen sehr mißfallen mußte, Resultate, die allerdings sehr schwankend waren und zum Theil später von ihm selbst wieder stark modifieirt wurden. Dieser Standpunkt setzt aber schon von vornherein eine freiere theologische Richtung voraus, und diese bethätigte Vatke durch seine religionsphilosophische Behandlung des Christenthums, in der er weit über Schleiermacher hinausging. Man lese nun das Vorwort das Br. Preiß zu diesem Werke geschrieben, um die Verfolgung kennen zu lernen, welche über Vatke den Kritiker und Denker sich ergoß. Als Hengstenberg und seine Anhänger unter der Regierung Friedrich Wilhelm IV. die Obhand erlangt hatten und die theologische Fakultät in Berlin ausfüllten, legten sie Vatke vollständig lahm. Wer nur ein Colleg bei Vatke gehört hatte, selbst wenn er die Vorlesungen Hengstenberg's und Twesten's frequentirte, fiel beim Examen durch, und man erklärte ihm von vornherein, daß er ans eine Anstellung nicht zu rechnen habe. Diesem Verfahren gegenüber hatten wenige Studenten die Energie, Valke's Auditorium zu besuchen, und so ward dieses immer leerer und bis auf zwei oder drei Zuhörer redueirt. Er schwand gewissermaßen aus der Reihe der Lebenden, so daß die Anzeige seines Todes überraschte. Vatke lebte der Ueberzeugung, daß die Philosophie mit der christlichen Theologie vereinbar sei; die Philosophie mx ihm das Begreifen, die Theologie das gegebene Wissen. Zuvor müsse mau die philosophischen Prineipien aufgestellt und begründet haben, so daß die philosophische Theologie in zwei Haupttheile zerfällt: „1) in einen vorbereitenden, die Grundlage bildenden, rein philosophischen Theil, der durchaus so behandelt werden muß, als ob gar keine Betrachtung der Religion folgen sollte, also nicht ans die Religion berechnet werden darf, und 2) in eine Betrachtung der Religion und Theologie selbst." Vatke bezeichnet hiermit die Klippe, an welcher die Religionsphilo-- sophie stets gescheitert ist, da eben der Widerspruch von vornherein sich geltend macht, daß die Philosophie ohne alle Voraussetzung selbständig und unabhängig Vorgehen müsse, während die Religion und Theologie von „Gegebenem" ausgeht und dieses durchaus nicht entbehren kann. Kommt also die Philosophie nicht gerade zu dem, was Religion und 31*