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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-02 · Heft 31 (2.8.1888) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 31 (2.8.1888)
Date
1888-08-02
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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48? von Treitschke nämlich wird sich in seiner ganzen Professorenwürde erheben mit dem Einwande: das Judenthum bildet überall einen festen Zusammenhang und eine undurchdringliche Solidarität. Aber wenn je eine Behauptung falsch und erfunden ist, so ist es diese. Seitdem das Synedrium und das Patriarchat erloschen und selbst die großen babylonischen Schulen verschwunden sind, hat das Judenthum keinen geistlichen Mittelpunkt, keine Autorität außer seinen alten schriftlichen Urkunden. Jede jüdische Gemeinde, groß oder klein, ist selbständig, unabhängig, autonom. In einigen Ländern, wie Frankreich, Belgien, Württemberg und Baden hat der Staat eine geistliche Oberbehörde und eine gewisse Organisation für die jüdischen Gemeinden eingesetzt, die jedoch nicht naturwüchsig sind und, sobald der Staat sie aufhebe, völlig wieder verschwinden würden. Als Napoleon I. ein Sanhedrin nach Paris berief, kamen nur Rabbiner aus Frankreich uub Italien, welches damals unter französischer Herrschaft stand, zusammen, die Juden anderer Länder betheiligten sich nicht an ihm. Aber nicht bloß geistlich, von religiöser und kirchlicher Seite, sondern auch in realer und materieller Hinsicht besteht unter den Juden sowohl der verschiedenen Länder als in einem und demselben Lande keinerlei Zusammenhang. Wie jede Gemeinde aus eigenen Mitteln besteht, so hat auch jedes jüdische Individuum für sich zu sorge«. All die gewöhnlichen Leidenschaften, welche unter allen Menschen herrschen, trennen die Juden in völlig gleichem Maße unter einander, Neid und Mißgunst, Conkurrenz und Feindschaft. Alles, was unsre Gegner Gegentheiliges sagen, ist erfunden. Auch in gewerblicher und commerzieller Hinsicht herrscht unter den Juden keine gegenseitige Berücksichtigung, sie nützen und schaden einander, wie es der commerzielle Vortheil mit sich bringt. Am wenigsten findet solches zwischen den Juden eines Landes zu denen des anderen statt. Die einzige Solidarität, die unter ihnen besteht, ist, abgesehen von dem Wunsche für den Fortbestand der Religion, der aber nur ein idealer ist, diejenige, welche ihnen von ihren Feinden insinuirt wird, die diese jedoch nur da anerkennen, wo es Etwas zu tadeln und anzufeinden giebt, nicht aber wo sie loben und rühmen müßten. Wie also das Judenthum nach dieser Seite hin international genannt werden könne, ist durchaus nicht erfindlich und rein willkürlich von den Gegnern aufgebracht. So wie die Christen trotz ihrer gemeinsamen Religion Deutsche, Franzosen, Engländer u. s. w. sind, die Katholiken und Protestanten in gleichen; Maße, so sind auch die Juden trotz ihrer gemeinsamen Religion Deutsche, Franzosen, Engländer u. s. w. Da, wo nationale Interessen diese Völker trennen, ja feindlich gegenüberstellen, scheiden sie auch die deutschen, französischen, englischen u. s. w. Juden von einander. Wie sie bei ausgebrochenem Kriege unter den Fahnen des Vaterlandes kämpfen, ohne zu fragen, ob ihre! Kugelu oder Schwerter jüdische Brüder treffen, so stehen sie jin allen nationalen Interessen auf dem nationalen Standpunkte, und zeigte sich dies z. B. nach dem dänischen und! dem französischen Kriege sogar in bedauerlichen Thatsachen. Wenn man sich dem gegenüber die hierarchische Organisation der katholischen Kirche vorstellt, so muß man wirklich erstauj neu, wie Jemand, der auf die geringste Kenntniß der Geschichte und der gegenwärtigen Verhältnisse Anspruch macht, den Juden auch nur den Schatten einer Jnternationalität andichten und vorwerfen könnte, am meisten nach den neuesten Erfahrungen, die man auch in politischen Fragen gemacht hat und jetzt in Irland wieder macht. — Wer irgend Obiges bezweifelt, der braucht nur den ersten Beschluß der ersten jüdischen Synode zu Leipzig (1869) — also lange v or der ersten Regung des Antisemitismus und 5 Jahre nach dem Syllabus Pius IX — die per Aeclamation einstimmig angenommene Resolution nach unserem Anträge nachzulesen. Da heißt es: „Die jüdische Synode erkennt das Judenthum in Uebereinstimmung mit den Principien der neueren Gesellschaft und des Rechtsstaates, wie diese Principien im Mosaismus verkündet und in der Lehre der Propheten entwickelt worden, nämlich in Uebereinstimmung mit dem Puncip der Einheit des Menschengeschlechts, der Gleichheit aller vor dem Gesetze, der Gleichheit aller in Pflichten und Rechten dem Vaterlande und dem Staate gegenüber, so wie der völligen Freiheit des Individuums in seiner religiösen Ueberzeugung und dem Bekenntniß derselben; — die Synode erkennt in der Entwickelung und Verwirklichung dieser Principien die sicherndsten Bürgschaften für das Judenthum und seine Bekenner in der Gegenwart und Zukunft, die lebenskräftigsten Bedingungen für den uneingeschränkten Bestand und die höchste Entfaltung des Judenthums." Tie einstimmige Annahme durch Aeclamation läßt keinen weiteren Zweifel zu, da in den späteren Verhandlungen der Synode über andere Gegenstände sich die Verschiedenheit der Ansichten oft genug geltend machte. — Das einzige Moment, wo man von einer gewissen Zusammengehörigkeit der Juden sprechen dürfte, ist das Gebiet der Wohlthätigkeit. Aber stehen denn die Juden auch hierin als ein einzelnes Beispiel da? Bestehen nicht unter den Katholiken und Protestanten ebenso gut katholische und protestantische Vereine zu wohlthätigen und sittlichen Zwecken? Giebt es nicht in der ersteren Kirche Orden aller Art, die aus dem gemeinsamen Boden der Nation heraustreten und gesonderte Interessen verfolgen, wie dies bei den Juden nicht der Fall ist? Werden nicht die Juden von diesen, an das Bekenntniß gebundenen Vereinen ausgeschlossen, und sehen sich im Genuß der Wohlthätigkeit auf ihre Glaubensgenossen angewiesen? Diesen katholischen und protestantischen Vereini-

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