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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-26 · Heft 30 (26.7.1888) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 30 (26.7.1888)
Date
1888-07-26
Page
Seite 478 (sequence 14)
Language
German
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478 Wie dies zu vermeiden sei? . . . Meine Ansicht ist, daß Niemand gegenwärtig zu „verbauern" braucht, wenn er nur selbst will und einige Energie besitzt. Das Hauptmittel dagegen liegt in der fortgesetzten Theilnahme an der Literatur und Presse. Diese sind ein großer Strom, der mit vielen Armen, Canäle» und Canälchen durch das ganze Land zieht, und keine Ortschaft, kein Dorf, ja nicht einmal ein einsames Haus bleibt unberührt, Flur und Garten unbewässert. In der ihnen nächsten Stadt giebt es sicher einen Lese- und Journalzirkel, an welchem Sie sich betheiligen können, und was schadet es, wenn Sie die literarischen und journalistischen Erscheinungen einige Monate später erhalten? Ist bei diesem Zirkel die jüdische Literatur und Presse nicht vertreten, so mögen Sie unter Ihren Collegen ringsum einen solchen Zirkel bilden. Die jüdische Literatur und Presse sind, so weit sie Ihre Bedürfnisse befriedigen, nicht so umfangreich, um den Preis für etwa 8—10 Collegen hoch zu stellen. Ich höre Ihren Einwand, daß das jüdische Lehramt nicht so viel abwerfe, um für literarische Theilnahme viel übrig zu lassen. Aber gerade der jüdische Lehrer, der das Wirthshaus nicht besucht, nicht trinkt und nicht spielt, kann auch Etwas für seine geistige Nahrung ersparen, und wenn es Noth thut, mag er statt vier zwei Cigarren des Tages rauchen. Ja, der Geist verlangt seine Nahrung so gut wie der Leib, und wenn er keine solche erhält, magert er ab, ob in großer oder kleiner Stadt. Allzu viel gehört zu einer gesunden Nahrung nicht, denn schon der alte Seneca sagt in seiner zweiten Epistel: „Du hast wenig Bücher, so lies sie immer und immer wieder, denn es ist weit besser, Weniges zu lesen, in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, als in vielen Büchern sich zu zerstreuen und nur oberflächliche Kenntnisse von ihnen zu gewinnen."— Dann aber habe ich die Ansicht, daß Niemand im kleinsten wie im größten Kreise zu verbauern braucht. In früheren Jahren hatte ich die Provinz oft zu bereisen und in kleinen Orten zu verweilen, und in solchen fand ich zu meiner großen Befriedigung oft Männer und Frauen, die an Geistesbildung und tiefer Empfindung den Trefflichsten in großen Städten gleich kamen, und vielleicht a» Freiheit und keuscher Zartheit sich mehr bewahrt hatten, als es im Treiben der großen Welt möglich ist. Es giebt Menschen, welche die Welt umsegelt haben und weniger davon zu erzählen wissen, als ein Anderer, der eine Rheinfahrt macht. Es kommt eben auf die Fähigkeit an, Beobachtungen zu machen und sich zum Bewußtsein zu bringen. Menschenkenntniß und die Fähigkeit, seine Mitmenschen richtig zu behandeln, kann im engsten Kreise erworben werden; denn die menschliche Art und Leidenschaft bleibt sich überall gleich, in Palästen wie in Hütten. Aber „Uebung macht den Meister." Man muß sich daran gewöhnen, sich selbst dazu anhaltcn, die Menschen zu beobachten und sich ihr Thun und dessen Triebfedern klar zu machen. — Uebrigens habe ich Ihnen noch Zweifaches zu empfehlen. Wo Sie keine Intelligenz finden, suchen Sie dieselbe zu wecken. Der Keim dazu liegt in jedem Menschen. Sammeln Sie zu gelegener Stunde Männer j und Frauen um sich. Nur keine Predigten und lange Vor-! träge dürfen Sie, noch dazu Anfangs halten. Lesen Sie Ihnen Geschichtchen, schöne Erzählungen, Schilderungen geschichtlicher Szenen und aus der Naturwelt, aus Reisebe- . schreibungen vor, besprechen Sie das Gelesene und erregen! in sokratischer Monier Fragen und Einwendungen. Später, j wenn so das Interesse an besserer Unterhaltung gepflegt ist, i können auch religiöse, ja populär-philosophische Fragen behandelt werden. Man muß sich hierzu das Geschick zutrauen, j und dies wird ebenfalls mit der Uebung wachsen. Das zweite, was ich Ihnen anrathe, ist: legen Sie sich ein Buch an, in welches Sie in jeder Mußestunde Etwas eintragen, Beobachtungen, Vorfälle, auch kleine, denn es läßt sich bei! Allem Etwas denke», Einfälle, Ideen und schöne und untcr-! richtende Stellen aus dem, was Sie gelesen. Dies hat einen , doppelten Vortheil: man übt sich im schriftlichen Stile, was der Lehrer sehr nöthig hat, denn wie man eine Sprache verlernt, wenn man sie nicht übt, so verliert man an der Correktheit und Gewandtheit im schriftlichen Ausdruck, wenn man nicht stets darauf bedacht ist, diese zu üben. Alsdann drängt ein solches Buch, recht oft etwas hineinzuschrciben, dazu seine Gedanken zu concentriren und zu entwickeln. Welche Pflanzstätte guter Gedanken, wichtiger Vorstellungen und klarer Selbsterkeniitniß! — Dies habe ich Ihnen aus guter Erfahrung auf Ihre Klagen zu antworten. Protokoll der am 21. Mai 1888 im Saale des Cafv Braun zu Hameln stattgesundenen Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover. Erste Sitzung: Montag, den 21. Mai 1888, Vormittags 9 Uhr. Anwesend waren 19 Mitglieder. — Der bisherige Vorsitzende, Lehrer Fauerbach-Hildesheim, eröffnete die Sitzung und richtete an die Versammlung herzliche Begrüßungsworte. In seiner hieran geknüpften Ansprache drückte er sein tiefes Bedauern aus, die heutige Versammlung so schwach besucht zu sehen und das um so mehr, als Seitens der Gemeinde Hameln für eine gute Aufnahme der Conferenzmitglieder aufs Beste gesorgt worden sei. — Hierauf hieß Herr Vorsteher Michaelis in seinem Namen und im Nam n seiner

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