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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-26 · Heft 30 (26.7.1888) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 30 (26.7.1888)
Date
1888-07-26
Page
Seite 474 (sequence 10)
Language
German
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474 Religionsgenossenschaften seinem Herzen gleich nahe sind, und der Sturz des Ministers v. Puttkamer lassen ihnen keine Ruhe — die Juden sind dann die ersten, auf die sie losgehen, und unter „Juden" verstehen sie Alle, die nicht ihrer Reaction angehören und ihrer Fahne folgen! Die „Frkf. Z." schreibt: „Die „Kreuzzeitung" bringt heute unter der Ueberschrift: „Ein Schandfleck des öffentlichen Lebens in Europa" einen Leitartikel, in welchem sie im gröbsten antisemitischen Jargon und mit Schimpfworten, wie man sie seit langer Zeit nicht gelesen hat, die Juden und das, was sie die „derjudete Presse" nennt — und dazu rechnet sie u. A. „Pester Lloyd", „Figaro", „Pall Mall Gazette" und die deutschen freisinnigen Organe — der Beschimpfung des verstorbenen Kaiser Wilhelms und seines jetzt regierenden Enkels, des Sturzes Puttkamers und im Uebrigen der Schuld an alledem zeiht, was ihr in den letzten Monaten nicht gefallen hat. Der ganze Artikel würde keine Erwähnung verdienen, wenn nicht seine Schlußsätze deutlich den Zweck verriethen, den jungen Kaiser als Retter für das von den Juden geknechtete Europa anzurufen. Diese Schlußsätze lauten: „Bleibt das jüdische Monopol der moralischen Einschätzung bestehen, dann fahr wohl: Ehrlichkeit, Wahrheit, Treue, Recht, Freiheit! Wir hoffen aber, daß ein Befreier kommen wird. Es ist ein Schandfleck der europäischen Staatskunst, daß man die Juden eine so verächtliche und gefährliche Rolle spielen läßt. Die Judenmacht muß gebrochen werden. Welcher Fürst, welcher Staatsmann beginnt diesen edelsten aller Feldzüge? Wir sind überzeugt, daß er in kurzer Zeit bis auf wenige unwürdige Ausnahmen das ganze Volk und zwar zu jeder Maßregel auf seiner Seite haben würde. Heute sind die meisten Sclaven; erst wenn die Ketten jüdischen Mammons gebrochen, die Fesseln jüdischen Geistes gesprengt sind, kann man wieder von Freiheit reden." Natürlich läßt man die „Kreuzz." laufen, mit ihr in Wortwechsel sich einznlassen, ist nutzlos. Leipzig, 13. Juli. (Privatmitth.) Unsere Religionsgemeinde, welche seitdem die erste Synode 1869 in ihren Mauern weilte, das Princip der Beamtenpflege hochgehalten und gefördert hat, giebt nun Zeugniß von dem eigenen Ernste der edelsten Bestrebungen. Die israelitische Gemeindevertretung hat gestern eine Eingabe des Herrn Rabbiners, vr. A. M. Goldschmidt, um Pensionirung, dadurch erledigt, daß sie, in Berücksichtigung der hohen Verdienste und der allgemeinen Beliebtheit desselben, eine solche verweigerte, hingegen für Lebzeiten die Fortzahlung seines vollen ungeschmälerten Gehaltes, und im voraus die spätere Pensionirung seiner Gemahlin in hohem Betrage, beschlossen hat. Nach der Anstellung eines zweiten Rabbiners, welcher ihm die Lasten der Fürsorge für die Gemeinde abnahm, hat der leitende Vorstand, der mit Recht als „das Gewissen der Gemeinde" gilt, auch dazu die Initiative ergriffen, und verdient den Dank aller Gutgesinnten, die im Festhalten und in der Belohnung der verdienstvollen und bewährten Beamten ein günstiges Prognvstikon für die Zukunft unserer Gemeinde sehen. Leipzig, 19. Juli. Volle Aufmerksamkeit verdient in mehrfacher Beziehung folgender Artikel: „Die amtliche „Leipz. Ztg." hat neuerdings in ihrer wissenschaftlichen Beilage unter der Aufschrift: „Der christliche und der widerchristliche Antisemitismus" einen längeren Artikel zum Abdruck gebracht, in welchem, im Anschlüsse an die Besprechung des Schönerer- Skandals und die dadurch hervorgerufene Spaltung in den Reihen der österreichischen Antisemiten, auch für Deutschland eine Scheidung in christliche und widerchristliche Antisemiten gefordert wird. In besonders scharfer Form wendet sich jener Artikel des dem Antisemitismus überaus zugethanen Organs der sächsischen Regierung gegen die Art und Weise, mit welcher der widerchristliche Antisemitismus sich beispielsweise auch im Antisemitenkatechismus Angriffe gegen die Religion der Juden gestattet. Mit Bezugnahme auf den antisemitischen „Anlikraten" und verschiedene Dühring'sche Schriften wird alsdann ausgeführt, daß viele Antisemiten nicht nur der jüdischen, sondern auch der christlichen Religion durchaus feindlich gegenüber stehen. Das Ecrasez l’infame werde von letzteren immer und immer wieder gepredigt, und aus ihrer Kehle schalle es noch ganz anders furchtbargehässig als aus der Kehle dessen, der es zuerst gerufen. „Was wollen sie mit diesem Ruf? Ist es nur das wissenschaftliche Streben, eine Erkenntniß, die man selbst errungen, auch andern mitzutheilen, over ist es vielmehr die sündliche Begierde, aus dem Herzen der Deutschen mit der Religion auch die Nächstenliebe herauszureißen, damit sie dann, von keinem Zügel mehr gehalten, wilden Bestien vergleichbar, sich auf die Juden stürzen, ist es nicht die sündliche Begierde, anstatt auf dem langsamen Wege staatlicher Gesetzgebung (!), innerer Kräftigung des deutschen Volkslebens das Ziel zu erstreben, dieses vielmehr erlangen zu wollen auf dem allerdings kürzeren Wege ungesetzlichen Wüthens gegen das Judenthum?" Diesen Fragen gegenüber antwortet der in Rede stehende Artikel der „Leipz. Ztg." wie folgt: „Giebt es nun leider solche Männer in Deutschland, so ist es die heilige Pflicht Aller, die die Fahne des Christenthums Hochhalten, mögen sie auch letztlich dasselbe Ziel (sie!) verfolgen wie jene, sich von ihnen zu scheiden; denn im letzten Grunde arbeiten jene widerchristlichen Antisemiten nur dem Judenthum in die Hände, denn ihnen gegenüber muß allerdings das jüdische Volk als Märtyrer erscheinen". Höchst ergötzlich ist es nun aber, wenn in demselben Artikel Stöcker als der Bannerträger des christlichen Antisemitismus hingestellt wird, während Schopenhauer, Feuerbach und Düring als die Ver-

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