Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1888)
- Date
- 1888-07-26
- Page
- Seite 471 (sequence 7)
- Language
- German
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471 Schrift, von welcher der Verf. sagt, daß sie „eine ebenso merkwürdige wie durchdachte Conception sei, die eine genaue Kenntniß der deutschen Schriftsprache voraussetzt und deren Studium vielleicht geeignet ist, den Germanisten manchen Aufschluß zu bieten, sie trägt oberdeutsche Färbung und Eigenthümlichkeit." Hier wären einige Worte über die Motive am Platz gewesen, welche diese Schriftweise erwirkten. Diese lagen wohl darin, daß die Masse der Juden wohl das Hebräische lesen und schreiben konnte, nicht aber das Deutsche. Man wandte deshalb die Cursivschrift des Hebräischen auf das Deutsche an, um so der Masse für die Sprache, die sie redeten, eine Schrift zu geben. Der Vers, fährt hier fort: „Am oberen Rhein blühen zahlreiche Schulen und diese werden an Bedeutung und Einfluß noch übertroffen von den Schulen in Oesterreich. In Bayern, wo die Hätzlerin deutsche Lieder sammelt, da lebt auch, unweit von ihrem Wohnsitze Augsburg, zur selben Zeit eine jüdische Dichterin oder Gedichtesammlerin, Litte von Regensburg. In Wien, Krems, Neustadt wirken bedeutende Rabbiner, die eine große Anzahl von Schülern um sich versammeln, durch Steiermark und Kärnten erstreckt sich bis nach Italien hinein eine ganze Reihe von Gemeinden mit theilweise berühmten Rabbinern an der Spitze. Diese jüdischen Gemeinden im südlichen Oesterreich bilden zugleich eine geschlossene Vorpostenkette des Deutschthums. Unter den zahlreichen Thorheiten, welche deutsche Fürsten im Mittelalter in der Behandlung der Juden begangen haben, ist vielleicht die größte die Vertreibung derselben aus Steiermark und Kärnten. In ihnen verlor die deutsche Sprachgrenze im Süden eine große Anzahl eifriger Wächter." Der Verf. fährt fort: „Nicht ohne Theilnahme wird der Geschichtsforscher die Thatsache verzeichnen, daß die aus Deutschland vertriebenen oder ausgewanderten Juden überall ihrer deutschen Muttersprache treu blieben. In den oberitalienischen Gemeinden hielt das Deutsche dem Italienischen lange die Wage, in Polen hat es sich siegreich behauptet. „Unsere" Sprache war den Juden in Polen immer die deutsche. Aber diese Pietät ist für die deutschen Juden verhängnißvoll geworden. Denn die deutsche Sprache, welche die Juden in Polen cultivirten, war die des 14. Jahrhunderts. Als dann im Jahre 1648 die Verfolgungen in Polen ausbrachen und die Juden von dort nach Deutschland zurückströmten, brachten sie ein Idiom mit, das sie weder befähigte, die Deutschen zu verstehen, noch sich ihnen verständlich zu machen, das aber als ein Erbe der Vergangenheit ihnen heilig geworden war und das sie durch ihren vorwaltenden Einfluß auch uiiter den deutschen Juden zur Geltung brachten. Das Judendeutsch — nicht zu verwechseln mit dem vorhin erwähnten Jüdischdeutschen, worunter lediglich die mittelalterliche Wiedergabe des Deutschen mit hebräischen Charakteren zu verstehen ist — bildete seitdem einen Wall um die deutschen Juden, an welchem der Flügelschlag der Wissenschaft unbeachtet vorüberranschte, hinter welchem die deutsche Judenheit in einem zweihundertjährigen Winterschlafe dahindämmerte. Aus diesem Schlafe hat sie erst Mendelssohn erweckt." Wir begnügen uns mit diesem Resums aus der Einleitung, auf die Fülle der Details verweisend, welche in den 7 Capiteln des Buches angehäuft und die in einem Anhänge durch Noten und Urkunden bereichert sind. — Eine treffliche Monographie ist: Rabbi Mett. Leben und Wirken eines jüdischen Weisen aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, nach den Quellen dargestellt. Von Dr. Adolf Blumenthal. Frankfurt a. M., Kauffmann, 1888. Die Zeit, in welcher R. Mett lebte und wirkte, war eine für den Bestand des Judenthums sehr bedrohliche. Die Folgen der Zerstörung Jerusalems und noch mehr die der Aufstände, des letzten unter Bar-Kochba, waren noch nicht verwunden, und die immer wachsende Zerstreuung und Abspannung des Volkes konnte die Zukunft des Judenthums als sehr fraglich erscheinen lassen. Dabei standen ihm als Gegner die Heiden, die Judenchristen, die Samaritaner und das zur Religionslosigkeit sich neigende unwissende Volk (Am- Haarez) gegenüber. Die Rettung, wie der Vers, oben angeführter Schrift sagt, erwuchs in der Schriftgelehrsamkeit, welche allein aus den Trümmern unversehrt sich erhalten hatte. Jene dem Tode entronnenen und unter Antonin heimgekehrten Gesetzeslehrer, die in Uscha zusammenkamen, um den gesunkenen Glauben wieder emporzurichten, waren zu der großen Aufgabe berufen, als die geistigen Führer die Zukunst ihres Stammes zu begründen. Sie waren berufen, das Volk in der Lehre Trost finden zu lassen für das äußere Ungemach und es zu schützen gegen die inneren Feinde, sie waren berufen, in dem Volke den damals nur verderblichen politischen Freiheitsdrang zu ertödten, sie für das Ringen nach höheren Gütern zu befähigen und so auf die glücklichen Bahnen geistiger Regsamkeit hinzuleiten. Unter den Männern, welche diese Aufgabe lösten, ragt Rabbi Mett als das Haupt der Schriftgelehrsamkeit jenes Zeitalters hervor. Er, ein Schüler Akiba's, vereinigte in seltener Weise Strenge und Consequenz mit Menschenfreundlichkeit und Milde des Herzens. Entschieden, wo es den Bestand des Judenthums, das Wiedererwecken der Liebe zu ihm im Volke, die Vervollständigung jenes „Zaunes um das Gesetz" galt, innerhalb dessen die jüdische Masse durch die Jahrhunderte des Mittelalters und der neueren Zeit im Judenthume treu erhalten wurde, trachtete er andererseits stets nach dem „Frieden", der ihm als das höchste Gut und Glück des Menschen erschien. Von seinen Lebensschicksalen wissen wir wenig. Der Verf. geht mit den wenigen Uebcrlieferungen über sie mit der rechten Kritik zu Gerichte und weiß Geschichte und Sage zu unterscheiden. Desto reichlicher fließen die Quellen über die Lehr-