Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1888)
- Date
- 1888-07-26
- Page
- Seite 470 (sequence 6)
- Language
- German
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470 könnte. Dieser Bann wurde am 12. November von dem mährisch-schlesischen Landesrabbiner Moses Aaron Lemberger verhängt. Als Kuriosum bemerkt Wolf, daß es in diesem Bann hieß, den Verräther möge der Fluch des Propheten Jesaiah bei der Stadt Jericho und der große Fluch von Barak den Meros bei der Niederlage Sisra's treffen. Man sieht hieraus, daß „in der guten alten Zeit" die Rabbiner, so große Talmudisten sie auch waren, von der Bibel sehr wenig wußten, denn jeder tüchtige Schüler weiß jetzt, daß es Josua war, der Jericho in Bann that und daß Barak der jüdische Heerführer gegen Sisra war. — Am 5. Dezember 1761 stellte die Polizeicommission in Prag den Antrag: die Juden „wegen ihrer Frechheit" auszutreiben. Der Antrag hatte keine Folge, da die Hofkanzlei denselben bestritt. Hervorheben wollen wir nur aus der Beschwerdeschrift folgende Punkte: „Die Juden haben schönere Equipagen als der Adel. Wenn die Juden zu Fuß gehen, gehen Bediente hinter ihnen her und wenn sie fahren, haben sie einen stehenden Bedienten auf dem rückwärtigen Theil des Wagens. Die Komödien, sowie die Oper sind ihnen weder zu kostbar noch bedenklich: sie halten prächtige Tafeln, zu welchen sie auch Vornehme vom Adel einladen". — Wir reihen hieran den Bericht über ein anderes vortreffliches Geschichtswerk: „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Deutschland, während des 14. und 15. Jahrhunderts von Dr. M. Güdemann, Rabbiner in Wien. (Wien, Holder 1886.) Unsere Leser werden sich erinnern, daß der Verf. in einem ersten Bande die Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden in Frankreich und Deutschland vom 10.—14. Jahrhundert und im zweiten in Italien während des Mittelalters behandelt hat, so daß der vorliegende Band als der dritte des ganzen Werkes bezeichnet wird. Wir hatten die Gründlichkeit und Reichhaltigkeit der Forschung und der Darstellung an jenen Bänden zu rühmen, und schließt sich dieser Theil mit gleicher Auszeichnung den früheren an. Es ist dabei nur nebensächlich, daß wir an der Darstellung bisweilen etwas Gesuchtes zu bemängeln hätten, nicht sowohl in der Sprache, die einfach und zweckmäßig ist, als in der Combination. Sonst versteht es der Verf., sein großes Detailmaterial angemessen zu gruppiren und in ein Licht zu stellen, welches ein klares Bild der gesammten Zustände beleuchtet. Auch ist es anzuerkennen, daß der Verf. Juden und jüdische Zustände nicht isolirt betrachtet, sondern sie stets mit den allgemeinen Culturverhältniffen, hier insbesondere den deutschen, vergleicht und in Verbindung setzt. Es geht daraus klar hervor, in welchem innigen Zusammenhänge die Entwickelung der Culturzustände bei den Juden und Christen standen, so jedoch, daß die Juden demungeachtet ihren Weg für sich weiter förderten, was bisweilen zu ihren Gunsten ausfällt. Es lag in ihrem Character wie in ihrer Stellung, mancherlei Ausschreitungen nicht mitzumachen und Rückschritte bei sich zu verhindern. Die Einleitung will uns in die damalige Zeit einführen, um den richtigen Standpunkt für die Beurtheilung der Detailschilderungen zu gewinnen und giebt damit gewissermaßen die Resultate für die beiden behandelten Jahrhunderte im Voraus. Die unter dem Namen „schwarzer Tod" bekannte Pest von 1348 bis 1349 brachte für die Juden eine neue blutige Verfolgung, welche das Vorspiel für nachfolgende wurde. Bekanntlich wurde diese durch die Fabel der Brunnenvergistung, welche dem Volke vom Clerus und den damaligen maßgebenden Kreisen imputirt wurde, bewirkt. Der Verf. trifft einen lehrreichen Vergleich mit der Verfolgung während des ersten Kreuzzuges 1096. Bei dieser wirkte der damals in Helle Flammen aufschlagende Fanatismus. Dieser war 1348 längst erloschen, die Zeit ernüchtert. Die Lasten des Volkes waren im höchsten Grade drückend, die Noth desselben groß; die Romantik des Ritterwesens war längst erloschen. Man hätte also Unrecht, sagt der Verf., diese Verfolgung dem Volke zur Last zu legen. Das Volk wollte Frieden mit den Juden, welche Sprache, Vaterland und Lebensgewohnheit mit ihm theilten. Immer wieder bemühen Kirche und Staat sich von Neuem, Schranken zwischen den Christen und den Juden aufzurichten. Warum auch sollte der christliche Bürger seinem jüdischen Mitbürger übel wollen? Dieser macht dem Handwerker, dem Kaufmann, dem Beamten keine Concurrenz und dabei ist er immer bereit, ihm Geld darzuleihen. Der christliche Bürger zahlt die hohen Zinsen gern, denn bei dem adeligen oder geistlichen Wucherer kam er viel schlechter fort. Aber die Deutschen waren von jeher ein äußeren Impulsen leicht zugängliches Volk. Die allgemeine Unzufriedenheit des Volkes brachte man daher in einen anderen Kanal, indem man die Juden als Ursache aller Nebel vorspiegelte. Der Verf. meint, dag ohne die Juden und deren Verfolgung die Reformation und der Bauernkrieg um 100 Jahre früher gekommen wären. Die beiden Jahrhunderte waren in der deutschen Literatur höchst unfruchtbar und ebenso in der jüdischen: Einige Gutachtensammlungen, verschiedene liturgische Aufzeichnungen und paränetische Schriften bilden das ganze literarische Erbe dieser Zeit. „Aber in den jüdischen Gemeinden herrscht durchwegs ein lebhafter Sinn für Unterricht, der allerdings religiöser Natur ist, so daß der protestantische Laienprediger Sebastian Lotzer das eifrige Bestreben der Juden, ihre Kinder im „Gesetz" zu unterrichten, den Christen zur Nachahmung empfehlen kann. Lesen und schreiben kann unter den Juden fast jeder Mann und jede Frau. Dieser Umstand allein sichert ihnen einen Vorsprung, der ihnen auch geschäftlich zu Gute kommen mußte." Die Juden dieser Zeitperiode sprachen vollständig die damalige deutsche Sprache, erfanden aber die jüdisch-deutsche