Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1888)
- Date
- 1888-07-26
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
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469 mehr vom Publikum abhängig und beeinflußt, als dieses von jener. Auch ist der kritische, unabhängige Geist jetzt so verbreitet, daß jeder Leser sich ein Urtheil über die Artikel einer Zeitung vorbehält. Niemand glaubt mehr einer Zeitung aufs Wort wie die blinden Anhänger einer Partei, namentlich der reactionären. Eine Opposition giebt es auch in Ländern, wo wenige oder gar keine Juden wohnen, und die Presse in Spanien bietet ganz denselben Anblick wie die in Deutschland. Es ist demnach nur ein Ausfluß der Gehässigkeit und ein Mittel derselben, welche sich in der Behauptung, die Presse werde von den Juden beherrscht, Luft macht. Ruhen wir schließlich von dieser nicht schmerzlosen Erörterung auf dem letzten Gebiete der öffentlichen Wirksamkeit aus, auf dem der Wohlthätigkeit. So weit diese von Staat und Gemeinde ausgeübt wird, versteht es sich von selbst, daß irgend ein Theil der Bevölkerung nicht ausgeschlossen werden kann, und dies ist denn auch mit dem öffentlichen Armenwesen und dessen Anstalten der Fall. Neben diesem nimmt nun die Privatwohlthätigkeit einen noch größeren Raum ein. Sie bethätigt sich vor Allem in Vereinen und Sammlungen zu wohlthätigen Zwecken. Hier ist es nun schon, wo sich die Confession geltend macht. Es ist dies eine Erbschaft aus alter Zeit, und Katholiken, Protestanten und Juden hatten und haben nach der Confession getrennte Vereine und Anstalten. Da so die Katholiken und Protestanten wie einander gegenseitig, so auch die Juden ausschließen, so ist es natürlich, daß die letzteren ihre längst gegründeten wohlthätigen Institute erhalten und nach den sich fühlbar machenden Bedürfnissen schaffen und fördern. Niemand wird ihnen daraus einen Vorwurf machen, vielmehr dienen sich nach dieser Richtung hin die verschiedenen Religionspurteien zu Anregung und Nacheiferung. Anerkannt ist es aber und braucht von uns nicht hervorgehoben zu werden, daß zu allen allgemeinen, auf Confessionen nicht berechneten Sammlungen, Vereinen und Anstalten die Juden sehr bereitwillig ihre Beiträge steuern. Dies ist gewiß eine Wirksamkeit, eine Bethätigung der Menschenliebe, die jedem zu Befriedigung und Ehre gereicht, der ihr namhafte Opfer bringt. Die Privatwohlthätigkeit wirkt aber auch von Fall zu Fall. Und auch hier kann man den Juden Opferwilligkeit nicht absprechen. Leider liegt es noch in den Verhältnissen, daß die jüdischen Bedürftigen in dieser Hinsicht fast ganz auf den Wohlthätigkeitssinn ihrer Glaubensgenossen angewiesen sind. Aeußert sich deshalb ihre Bereitschaft nach dieser Hinsicht thatkräftig, so liegt dies in der Nothwendigkeit der Verhältnisse. Wir glauben, mit dieser Erörterung für Jeden, der sein Auge nicht absichtlich verschließen will, die Behauptung vom „jüdischen Einfluß" nach dessen richtigem Maße beleuchtet zu haben. Wir haben durchaus keine Schönfärberei oder tendenziöse Herabminderung angestrebt, vielmehr nach unserer besten Ueberzeugung und nach unleugbaren Thatsachen geurtheilt. Mit welchem Erfolge, mag der Leser beurtheilen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 8. Juli. Zu den vielen verdienstlichen geschichtlichen Arbeiten, welche Dr. G. Wolf in Wien veröffentlicht hat, fügte er soeben ein neues, aus archivalischen Quellen geschöpftes Werk hinzu.- „Aus der Zeit der Kaiserin Maria Theresia" (Wien, Hölder 1888). Dem Verfasser kann man es rühmlich nachsagen, daß er bei all' seinen geschichtlichen Forschungen seine Glaubensgenossen nicht aus den Augen läßt, sondern zugleich deren Geschick in dem von ihm behandelten Zeitraum berücksichtigt. So auch in der vorliegenden Schrift (S. 60—82). Die große Kaiserin hat in dem Punkte Aehnlichkeit mit ihrem königlichen Gegner Friedrich II, daß in ihren Anschauungen die dunklen Vorurtheile früherer Zeiten und das Licht der Aufklärung sich mischten, wenn auch bei der großen Intelligenz des preußischen Königs dies nicht so stark hervortritt, wie bei der österreichischen Kaiserin. Dennoch kann man sagen, daß, wie aus den vielen, von Wolf gewissenhaft aufgeführten Beispielen hervorgeht, Maria Theresia gegen ihre jüdischen Unterthanen wohlwollend gesinnt war. Um so auffallender blieb immer die von ihr 174.4 dekretirte Vertreibung der Juden aus Böhmen und deren Zurückberufung 1748. Ueber die Motive beider Akte waren bis jetzt Jrrthümer verbreitet. Zu der Vertreibung sollte die Kaiserin durch die Insinuation von Landesverrath seitens der böhmischen Juden bewogen worden sein. Wolf beweist, daß dies durchaus unwahr sei. Vielmehr weist er die Ursache in der früher so oft betriebenen Politik nach, daß in der Verwaltung Böhmens viel böser Unfug vorgekommen, und die Thäter nun als die Urheber aller Uebelstände die Juden bei der Kaiserin anschwärzten. Die Kaiserin hat wenige Jahre später, als sie die Bewohner Prags wegen der starken Kriegscontribution auf ein Jahr von allen Steuern befreite, ausdrücklich bemerkt, daß die Juden ebenfalls davon befreit sein sollen. Was die Zurückberufung betrifft, so hat man angegeben, daß sie durch die Intervention Hollands und Englands geschehen sei. Die Kaiserin war aber niemals geneigt, fremde Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihres Staates zu dulden. Vielmehr lag die Ursache in dem empfindlichen Ausfall der Steuern, in der Stockung des Handels und in den Gesuchen der Prager Bürger selbst, da sich der Häuserwerth verminderte, die Fleischer, Seifensieder, Bäcker, Holzhändler und sämmtliche Handwerkerzünfte über Verlust in ihrem Erwerbe durch den Wegzug der Juden sich beklagten. Im Jahre 1756 verlangte die Kaiserin, daß die Rabbiner den Bann verhängten über jeden, der Landesverrath üben