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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-26 · Heft 30 (26.7.1888) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 30 (26.7.1888)
Date
1888-07-26
Page
Seite 468 (sequence 4)
Language
German
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468 sondern seiner Natur nach zum Dienen bestimmt. Seinem Wesen nach geht es allein zweien Zielen nach: dem Vortheile und Gewinn und der Sicherheit des Capitals und der Zinsen. Es hat nicht anzubieten, sondern muß auf Nachfrage warten. Es ist international und hat leine bestimmten Grundsätze. Es dient der Republik wie dem Despotismus, denn seine Frage kann nur sein, welche Sicherheit und welchen Vortheil bietet dieser oder jener Staat in dieser oder jener Complication. Ein feststehender Despot, wenn er genügende Garantie bietet, ist ihm angenehm, während eine schwankende Republik ihm keine Stütze bietet. Politische oder sociale Bedingungen zu stellen, kann ihm nicht einfallen; dies verhindert auch schon die Concurrenz. Ganz gleich verhält es sich mit dem Finanzgeschäft der Industrie und dem Handel gegenüber. Wo ihm eine sichere Aussicht eröffnet wird, bietet es seine Capitalien an, verweigert es, wo Unsicherheit erkennbar ist, oder riskirt und trägt den Verlust. Aus diesem Berhältniß, fließt, daß Staat, Industrie und Handel auf das Finanzgeschäft einen bestimmenden Einfluß üben, nicht aber von ihm beeinflußt werden. Den Beweis hierfür liefert die Börse selbst, die von jedem Schwanken der Politik, von jedem Ereigniß oder selbst nur von einem Gerücht abhängig ist, ins Schwanke» geräth und die Werthpapiere steigen oder fallen läßt. Höchst selten kann es sich ereignen, daß ein Staat, dessen Credit ruinirt ist, sich von kriegerischen Unternehmungen zurückgehalten sieht, weil das Finanzgeschäft ihm die Geldmittel versagt. Die Geschichte unsrer Zeit weiß aber wenig von solchen Fällen zu berichten. Uebt also das Finanzgeschäft keinen wirklichen Einfluß auf den Gang der Dinge und auf die Erscheinungen des Lebens, so kann man auch nicht von einem jüdischen Einfluß durch dasselbe reden. Auch dies hat die Erfahrung hinlänglich erwiesen. Denn niemals hat die Finanz Staaten, in welchen die Juden unterdrückt waren, jenen die Erleichterung dieses Druckes, die Aufhebung von Beschränkungen als Bedingungen gestellt, und zum Beispiel der Kirchenstaat, in welchem die Juden bis zu dessen Ende wie nirgends bedrückt und in ein Ghetto, den ungesundesten, den Ueberschwemmungen des Tibers ausgesetzten Theil Roms eingepfercht waren, erhielt dennoch von jüdischen Bankhäusern Anleihen effectuirt. Dies ist notorisch, und einen schlagenderen Beweis kann man wohl nicht fordern. Wir kommen nun zu dem Gebiete, auf welchem unsre Gegner den meisten Spektakel machen, zu dem der Literatur und der Presse. Hier muß zunächst die ganze wissenschaftliche Literatur ausgenommen werden. In dieser kann nur Derjenige einigen Einfluß üben, welcher die wissenschaftliche Methode verwendet und zu bedeutenden Ergebnissen gelangt. Haben hierin Juden etwas geleistet, so ist dies sicherlich als Verdienst anzuerkennen, und wir wünschten herzlichst, daß dies in noch höherem Grade geschehe, als uns bekannt ist. An jener Strömung in der neueren Wissenschaft, welche Hypothesensucht und extreme Kritik in die Arena der Wissenschaft hineindrängte, haben Juden keinen Theil, sondern folgen höchstens dem ihnen vorgebahnten Weg. Was die Künste betrifft, so sind Juden nur in geringer Zahl daran betheiligt, und was zu betonen ist, die neuesten Richtungen sind von keinem Juden ausgegangen. Der sogenannte Naturalismus fand unter den Juden wenig Anklang, und Zola wie Richard Wagner sind weit entfernt davon, Juden zu sein. Die paar jüdische Romanciers und die noch geringzähligeren Dramatiker können auf Einfluß keinen Anspruch machen. Wenn Auerbach, wenn nicht Erfinder, doch wesentlicher Förderer der „Dorfgeschichte" war, die noch heute eine bedeutende Pflege findet, so wird ihm Jeder dafür Anerkennung und Dank widmen. — Aber die Tagespresse! Diese ist der Haken, an welchen die Antisemiten ihre Klagen und Anschuldigungen hängen. Ja, sie haben über diese Presse für einen Theil des großen Publikums die verworrensten Ansichte» hervorgebracht. Sie haben die gesammte Presse, welche irgend Opposition gegen die Reaction macht, „Judenpresse" benannt, und wiederholen diese Bezeichnung immerfort. Haben doch z. B. in diesen Tagen die vatikanischen Organe sämmtliche italienische Zeitungen, welche den Forderungen des römischen Stuhls entgegen sind, als Judenpresse bezeichnet, während doch im gesammten Italien kaum zwei oder drei Juden in den Redactionen eine Stelle haben. Die Absicht ist klar: die reactionären Blätter wollen damit gegen die liberale Presse bei dem Volke Borurtheil und Verachtung Hervorrufen. Wie wenig ihnen dies gelingt, ist dadurch notorisch» daß sie» die reactionäre Presse der liberalen gegenüber, nur eine geringe Abonnentenzahl besitzt. Es ist also geradezu nichts als Parteiwuth und Concurrenzneid, welcher den Juden einen Einfluß oder vielmehr die Herrschaft über die Tagespresse zuschreibt. Selbstverständlich giebt es Redacteure, Mitarbeiter und Correspondenten der Tagespresse, welche Juden sind, doch ist deren Zahl gegenüber der Gesammtheit keine allzu große. Ist sie verhältnißmäßig nicht klein, so haben die Reactionäre selbst schuld daran. Wahr ist es, daß die jüdische Jugend die höheren Lehranstalten in einem sehr großen Procentsatz besucht. Verschließt man diesen nun fast alle öffentlichen Carrieren, namentlich auch das Lehramt, so ist es natürlich, daß viele sich der freien publicistischen Thätigkeit widmen; daß sie ihre Verwendung bei den reactionären Blättern nicht finden, ist auch gewiß. So wendet sich ihr Dienst, auch nach ihrer inneren Ueberzeugung, den liberalen Zeitschriften zu. In der Wirklichkeit aber haben sie nicht den Geist und die Richtung dieser Presse zu bestimmen, sie müssen sich vielmehr diesen einordnen. Auch ist der Einfluß der Presse insofern ein beschränkter, als jeder Abonnent das Blatt wählt, welches ihm am meisten zusagt; die Tagespresse ist hierdurch

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