Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1888)
- Date
- 1888-07-26
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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466 einen äußerst verschwindenden Bruchtheil der Bevölkerung ausmachen, so daß ein Jude kaum auf 700 Franzosen kommt, wenn man Algerien nicht mit hineinrechnet. Die deutschen antisemitischen Blätter machten sogar den Versuch, die „Verjudung Belgiens" zu behaupten, hatten aber damit keinen Erfolg. Daß sie hiermit all' diesen Nationen ein unerhörtes Armuthszeugniß ausstellten, und z. B. 99 Deutsche von 1 Juden völlig inficiren ließen, schreckte sie nicht zurück. Sie rechnen eben auf Leser, die nicht Nachdenken, sondern sich von solchen Schlagwörtern regieren lassen. Es ist wiederholt diese ganze Behauptung vom jüdischen Einflüsse widerlegt worden. Aber da sie jetzt wieder mit solcher Unverschämtheit auftritt, halten wir es doch für gerathen, ihr noch einmal näher zu treten. Sehen wir uns in den Regionen der Jetztwelt und den sie beherrschenden Principien um, wobei wirunsaufdie europäischen, namentlich auf die mittelu. westeuropäischen Staaten beschränken. Das erste herrschende Element im europäischen Völkeru. Staatenleben ist der Militarismus, der in der ultima ratio, sowohl der Könige wie der Republiken, d. h. im Kriege die höchste und letzte Entscheidung, die einzige Tugend in dem unbedingten Gehorsam findet und Gut und Blut der Unterthanen für sich in Anspruch nimmt. Daß dieser außer allem Zusammenhang mit dem Judenthum steht, brauchen wir nicht zu erweisen. Mit alleiniger Ausnahme des jüdischen Volkes waren alle Völker des Alterthums, des Mittelalters und der Neuzeit, und in der Gegenwart erst recht von diesem Elemente und Principe beherrscht. Auch waren die Juden bis auf die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht vom Militärdienste ausgeschlossen, und noch jetzt giebt es Staaten, in welchen man die Juden höchstens bis zum Unterofficier gelangen läßt. Von einem jüdischen Einflüsse kann hier gewiß nicht die Rede sein. Das zweite Element ist die Diplomatie, welche zwar die Aufrechterhaltung des Friedens, die Ausgleichung streitiger Punkte zu ihrem Zwecke hat, bis jetzt aber gewöhnlich ihren Ausgang in einem Kriege fand. Wird diese Diplomatie, deren Haupttriebfeder ist, diejenigen zu Lbervortheilen, mit denen sie verhandelt, zumeist nur aus den aristokratischen Ständen für ihre Werkzeuge versehen, so schließt sie die Juden aus, und wir haben nur zwei Persönlichkeiten jüdischer Religion von der italienischen und eine von der nordamerikanischen Regierung verwendet gesehen.') 1) So recht zum Dementi unsrer Gegner gereicht die folgende Nachricht über den (jüdischen) nordamerikanischen Gesandten, welche die Zeitungen soeben bringen. Sie lautet: Mit Bezug aus das Unierrichtswesen in der Türkei wird der „Pol. Corr." aus Konstantinopel geschrieben: „Die Audienz, welche der nordamerikanische Gesandte, Herr Strauß, vor seiner Abreise beim Sultan hatte, ist nicht ohne Bedeutung. Der Sultan selbst hatte wahrend einer Audienz, welche er kürzlich Herrn Strauß ertheilie, den Wunsch ausgesprochen, diesen vor seinem Urlaubsantritte noch einmal zu empfangen. Der neue Gesandte war seit seiner Hierher- Also auch hier ist jüdischer Einfluß unbetheiligt. Hieran reiht sich drittens die Herrschaft der Majoritäten, namentlich in der Gesetzgebung. Die Majoritäten geben den Ausschlag in Wahlen und Beschlüssen. Dies ist ein unvermeidliches Princip, aber seiner Natur nach sehr schwankend und wechselnd. Die Majoritäten schaffen und schaffen ab. Selbst in der ersten Hälfte des Jahres 1870 hatte Napoleon III. noch ein Majoritätsplebiscit, und im September desselben Jahres wurde er durch dieselbe Volksmajorität des Thrones verlustig erklärt. Die Majorität schuf 1848 die französische Republik und 1852 das Kaiserreich. Die Majorität schuf die Maigesetze und schaffte sie wieder ab; verfocht den Frei- Handel und dann wieder die hohen Zölle und Steuern. Nun, die Juden waren immer in der Minorität und alle ihre Kämpfe galten ihrer Fortexistenz gegenüber den ungeheuren Majoritäten und deren Gewalt. Ja, schon ihr erster Gesetzgeber sagte (2. Mos. 23, 2): „Folge nicht der Mehrheit zum Bösen, neige dich nicht der Menge nach, das Recht beugend." Man kann also nicht behaupten, daß die Juden diesem Principe huldigen, dem sie doch auf Gnade und Ungnade hingegeben sind. Allerdings ist es mit dem Recht an sich eine andere Sache. Wer die heiligen Urkunden des Judenthums mit denen anderer Religionen vergleicht, findet, daß in jenen von vornherein das Recht als die höchste Bedingung des Staatslebens, als die höchste Pflicht der Gesammtheit wie des Einzelnen anerkannt und ein gewissenhaft abgewogener Rechtszustand als das Ziel jeder Staatsverfassnng festgestellt wird. Hiermit hatte aber das Judenthum keinen Einfluß gewonnen, denn das Paulinische Christenthum beseitigte das ganze „Gesetz", und der Islam nahm von ihm nur einige äußere Formen an. Nicht einmal mit dem Grundsätze der Gleichberechtigung, die das mosaische Gesetz verkündet hatte: „Ein Recht und ein Gesetz soll für den Fremdling wie für den Eingeborenen sein — ich bin der Ewige"; denn sobald das Christenthum und der Islam die staatliche Herrschaft erlangt hatten, wurden Andersgläubige von allen Rechten ausgeschlossen. Außer dem kanonischen Rechte, welches jedoch das mosaische nur in einigen Punkten bewahrte, hat das jüdische Recht auf kein Rechtsbuch der Völker einen wesentlichen Einfluß geübt, gewiß auch nicht auf das Allgemeine Preußische Landrecht und auf den Code Napoleon. Nun sagt man, daß das neue deutsche Strafgesetzbuch mehrfach von Lasker influirt worden. Ob man diesen ausgezeichneten Mann als eine Verkörperung des Judenthums oder auch nur kunft eifrig im Interesse der von den amerikanischen Missionären geleiteten Schulen thätig gewesen, von welchen 8g im Jahre 1885 auf Beseht der Pforte geschlossen worden waren. Herr Strauß hatte nun binnen drei Monaten durchgesetzt, daß 27 dieser in Palästina gelegenen Anstalten wieder eröffnet weiden. Sechandere, im Vijalet Damaskus gelegene Schulen, sollen demnächst wieder activirt werden."