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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-19 · Heft 29 (19.7.1888) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 29 (19.7.1888)
Date
1888-07-19
Page
Seite 462 (sequence 14)
Language
German
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462 Rabinowitsch bereits eine außergewöhnliche Propaganda unter den russischen Juden, die russische Regierung gewährte ihm die Erlaubniß, Gottesdienst abzuhalten und Gemeinden zu gründen, und Franz Delitzsch setzte in seinem Missionsblättchen „Saat auf Hoffnung" große Hoffnungen auf die Saat des Herrn R. Wir verhielten uns damals sehr skeptisch gegen diese Meldungen und wurden darin durch Mittheilungen unsrer russischen Correspondenten bekräftigt. Jetzt müssen die deutschen kirchlichen Zeitschriften selbst zugestehen, daß diese Sache gänzlich gescheitert ist. Es liegt uns hierfür ein unzweideutiges Zeugniß vor, nämlich ein Schreiben des Präsidenten des evangelisch-lutherischen Kirchenraths zu Kischinew, I. Allendorf, welches die „Deutsche evangelische Kirchenzeitung" und nach ihr das „Mecklenburgische Kirchen- und Zeitblatt" (vom 1. Juli) mittheilt. Es lautet: „Am Weihnachtsabend des Jahres 1884 war es, wo Joseph Rabinowitsch zum ersten Mal in der Wohnung seines Bruders vor einer großen Menge neugieriger Juden Zeugniß ablegte vom gekreuzigten Christus. Das war ein bedeutsames Ereigniß, das nicht geringes Aufsehen auch weit über die Grenzen Rußlands erregte und Rabinowitsch über Nacht zu einem berühmten Manne gemacht hatte, an den die größten Erwartungen geknüpft wurden. Ueber drei Jahre sind nun seit jenem denkwürdigen Weihnachtsabend vergangen, und wenn wir uns heute die Frage Voilegen, ob sich die Hoffnungen, die man in die national-jüdische christgläubige Bewegung und speciell in Rabinowitsch gesetzt hat, erfüllt haben, so muß das mit einem kategorischen Nein beantwortet werden. Nach wie vor finden freilich allsabbathlich die Predigten im neuen Bethause Bethlehem statt und ein reicher Segen mag dadurch in weite jüdische Kreise dringen, die Hauptsache aber, die Bildung einer jüdisch-christlichen Gemeinde, auf die man namentlich so sicher gerechnet hatte, ist nicht zu Stande gekommen, und noch immer steht Joseph Rabinowitsch wie am ersten Tage seines Auftretens allein und ohne Anhang da. Das war für uns, die wir hier an Ort und Stelle leben, schon lange kein Geheimniß mehr, wurde aber von allen, die bemüht waren, I. Rabinowitsch mit dem Nimbus eines großen Reformators zu umgeben, und die seinen Ruhm in alle Welt verbreiteten, mit großer Hartnäckigkeit verschwiegen. Schließlich wurde „die von Rabinowitsch geleitete Gemeinschaft von 10 Männern", welche von der Regierung die Erlaubniß erhalten hatten, einen eigenen Verband mit eigenem Begräbnißplatz zu bilden, immer wieder ins Feld geführt, um die hartnäckigen Ziveifler eines Besseren zu belehren. Nimmt man sich aber die Mühe und forscht nach diesen viel erwähnten „10 Männern", so stellt cs sich heraus, daß ihre Namen ivohl auf dem Papier gestanden haben, sie selbst aber unter den Anhängern nicht zu finden sind, da es solche überhaupt gar nicht giebt. Als der reformirte Pastor Venetianer aus der Colonie Rohrbach vor einigen Monaten hier war und nach Rabinowitsch'schen Inden-Christen suchte, um aus ihnen eine Gemeinde zu organisiren, da das Rabinowitsch selbst nicht gelungen war, mußte er diese Absicht wieder aufgeben und unverrichteter Sache davon fahren, weil er das Material zur Bildung einer Gemeinde nicht vorfand. Woran liegt es nun, daß Rabinowitsch keine Gemeinde hat bilden können? Herr Professor Delitzsch nebst den jungen Missionaren, die er sich herangebildet hat, ist der Meinung, daß es nicht an Rabinowitsch liege, sondern an der bisher noch nicht gewährten Tauferlaubniß von Seiten der russischen Regierung. Das ließe sich schon hören, doch wie kommt es, daß alle diejenigen Juden, die voller Begeisterung aus weiter Ferne herbeicilen, um sich „der von Rabinowitsch geleiteten Gemeinschaft von 10 Männern" anzuschließen, nach näherer Bekanntschaft mit Rabinowitsch diesem den Rücken kehren und sich enttäuscht von ihm abwenden, ja daß sogar das Verhältniß zu seinen nächsten Anverwandten, seinem Bruder und seinem Schwiegersohn in letzter Zeit erkaltet ist? Das spricht doch wohl klar und deutlich dafür, daß die Schuld an Rabinowitsch liegen muß, und daß er wohl die Massen anregen, aber nicht sammeln und Zusammenhalten kann." Die Missionsblütter mögen hieraus die Warnung ziehen, sich nicht allzu schnell Erwartungen hinzugeben, die sich bei Uebcrzeugungstreue der jüdischen Masse doch nicht erfüllen. Uns aber können sie es nicht verdenken, wenn wir auch fernerhin ihren übertreibenden Berichten nicht vertrauen. Untcrdeß sucht sich Delitzsch durch eine Broschüre „an die gebildeten Juden" zu trösten. Wer das dogmatische Bekenntniß Delitzsch' kennt, wird schwerlich seinen Mahnungen und Zwecken Gehör schenken. Palästina. Jaffa, im Juni. (Privatmitth.) Die schon so oft projektirte und immer wieder aufgegebene Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem soll nun doch zu Stande kommen, und bereits im Herbste eröffnet werden, was wir jedoch bezweifeln. Durch dieselbe wird Jerusalem direkt mit dem Weltverkehr- Verbünden. Dann fehlt der h. Stadt nur noch eine Wasserleitung wie die des Königs Salomo, die noch jetzt zu rcpariren wäre, um von Neuem aufzublühen und sich schnell zu entwickeln. Ohne die Wasserleitung wird das Leben in Jerusalem stets höchst beschwerlich bleiben und für Industrie der unentbehrliche Motor fehlen. Durch die Eisenbahn allein wird die Menge der Passanten wachsen, aber die feste Ansiedlung nur mäßig gefördert werden. Freilich die Herstellung der Wasserleitung allein macht es nicht aus, vielmehr kommt es darauf an, ob die Regierung dieselbe durch Aufstellung von Wachtposten gegen die zerstörende Hand der Hirten zu

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