Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1888)
- Date
- 1888-07-19
- Page
- Seite 461 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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461 rich III. selbst, zur Zeit Kronprinz, hat schon vor Jahren den Antisemitismus als eine Schmach unseres Jahrhunderts bezeichnet. Das wüste Treiben der Antisemiten, Sie, Herr Pastor an der Spitze, hat seither nur durch Zwang ein wenig nachgelassen. Ein fortgesetztes Schweigen wäre schließlich ein Verrath an sich und an der Gesammtheit. Jeder einzelne Gekränkte, und das ist jeder Jude, hat das Recht und die Pflicht sich gegen den Verächter seiner Ehre zu vertheidigen und den Verläumder zu entlarven. Das ist der Zweck meines Briefes. Er ist französisch abgefaßt, da die französische Sprache einen größeren Lesezirkel als die deutsche hat und selbst von den meisten Gebildeten in Deutschland verstanden wird. Uebrigens wird eine deutsche Abfassung bald Nachfolgen." Die Broschüre selbst ist ein Stück lebhaftester Beredtsamkeit, aus der tiefsten Empfindung eines verwundeten Herzens geflossen, das, ganz abgesehen von seinem religiösen Bekennt niß, für die Ideale der Humanität und der Sittlichkeit begeistert ist. Ohne irgendwie überschwenglich zu sein, ist die Sprache voll Kraft und Bewegung. Neues freilich weiß sie in der Sache nicht vorzubringen. Sie forscht nach den Ursachen des Judenhasses Stöckels und seiner Genossen, und findet sie in dem, in der Erziehung und der Schule eingesogenen Fanatismus, welcher die Juden für ein von Gott verurtheiltes Volk erklärt, dessen Bestehen seit dem Erscheinen des Christenthums keine Berechtigung habe — und siehe da, dieses Volk lebt, verjüngt sich immer von Neuem, blüht, so daß an ihm die Gnade der göttlichen Vorsehung erst recht sichtbar wird. Dann aber fließt jener Haß aus Neid und Mißgunst, indem sich diese Leute einbilden, der Reichthum und der Einfluß der Juden seien abenteuerlich groß, während sie sich doch vom Gegentheil leicht überzeugen könnten. Der Verf. wendet sich an das Gewissen Stöckers, ob ihm niemals das Bewußtsein komme, daß seine Agitation über zahllose, schuldlose Menschen Unheil bringe? niemals, ob ihn die Schuld treffe, Haß und blinde Leidenschaft in tausenden von Herzen entzündet zu haben, während er seinem Berufe nach der Liebe, der Wahrheit und Gerechtigkeit dienen sollte? Alles dies, wie gesagt, wird mit großer Beredtsamkeit vorgetragen, doch ohne sich darüber zu täuschen, daß dies bei Herrn Stöcker doch nichts helfen und er in seinem Hasse immer wieder Entschuldigungsgründe finden werde. Jndeß wird doch mancher Leser von den warmen und eindringlichen Worten des Verf. ergriffen und zum Nachdenken angeregt werden. Wäre dies der Fall, so hat die kleine Schrift einen schönen Zweck erreicht. Italien. Rom, 8. Juli. (Privatmitth.) Es ist sehr bemerkenswerth, daß die Encyclica Leo XIII. durchaus nicht die Sensation macht, welche der Papst und die vatikanischen Blätter erwarteten, daß sie vielmehr so gut wie ohne alle Aufmerksamkeit zu den Akten des Vaticans gelegt wird, mit welchen das Papstthum während seiner langen Geschichte die europäische Welt beschenkte. Wenn man an die allgemeine Entrüstung zurückdenkt, welche die Encyclica und der Syllabus Pius IX. 1864 in der ganzen civilisirten Welt hervorrief, so fällt dieses Stillschweigen über das Schriftstück des gegenwärtigen Papstes um so mehr auf. Den Grund hierfür kann man wohl darin finden, daß die neue Encyclica in den von ihr proclamirten Grundsätzen doch nichts Anderes als eine Umschreibung der Aussprüche Pius IX. ist, und ferner, daß sie diese durch weitläufige spitzfindige scholastische Argumentation begründet, mit denen sich in Streit einzulassen zu weitläufig und wohl auch überflüssig wäre. Was sie an Principien enthält, ist längst von der Kirche und namentlich vom Tridentiner Concil verkündet worden. Man weiß es ja zur Genüge, daß die Kirche Alles verwirft, was mit ihren Behauptungen nicht übereinstimmt, daß sie die Unterordnung der weltlichen Macht unter die ihrige, des bürgerlichen Gesetzes unter das kirchliche verlangt. Die von Ihnen in Nr. 28 gegebene Kritik ist sehr gemäßigt und kennzeichnet, ich sage es offen, den Standpunkt dieser Encyclica nicht vollständig. Entkleiden wir sie der scholastischen Hülle, so sagt sie, die sich de libertate liumana überschreibt, nichts Anderes, als daß jede Freiheit verwerflich und zu vernichten sei, welche nicht in der katholischen Kirche ihren Grund und Boden hat. Sie spricht entschieden gegen die Cultusfreiheit, die Lehrfreiheit und die Gewissensfreiheit sich aus, jedermann müsse römischer Katholik sein und dürfe sich in keiner anderen Weise äußern. Sie will auch nur Preß-, Vereins- und Bersammlungsrecht dulden, wo diese einmal einem Volke gewohnheitsmäßig und der Art desselben entsprechend seien. Dieses Zugeständniß hat aber wohl geringen Werth; denn unter der angegebenen Bedingung kann die Kirche es eben nicht hindern, und zu dulden, was man nicht hindern kann, ist bedeutungslos. Auch würde die Kirche diese Duldung doch nur unter gesetzlichen Bestimmungen zulassen, welche jene Freiheiten so gut wie illusorisch machen. Genug, Leo XIII. hat uns nur gesagt, daß die römische Curie noch ganz auf dem alten Standpunkt steht, und daß sie die clericalen Bestrebungen, den hierarchischen Einfluß und die hierarchische Macht wieder immer mehr zu erweitern, vollständig gut heißt. Rußland. Bonn, 6. Juli. (Privatmitth.) Man wird sich des Aufhebens erinnern, welches protestantische Missionsblätter und nach ihnen sämmtliche deutsche Zeitungen von dem Auftreten eines ehemaligen Advokaten, Joseph Rabinowitsch Ende 1884 in Kischenew machten, als derselbe eine jüdischchristliche Gemeinde stiften wollte. Nach jenen Blättern machte