Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1888)
- Date
- 1888-07-19
- Page
- Seite 463 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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463 schützen, welche aller Orten sie durchlöchern wird, um Wasser für ihre Heerden zu bekommen. Aber weil dies von der Regierung abhängt, ist die Angelegenheit sehr fraglich. Für die Herstellung der Eisenbahn haben armenische Kaufleute die Kapitalien aufgebracht. Bonn, 15. Juli. (Notizen.) Man schreibt aus Metz vom 4. Juli. Heute starb dahier im 80. Lebensjahre Frau E. Morhange, die Gattin des vor sieben Wochen verstorbenen Präsidenten des isr. Consistoriums von Lothringen L. Morhange, mit welchem sie vor drei Jahren die goldene Hochzeit feierte. Frau Morhange war länger als 30 Jahre Vorsteherin des von ihr geleiteten Mädcheninstituts, welches vor 4870 in ganz Deutschland bekannt und viel von dort beschickt war. Dieses Institut wurde vor Jahresfrist nach Nancy verlegt, weil mit der Einführung des deutschen Lehrplans die Existenzbedingungen dafür fehlten. — Aus Grodno wird gemeldet: Die Stadt Krynki, im Gouvernement Grodno, wurde durch eine Feuersbrunst fast gänzlich vernichtet. 300 Gebäude, worunter drei Synagogen, sind niedergebrannt. Die katholische und die griechische Kirche wurden gerettet. Unter der Bevölkerung herrscht große Noth. — Aus Bieringen in der Künzelsau schreibt man: In dieser Woche ist aus unserem Orte die letzte jüdische Familie abgezogen. Die meisten sind nach Amerika ausgewandert, die anderen haben sich in Stuttgart, Heilbronn, Oehringen u. s. w. niedergelassen. — Ein eigenthümlicher Verein besteht in Frankfurt a. M.: Der israelitische Versicherungsverein gegen Dienstboten-Hospital-Kosten versendet soeben seinen Jahresbericht. Derselbe vereinnahmte seit 1. Juli 1887 M. 666.50, welchen M. 529 Ausgaben gegenüberstehen. Pro 1888/89 sind die Beiträge in der bisherigen Höhe von M. 2 Eintrittsgeld, M. 6 Jahresbeitrag und 50 Pfg, Umschreibegebühr belassen worden. Aeuil Kurze Semerkungen. IV. Gegen unsre alten Propheten hat man öfter eingewen det, daß sie, was sie in ihrer Gottbegeisterung schauten, als nahe in der Erfüllung glaubten und verkündeten, während es sich auf eine Zukunft des Menschengeschlechtes bezieht, die noch heute fern liegt. Jndeß muß man zugeben, daß die Hoffnungen auf eine zu idealem Ziele führende Entwickelung jeder Generation nöthig ist, als auch den früheren Geschlechtern nothwendig war, um an dieser Entwickelung zu arbeiten. Ferner: Daß die Menschheit lange Zeit hat, und sich lange Zeit nimmt. Wer die geschichtliche Zeit, die wir hinter uns haben, erwägt, kann dieselben jetzt nur kurz finden, noch dazu, wenn er sich an die Millionen Jahre erinnert, welche die Geologen für die Entwickelung des Erdkörpers in Anspruch nehmen. Endlich ist es jedem begeisterten Menschenherzen natürlich, das, was seine Hoffnung und das Ziel seines Strebens ist, in naher Zukunft zu erblicken. Wer ein drückendes Joch gesprengt zu sehen erwartet, dem widerspricht es in seiner Seele, diese Befreiung noch auf Jahrhunderte hinausschieben und viele Geschlechter darunter seufzen zu wissen. Er überschätzt deshalb die erhöhende Kraft und hält deren Wirkung für nahe; er weiß nicht, wieviel mehr Passivität als Activität, mehr Tragfähigkeit als Widerstandskraft in der Mehrheit der Menschen lebt, und schätzt deshalb das, was ihn drängt und treibt, in gleichem Maße in den Menschen vorhanden. Wir trafen diese Tage auf ein Beispiel hierfür. j Wir haben schon öfter, wenn wir auf die Vergangenheit,! die uns nahe liegende, zurückblickten, von der Hoffnungsselig-! t e t o n. keit gesprochen, welche in den vierziger Jahren in den strebenden Geistern lebte und die sie auch in der Masse voraussetzten, wodurch sie sich eben bald getäuscht sahen. Es erschien nun jüngst ein sehr lesenswerthesBuch: „Theodor Althaus. Ein Lebensbild von Friedrich Althaus. (Bonn, Strauß 1888.)" Dieser Theodor Althaus war eine ideale Natur und hatte deshalb sich von der herrschenden Theologie und dem schwankenden Absolutismus ab- und jenen Freiheitsbestrebungen zugewandt, welche der Bewegung von 1848 vorangingen. In dem Buche werden öfters Aufzeichnungen aus dem Tagebuche desselben mitgetheilt, und hier entfaltet sich eine für Menschenthum schwärmende und freiheitsdurstige Seele, die, bei der verhältnißmäßigen Jugend des Autors — es war 1848 und er 1822 geboren zu Detmold — konnte es an schwärmerischer Richtung nicht fehlen. Seite 118 lesen wir z. B.: „Auch wird die Menschheit vielleicht nicht in Zeiten, die wir absehen können, als ein Mensch dastehen — aber die Menschlichkeit und Freiheit und Liebe, wie sie jetzt in jungen Herzen schwellen und treiben, werden die bewegenden Kräfte der großen Arbeit des Jahrhunderts sein und die Thräne der Erinnerung, die in den männlich gereiften Jahren bei einem Rückgedanken glänzen wird, wird nicht in Aktenstaub wollen, nicht ohne Furcht sich auflösen. Ein Hauch wird schweben, ein Ton wird klingen aus dem, was sie schaffen." Nun, der geist- und gemüthvolle Mann starb bereits 1852. Aber auch da hatte er bereits Gelegenheit gehabt, zu erkennen, wie seine Begeisterung ihn getäuscht, wie „die Arbeit des Jahrhunderts", wie er sie sich gedacht, wieder rückgängig ward, und „Menschlichkeit, Freiheit und Liebe" in unserm Jahrhundert