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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-19 · Heft 29 (19.7.1888) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 29 (19.7.1888)
Date
1888-07-19
Page
Seite 460 (sequence 12)
Language
German
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460 Oesterreich-Ungarn. Wien, 3. Juli. In der heutigen Gemeinderathssitzung brachten die Antisemiten folgenden Antrag ein: „Es ist im Interesse des Gemeinwohls Wiens gelegen, daß bei der Vergebung städtischer Arbeiten und Unternehmungen, bei Anstellung öffentlicher Beamten, Lehrer, Diener re. einzig und allein auf unsere heimische Bevölkerung Rücksichtj genommen werde, da dieser vor Allem die Vortheile des Ge- | meinwesens zukommen sollen. Es soll daher der Jude bei; allen derartigen Vergebungen und Anstellungen ausgeschlossen werden, nicht nur der fremde, sondern auch der eingeborene Jude. Ebenso ist dem Juden das Heimathsrecht ohne Ausnähme, wo er auch herkomme, zu verweigern. Dies fordert j nicht der religiöse Haß, sondern der gesunde, auf geschicht-! licher und täglicher Erfahrung beruhende Menschenverstand (!)! Dies fordert unser eigenes Wohl und die wahre Humanität." Dr. Richter bemerkte, er brauche nur darauf hinzuweisen, daß in Oesterreich seit zwanzig Jahren Staatsgrundgesetze mit der Signatur Sr. Majestät existiren, welche allen Bürgern ohne Unterschied der Konfession gleiche Rechte und gleiche Zugänglichkeit aller Aemter gewährleisten. Dieser Antrag fei | daher nicht einmal in Betracht zu ziehen. Er beantrage daher den Uebergang zur Tagesordnung. Dieser letztere Antrag wird hierauf mit überwiegender Majorität ohne weitere Diskussion angenommen. Wien, 6. Juli. Der Cassationshof verwarf nunmehr auch die Berufung Schönerers gegen das Strafmaß. Er wird also seine viermonatliche Kerkerhaft, verschärft durch! Fasten, bestehen, den Verlust des Adels und die Kosten tragen; müssen. Ob ihn hierfür die Ovationen seiner Anhänger und! einiger hundert Studenten trösten können, lassen wir dahin- 1 gestellt sein. Uebrigens ist die Schaar seiner Anhänger nicht so groß wie es scheint. Denn Skandale auf der Straße! ziehen schnell Massen von Neugierigen herbei, unter denen! sich dann immer genug finden, die „mitmachen", ohne Partei zu sein. Preßburg, 4. Juli. Anfangs Mai 1887 verbreitete! sich in der Vorstadt Blumenthal das Gerücht, mehrere Juden! hätten die beim Kaufmann Jellinek bedienstete Magd abschlachten wollen. In Folge dieses Gerüchtes fanden am 26. und 27. Mai vor dem Geschäftslokale Jellinek's Zusammenrottungen von mehreren Tausend Menschen statt, welche die Fenster zertrümmerten und andere Gewaltthätigkeiten verübten. Militär mußte einschreiten, wobei mehrere Verwundungen vorkamen. Heute fand in dieser Angelegenheit vor dem Gerichtshöfe die Schlußverhandlung gegen die Magd Bukics und dem Kaufmann Holly statt, welche die Lüge von der beabsichtigten Tödtung einer Christenmagd durch Juden v\ Umlauf gesetzt hatten. Wegen Gewaltthätigkeit waren überdies noch 10 Personen angeklagt. Die Verhandlung, welche bis 6 Uhr Abends währte, ergab nach Einvernahme von 42 Zeugen, daß sowohl die Magd Bukics, als auch Holly die intellektuellen Urheber des Krawalls gewesen, weil sie die oben bezeichnete Lüge in die Welt setzten, und daß an der ganzen Sache kein wahres Wort sei. Entgegen dem Anträge des Staatsanwalts sprach der Gerichtshof beide Angeklagte frei mit der Motivirung, daß die Verleumdungsklage bereits verjährt sei. Wegen öffentlicher Gewaltthätigkeit wurden zwei Angeklagte zu je einem Monat, einer zu 14 Tagen Arrest verurtheilt. Der Staatsanwalt appellirte. Frankreich Paris, 10. Juli. Wie wir schon bemerkt haben, hat das Centralconsistorium, das vor etwa 30 Jahren aus hygiänischen Gründen die Meziza untersagt hatte, auf Antrag eines seiner Mitglieder, des Dr. Klein, eine Commission ernannt, bestehend aus Aerzten und Mohelim, zur nochmaligen Prüfung der Frage. Dieselbe hat einstimmig — mit Ausnahme Dr. Kleins — beschlossen, das Verbot der Meziza aufrecht zu erhalten, weil dieser Akt nicht ohne sanitäre Gefahren sei. — Das Centralconsistorium hat eine Kasse zu Pensionen für Rabbiner (in Frankreich) und Unterstützung von deren Wittwen und Waisen. Dasselbe macht bekannt, daß es für diese Kasse von seinem Präsidenten Baron Alphons v. Rothschild 50,000 Francs erhalten hat, so wie je 1000 Francs von zwei Damen. Belgien. Brüssel, 11. Juli. (Privatmitth.) Hier ist in diesen Tagen eine Broschüre erschienen und verschickt worden: „Dettre publique a l’adresse de M. Stöcker, predicateur de la cour a Berlin, pöre de rAntisemitisme de notre epoque en Allemagne par un ami de la verite 1888. Die französische Broschüre ist von einem „Brüssel, Juli 1888" datirten deutschen Brief an Stöcker begleitet, der folgendermaßen lautet: „Mein angebogner, offener Brief darf Eure Hochwürden nicht überraschen. Schon vor Jahren, als die Wogen des Antisemitismus in Deutschland so hoch gingen, war es meine Absicht, Ihr aller besseren Gefühle hohnsprechendes Treiben in's rechte Licht zu setzen. Mein Gerechtigkeitsgefühl erbebte ob der Frevel, die an uns Juden ob unserer Abstammung verübt worden; doch hielt ich an mich und schwieg in der festen Ueberzeugung, daß berufene Personen, im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit, ihre Stimme erheben werden. Meine Hoffnung ist nicht zu Schanden geworden. Biele Ehrenmänner, jüngst eine Fürstin, haben den Antisemitismus verdammt und gebrandmarkt. Seine Majestät, der nun in Gott ruhende, unvergeßliche, hochherzige deutsche Kaiser Fried-

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