Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1888)
- Date
- 1888-07-19
- Page
- Seite 458 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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458 allerdings die Kreuzzeitung so gut wie wir, aber um zu gleicher Zeit gegen Freimaurer und Juden losschlagen zu können, macht sie sich davon nichts wissen. Man wird übrigens versucht, dem Feldzuge der Kreuzzeitung im jetzigen Augenblicke noch einen andern Grund zuzumuthen. Man braucht nur einen höchst lehrreichen Artikel in derselben Nr. der „Voss. Ztg." vom 8. Juli „Kaiser Friedrich als Freimaurer" zu lesen, um zu erkennen, daß die „Kreuzztg." ihre Pfeile noch auf etwas anderes als Freimaurer und Juden richtet. Wir werden auf diesen Art. in der nächsten Nr. zurückkommen. Berlin, 10. Juli. (Privatmitth.) Sehr auffällig und bezeichnend sind die giftigen Pfeile, welche jetzt das Organ Stöcker's, der „Reichsbote", gegen die hohe, edle Gestalt des verewigten Kaisers Friedrich und die ihm am nächsten stehenden Personen abschießt, natürlich ohne diese wirklich zu treffen. Es ist, als ob diese Leute sich an dem tobten Löwen für die Verurtheilung rächen wollten, die er ihnen hat angedeihen lassen, und nicht bloß mit Worten. Man lese z. B. die Namen der Geistlichen, die der verklärte Kaiser hat bei sich fungiren lassen. Von confessioneller Richtung kann nicht die Rede sein, denn wiederholt fungirte Kögel dabei, dessen streng orthodoxe Richtung nicht bezweifelt werden kann. Stöcker war nicht darunter. Aus diesen Angriffen leuchtet der religiös-sittliche Character dieser kleinen Partei so recht hervor und müßte selbst ihren Parteigängern die Augen öffnen, wenn sie nicht zu sehr von der Parteileidenschaft verblendet wären. Eines geht uns aber daraus hervor: diese Leute müssen daran verzweifeln, die Neigung unseres gegenwärtigen Kaisers zu gewinnen oder schon zu besitzen. Denn jene Angriffe müssen den Kaiser Wilhelm, der mit so warmen, tief empfundenen Worten seine Verehrung und Liebe für seinen dahingeschiedeneu Vater zum Ausdruck gebracht hat, verletzen, und dessen müssen sich jene Angreifer doch bewußt sein. Auf die deutsche Nation und noch weniger auf die Geschichte können solche verdammenswerthe Demonstrationen keine Wirkung üben. — Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß in allen hiesigen Synagogen und Schulen die Todtenfeier um Kaiser Friedrich in tief empfundener Weise begangen wurde. Die Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums setzte die Vorlesungen eine Woche aus. Bei der Todtenfeier hielt der Rabbinats-Canditat Dr. Taglicht eine recht ergreifende Rede. Berlin, 10. Juli. Nachdem Kaiser Friedrich die Augen geschlossen, kommen auch die Antisemiten wieder ans Tages-; licht, natürlich auch Herr von Treitschke. Hierüber enthält die „Franks. Ztg." folgende zutreffende Bemerkungen: „Wie sich der königlich preußische Hofhistoriograph v. Treitschke mit! der Regierung des Kaisers Friedrich oder, um „national" zu! reden, mit bem „Interregnum der 99 Tage" abgefunden, ist I in der neuesten Nummer der „Preuß. Jahrbücher" zu lesen. Es heißt da: „Die Regierung des sterbenden Kaisers konnte nur eine traurige Episode der vaterländischen Geschichte werden, traurig durch die namenlosen Leiden des edlen Kranken, traurig durch das lügnerische Treiben des englischen Arztes und seiner unsauberen journalistischen Spießgesellen, traurig durch die Frechheit der deutschfreisinnigen Partei, die sich begehrlich an den Kaiser herandrängte, als ob er selber zu ihr gehörte, und einmal doch einen Erfolg, den Sturz des Ministers von Puttkamer, erreichte — während die monarchischen Parteien durch das Gefühl der Pietät wie durch die Voraussicht des nahen Endes genöthigt wurden, ihre Stimme zu dämpfen." Hieran schließt sich eine öde Schimpferei gegen den Freisinn u. s. w.; was der kgl. preußische Hofhistoriograph da leistet, ist von den geringsten Kostgängern des Reptilienfonds in kaum schlechterer Qualität geliefert worden. Im Weitern wird gesagt, daß Friedrich III. als Kronprinz in dem langen Stillleben die Fühlung mit „der gewaltig aufstrebenden Zeit und ihren neuen Gedanken" verloren habe. Und was sind das für Gedanken? Auch das erfahren wir; Herr Treitschke erwähnt, daß der Kronprinz seiner Zeit die Königsberger Studenten vor dem Chauvinismus — in ganz überflüssiger Weise, wie der Herr Hofhistoriograph meint — gewarnt habe. Und schließlich: „Die antisemitische Bewegung, deren Grund doch allein in der Selbstüberhebung der Judenschaft lag, meinte er mit einigen Worten zornigen Tadels abzuthun." Wer Herrn v. Treitschke's Leistungen auf dem Gebiete des Antisemitismus kennt, wird es allerdings begreiflich finden, daß er dem Kaiser Friedrich ein nicht sehr freundliches Andenken bewahren werde. Wenn aber der Geschichtsschreiber unter den Troß der gewöhnlichen Schreier sich mengt, müssen wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Aera der Hetze diejenige der Geschichtsfälschung folgen wird." — Der Mainzer „Israelit" macht den Vorschlag, zum Gedächtniß des Kaisers Friedrich alle in diesem Jahre geborenen Knaben Friedrich zu nennen, wie dies einst mit Alexander dem Großen geschehen sein soll. Fürth, 6. Juli. (Privatmitth.) In der Korrespondenz aus Berlin in Nr. 27 der A. Z. d. I. zählt Ihr Reporter 21 Glaubensgenossen auf, welche in die parlamentarischen Körperschaften gewählt worden sind, seitdem der Eintritt in dieselben den Juden gesetzlich verbürgt ist. Die Schlußfolgerung, daß damit unsere Begabung, unser reger! Eifer und das Vertrauen der Wähler konstatirt ist, ist eine völlig gerechtfertigte. Daß jedoch mit den aufgeführten Personen die Reihe der Parlamentarier noch nicht erschöpft ist,! beweisen die Namen der folgenden Herren, mit deren Be-! zeichnung die Liste noch nicht abgeschlossen sein dürfte. Zur I Richtigstellung des Namen Reichenheim diene, daß der Vor-