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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-19 · Heft 29 (19.7.1888) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 29 (19.7.1888)
Date
1888-07-19
Page
Seite 451 (sequence 3)
Language
German
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451 Lehrmethode betrifft, ist in dem größten Theile Deutschlands behördlichen Vorschriften nicht unterworfen. Vielmehr hängt dieselbe zumeist vom freien Ermessen der einzelnen Lehrer ab, so daß hier in der That von der sprüchwörtlichen Redensart: „So viel Köpfe, so viel Sinne" die Variation am Platze ist: so viel Lehrer, so viel verschiedene Lehrpläne. Auf diese Weise kann es aber gar nicht ausbleiben, daß dem Experimente und der Charlatanerie und aus einem extremen religiösen Standpunkte entspringenden Verkehrtheiten mehr Spielraum gelassen ist, als die gedeihliche Weiterentwickelung des Religionsunterrichts ohne Beeinträchtigung vertragen kann. Das ist um so gefahrvoller, als es keine jüdische Lehrer- Presse giebt, die dagegen kräftig reagiren könnte. Wenn auch die allgemeine jüdische Presse, allen voran die Allgem. Zeit, d. Jud., dem Religionsunterricht recht viel Aufmerksamkeit zuwendet, so kann sie gemäß ihres Programms, das alle Interessen des Judenthums umfaßt und mit Rücksicht auf ihr dem Berufe nach gemischtes Publikum doch nicht einem Fachkreise ausschließlich dienen. In den jüdischen Lehrerseminarien aber gilt in Bezug auf die religiösen Lehrfächer (im Gegensatz zu den profanen Disciplinen) fast ausnahmslos die Devise: Stoff, Stoff und nur Stoff, während auf eine eingehendere pädagogische Behandlung, die auf den Religions unterricht in der Volksschule speziell berechnet ist, wenig Rücksicht genommen wird. Allerdings fehlt es den Seminarien an einem sehr wichtigen, geradezu unentbehrlichen Hilfsmittel: einer Geschichte des Religionsunterrichts. Ein rel.-Pädagog. Literatur existirt nicht, wenn man diesen Namen nicht etwa den wenigen bisher erschienenen wirklich nennenswerthen Büchern beilegen will. Und selbst hervorragende Männer haben bis jetzt auf die Gestaltung des gesummten Religionsunterrichts in den Volksschulen einen nachhaltigen, wirklich bestimmenden Einfluß nicht auszuüben vermocht, in dem Maße etwa, wie ein Pestalozzi, Diesterweg u. A. es in der allgemeinen Pädagogik gethan. Den Grund hiervon erblicken wir in dem Umstande, daß die Mehrzahl der jüd. Lehrer und auch wohl der Lehrerseminare den diesbezüglichen Bestrebungen von Männern wie Philippson u. A. bisher nicht die rechte Würdigung zu Theil werden ließ, zum Theil recht gleichgültig, wenn nicht feindselig gegenüberstand. Hieran wiederum trügt, wie wir meinen, der Mangel an einer jüd. Lehrerpresse einen Theil der Schuld. Während also der jüd. Lehrer für die Pädagogik der profanen Fächer Rückhalt, Anlehnung und Vorbild bei den bekannten großen Meistern sucht, dieweil er schon im Semi' nar^) und später in der pädagogischen Presse und Literatur 3) Es wäre sehr erfreulich, wenn unsre jüd. Seminarien die hieraus resultirende Lehre zögen und — befolgten. fortwährend darauf hingcwiesen wird, fehlt es an einer solchen Voraussetzung für den Religionsunterricht fast ganz. Selbst die auch auf diesem Gebiete sehr dankenswerthen Bemühungen des D. I. G. B. werden kaum den erwünschten Erfolg haben, weil die von ihm berufenen Schulmänner der gesammten Lehrerwelt gegenüber (und darauf kommt es doch schließlich an) der gehörigen autoritativen Kraft ermangeln, mögen sie für sich noch so bewährt und tüchtig sein. Nuu sollte man meinen, dag wenigstens die Conferenzen ihren einzelnen Mitgliedern gegenüber eine gewisse autoritative Kraft besäßen. Aber auch davon haben wir noch nichts bemerken können. Wie könnte es sonst der Fall sein, daß innerhalb der einzelnen Conferenzbezirke noch immer eine so große Ungleichheit in Inhalt und Form des Religionsunterrichts herrscht? Das ist eben ein Zeichen, daß in der Praxis auf die Arbeiten der Versammlungen, die Borträge und Discussionen recht wenig Rücksicht genommen wird, selbst von regelmäßigen Besuchern der Conferenzen. So muß aber der eigentliche Zweck der Conferenzen als unerfüllt betrachtet werden, während dieselben im andern Falle doch wenigstens einigermaßen für den Mangel an einer Lehrerpresse, einer rel. Pädagog. Literatur u. s. w. Ersatz bieten würden. Auch für die materielle Stellung des Lehrers haben die jüd. Lehrervereine (abgesehen von der segensreichen Wirksamkeit der Unterstützungskassen) bisher recht geringe Erfolge erzielt. Freilich, das wissen wir wohl, wird in dieser Beziehung ihre Thätigkeit sehr erschwert durch den oft recht hartnäckigen Widerstand, welchen Gemeinden und Behörden den Bestrebungen der Lehrer mit wenigen Ausnahmen entgegensetzen. Das muß aber die Lehrer nur noch eindringlicher an das alte Wort erinnern: Im en ani li, mi 11 und sie zu immer engerem Aneinanderschließen bewegen, das allein dem Ringen nach Besserstellung den schließlichen Erfolg sichert. Halten wir also in dieser Beziehung die Aufgaben und Bemühungen der jüd. Lehrervereine noch längst nicht für erfüllt und abschließbar, so meinen wir ferner, daß gerade die Lehrerveine berufen sind, auf dem Gebiete des Religionsunterrichts eine maßgebende, ja entscheidende Rolle zu spielen, denselben fest, zweckmäßig und möglichst einheitlich zu gestalten. Um aber alles dies zu erreichen, ist es nöthig, daß die einzelnen Lehrervereine mehr wie bisher, zu einander Fühlung, mehr wie bisher von einander Notiz nehmen, daß sie ihre Arbeit mehr zu einer gemeinsamen machen, daß sie ihrem Wirken gewissermaßen die allbewährte Devise der deutschen Heeresleitung zu Grunde legen: Getrennt marschiren, vereint schlagen. Das kann aber nur geschehen, wenn sie sich zu einem all gerne inen Deutschen Lehre rbuude zusammen 29*

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