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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-19 · Heft 29 (19.7.1888) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 29 (19.7.1888)
Date
1888-07-19
Page
Seite 450 (sequence 2)
Language
German
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450 keine Religion den vollen Pessimismus lehren kann; sie würde zur Verzweiflung, zur Entmannung, zum Selbstmorde führen. Es einigt sich dies auch nicht mit dem religiösen Wesen des Menschen und mit dem von Gott allen seinen Geschöpfen eingesenkten Selbsterhaltungstriebe, welcher im Menschen nicht allein das bloße Dasein, sondern auch eine gewisse Freiheit des Geistes, eine Befriedigung seiner Sehnsucht, seines Verlangens nach oben fordert. Allein, wenn eine Religion die Verachtung alles Irdischen verlangt, das ganze Erdenlcben als werthlos gegenüber dem Jenseits lehrt und eine Häufung des Schmerzes als Bedingung des höheren Lohnes im Himmel ansieht, Nnglücksfälle als eine Stufenleiter zum Paradiese, oder gar wie der Buddhismus als das höchste Ziel die Auflösung des Individuums in das allgemeine Sein, die Nirwana als höchste Glückseligkeit setzt, so ist eben nur ein pessimistischer Optimismus ihr Theil. Fragt man nun, was für den Menschen räthlicher sei, Optimist oder Pessiniist zu sein? so wird die Waagschale sich wohl zumeist auf die Seite des erstcren neigen. Allerdings ist ein unbedingter Optimismus mit oft fühlbaren Nachtheilen verbunden. Diese Vertrauensseligkeit, diese stets wache Hoffnungsfülle wird in Personen und Dingen viele Jrrthümer herbeiführen, jede Vorsicht ermangeln lassen und so unter Umständen den empfindlichsten Schaden anrichten. Ein solcher voller Optimismus schädigt die Urtheilskraft und läßt leichtsinnig in Gefahren Hineinstürzen, welche vermieden werden könnten. Freilich entschädigt er dafür durch die Freudigkeit am Leben, durch die Befriedigung an jedem wirklich Guten, was uns begegnet, durch den unerschütterlichen Glauben an Gott und an die Menschen. Welche Verdüsterung der Seele bringt dagegen der Pessimismus in uns hervor, welches Mißtrauen, welchen Argwohn gegen Jedermann, wie verdeckt er alle Lichtseiten, wie ruft er Eifersucht und Verurthcilung in uns wach, wie traurig macht er selbst das Familienleben! Schreitet er in uns fort, so ivird er unfern Muth entwurzeln, jedes Unternehmen von vornherein als mißglückend bezeichnen und uns die Schritte im Leben nur gezwungen machen lassen. — Erwägen wir Beides, so drängt es sich uns von selbst auf, daß der Pessimismus, sei er eine dauernde oder eine vorübergehende Stimmung, nur unseliger Wirkung ist, daß aber auch der Optimismus gedämpft und eingeschränkt werden niüsse. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Erde nur ein Mittelplanet ist, auf welchem sich die Gegensätze bekämpfen und in ihrer Herrschaft abwechseln, daß über jedes Menschenleben sich mehr oder weniger Schatten breiten und daß, wenn das Judenthum lehrt, daß das Biltere zum Heile werde, es doch eben anerkennt, wie uns Sterblichen auch der Becher der Wermuth geboten wird, bisweilen bis an den Rand voll. Darum geziemt es uns, vorsichtig zu sein, den Gefahren muthig, den Prüfungen fest und männlich entgegenzusehen! und entgegcnzutreten. Diese Vorsicht, dieses Maß von Mißtrauen, diese Entschlossenheit werden uns von einem gemäßigten Optimismus gestärkt und geschärft. Wer da überzeugt ist, daß die Gefahr zu bestehen, die Prüfung zu überdauern, das Unheil bald wieder zu ersetzen ist, der wird mit Gottvertrauen, Besonnenheit und stets erneuerter Kraft durch das Leben gehen und ein gutes Ziel erreichen; es werden ihm viele frohe Stunden erblühe»; er wird im Frieden mit Gott und Menschen, in der Liebe zu Gott und Menschen, in der Hochachtung vor allem Edlen und Schönen, im Streben nach Wahrheit von hinnen scheiden. Warstein, im Juli. Zur Gründung eines deutsch-jüdischen Lehrerbnndes.') Von Bonnevit Coblenz. Die Hebung des Lehrerstandes und Lehrervereinswesens stehen in gradem Berhältniß zu einander, ihre ganze bisherige Entwickelungsgeschichte liefert dafür einen glänzenden Beweis. Auch die deutsch-jüdische Lehrerschaft hat es genugsam dargethan, daß sie den Werth des Bereinswesens wohl zu schätzen weiß. In allen Gauen Deutschlands bestehen jüdische Lehrervereine, die von einem Theile derselben gegründeten Anstalten für materielle Selbsthilfe gedeihen vortrefflich, die verschiedenen jüdischen Lehrerconferenzen erfreuen sich regster Antheilnahme und sind für den Besucher eine Quelle der Anregung und Belehrung. Und doch können eben diese Conferenzen Demjenigen, dem die Interessen des jüd. Lehrerstandes ernstlich am Herzen liegen, nicht volle Befriedigung gewähren. Denn gerade auf dem Gebiete, welches das eigentliche und naturgemäße Arbeitsfeld spezifisch jüdischer Lehrerconferenzen2) ist, auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes, üben dieselben, wenn man offen sein will, einen herzlich geringen Einfluß aus. Das muß aber recht bedauert werden. Die Gestaltung des jüd. Religionsunterrichts, sowohl lvas Lehrstoff als auch was Lehrplan und Wir geben diesen ausführlichen Artikel nach unserem Grundsatz, überall, wo sich ein regeres Leben entfaltet und ein Fortschritt vorbereitet, die Öffentlichkeit, so weit dies an uns ist, zu Gebote zu stellen. Nur die Bemerkung fügen wir hinzu, daß, wenn über den Mangel an jüdisch-pädagogischer Literatur geklagt wird, wir erinnern müssen, daß wir eine recht reiche Schulliteratur für biblische und jüdische Geschichte, Religion und Hebr. Sprache haben, auch eine Geschichte des jüdischen Erziehungs- und Unterrichtswesens von Straßburger (Buchau am Federsee), die aber bis jetzt von den Lehrern wenig gekauft worden. Auch an die trefflichen und so ergiebigen Monographien von Güdemann erinnern wir. Redaktion. 2) Alle anderen Interessen des jüd. Lehrerstandes, sofern sie nicht in spezifisch jüd. Verhältnissen begründet sind, werden am besten durch die größeren und kleineren simultanen Lehrervereine vertreten. Diese Anschauung ist auch bisher in den jüd. Conferenzen ausschließlich maßgebend gewesen. Wir möchten dies an dieser Stelle aber nochmals ausdrücklich betonen und den Collegen den Beitritt zu den I simultanen Lehrervereinen eindringlichst empsehlen. Corresp.

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