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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-19 · Heft 29 (19.7.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 29 (19.7.1888)
Date
1888-07-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteltährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Mhilippson in Donn Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 Ml) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 19. Juli 1888. Nr. 29. Inhalt, Leitende Artikel: Pessimismus in der Politik und in der Religion. — Zur Gründung eines deutsch-jüdischen Lehrerbundes. — Die Circulairverordnung des ungarischen Cultusministers. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Fürth, Niederschlesien.— Oesterreich-Ungarn: Wien, Preßburg. — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel.-- Italien: Rom. — Rußland: Bonn. — Palästina: Jaffas — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Kurze Bemerkungen. IV. — Vermischtes. iMc'nbc OUü&ef. Bonn, 15, Juli. Pessimismus in der Politik und in der Religion. Einer unserer Leser fragt uns: Was eigentlich Pessimisnms in der Politik und in der Religion sei, und ob es räthlicher sei, Pessimismus oder Optimismus zu hegen. Die Beantwortung dieser Fragen giebt Gelegenheit, sich über dieses Thema, das jetzt so häufig in der Presse angeschlagen wird, klar zu machen. In der Politik ist derjenige ein Pessimist, welcher jedes Ereigniß als ein Unglück, als gefährlich und nachtheilig betrachtet und die Zukunft in Dunkelheit und voll nächtlicher Schatten anschaut. Voll Mißtrauens zu Personen und Dingen kehrt er überall die dunkle Seite hervor und vergißt, daß jeder Schatten doch erst durch Licht entsteht, daß es keine Erde und keinen Planeten giebt, der nicht, von der Sonne beschienen, seinen Tag und seine Nacht hat. Das Gegentheil ist der Optimist. Ihn schreckt keine Erfahrung, den Persönlichkeiten und Begebenheiten ein volles Vertrauen cntgegenzutragen; immer von Neuem wacht in ihm eine freudige Hoffnung auf, und es -drängt ihn, immer wieder die Zukunft glückverheißend zu erwarten. Aber es giebt auch einen optimistischen Pessimismus, welcher meint, daß die Verhältnisse sich immer schlimmer gestalten, die Erfolge aller politischen und socialen Maßnahmen immer ungünstiger sich entfalten müssen oder solches gar wünscht, weil durch die Unerträglichkeit derselben ein Umschwung eintreten werde, der eine bessere und glücklichere Zukunft schaffen würde. — Pessimismus in der Religion kennt das Judenthum garnicht. Es ist die Religion des reinen Optimismus. Es hat auf der ersten Seite seiner Urkunde die Schöpfung Gottes für „sehr gut" erklärt; es hält das menschliche Leben für eine Erziehungsanstalt, in welcher jedes Leid, jeder Schmerz zu unserem Besten gereicht und uns „zu grünenden Auen und zu frischen Wassern" führt; es verheißt uns für Pflichterfüllung und guten Wandel den „Segen Gottes", Frieden und Sicherheit, sorglosen Unterhalt und hohes Alter. Dem Sorgenvollen ruft es zu: „Wälz' auf den Ewigen Deinen Weg, Er vollbringt's"; es verheißt dem, der herben Verlust erlitten: „Dein Späteres wird mehr sein als dein Früheres" und stellt dem Mißgeschick gegenüber den Grundsatz auf: „Auch dies zu deinem Besten." Ja, es predigt fort und fort die Lehre des Propheten: „Siehe, zum Frieden und Heile ist mir das Bittere geworden, ja das Bittere!" Also nichts von jener pessimistischen Anschauung, daß die Welt schlecht sei, das Leben des Menschen eine Reihe von Unheil und Weh, so daß jeder Genuß auch nur ein Schmerzgefühl sei, daß alle Menschen nur selbstsüchtige, habgierige und unehrliche Creaturen seien. All' dies verwirft das Judenthum und erblickt darin nur ein gottesleugnerisches Zerrbild. Ueberkömmt dich einmal eine solche Stimmung, so schüttle sie mit aller Kraft von dir ab und rette dich auf den Boden deiner Religion, welche durch ihre optinnstische Tendenz den jüdischen Stamm mehr als drei Jahrtausende erhalten und ihm geistige Frische und Kraft sich zu verjüngen bewahrt hat! — Sieht man sich auf anderen Gebieten um, so liegt es in der Natur der Sache, daß 29

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