Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1888)
- Date
- 1888-07-12
- Page
- Seite 446 (sequence 14)
- Language
- German
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446 haben dies vorausgesehen, da die marokkanische Regierung nicht die geringste Sicherheit für Ausführung von Verträgen bietet, und ein Zwang hierfür nur vermittelst Krieges geübt werden könnte, so daß ein solcher durch einen Vertrag erst recht in Aussicht stände. Bonn, 8. Juli. (Notizen.) Die Gemeinde der Neuen Synagoge (Oranienburger Straße) zu Berlin wurde Samstag früh während der Andacht durch ein donnerähnliches Getöse Plötzlich aufgeschreckt. Es hatte sich unterhalb des rechts gelegenen Seitenbalkons ei» Stück Gesims von der Vertäfelung in Schwere von 20 Pfund abgelöst und fiel mit heftigem Geräusch in die erste Stuhlreihe des Mittelschiffes. Dieser Theil der ersten Reihe war glücklicherweise unbesetzt, weshalb ein Unglück vermieden wurde. — Aus Neutra wird uns gemeldet: Unser Rabbiner, Hr. Josef Hönig, ist heute, den 21. d. M., plötzlich gestorben. Das Leichenbegängniß findet Sonntag den 24. Nachmittags zwei Uhr statt. Rabbiner Hönig, in Holeschau (Mähren) im Jahre 1818 geboren, war zuerst in Verbo, dann in Miava und seit 1864 in Neutra; wegen seiner Kenntnisse und seiner Friedfertigkeit wurde er überall verehrt. — Feuilleton. Kurze Semerkungen. i. Was ist es, was wir den Menschen am meisten wünschen? Sie alle jagen während ihres kurzen Lebens, als ob es sich auf immer ausdehnte, nach dem Glück — aber in was für verschiedenen Objekten suchen sie das Glück! Und doch besteht das Glück allein in der Zufriedenheit. Was aber ist unter Zufriedenheit zu verstehen? Fragen wir einmal die Völker selbst darum, die in der Sprache ihrer Gesinnung Ausdruck geben. Da finden wir schon einen Unterschied zwischen den Romanen und Germanen; die ersteren, zu welchen auch hierin die Engländer sich schlagen, die ihr Sprachgut von so vielen Nationalitäten entlehnt haben, sie drücken „zufrieden" mit eontentuL aus, von eontinere „sich Zusammenhalten, sich bezähmen, sich beschränken/' Nach ihrem Sinne ist also der zufrieden, welcher sein Wünschen und Wollen auf das Mögliche beschränkt, das er erreichen kann. Es ist damit nicht vorgesehen, daß diese Wünsche nach Mehreren! in ihm leben; wenn er nur die Kraft besitzt, sich soweit zu bezähmen, daß sie ihn nicht antreiben, nach ihrer Erfüllung zu streben. Der Romane spricht also weiterem Verlangen die Berechtigung nur dadurch ab, daß eben das Können es nicht erreicht; er schließt also den inneren Kampf nicht aus, nur daß dieser nicht zu einem Ausbruch gelangt. Ganz anders der Germane, wie es in dem Worte „zufrieden" ausgesprochen ist. Ihm ist der Friede seiner Seele die Hauptbedingung des glücklichen Empfindens, des ruhigen, befriedigten Daseins. Der ihm gewordene oder von ihm erworbene Kreis von Gütern und Ehren muß all' sein Verlangen, sein Wollen und Wünschen ausfütten. Er muß nicht darüber hinausblicken auf die Güter und Ehren Anderer, sie um dieselben beneiden, sie sich wünschen, darüber unruhig, zornig, leidenschaftlich, gegen sein Besitzthum verächtlich werden; aller Kampf ist ausgeschlossen, und dadurch das Gefühl des Glückes gewonnen; der Sturm der Leidenschaften muß entweder niemals vorhanden gewesen sein oder längst ausgetobt haben, so daß die Befriedigung an dem, was man besitzt, dem Leben den Stempel aufdrückt. — Fragen wir nun, wie dieser Begriff innerhalb des Judenthums zum Ausdruck kam. Wir sehen hierbei von allen religiösen, von den Beziehungen des Menschen zu Gott, in welchen er seinen Stütz- und Ruhepnnkt findet, ab. Da finden wir dann den Zustand der Zufriedenheit wiederholt mit den Worten ausgedrückt: „Er wohnt sicher unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum." Hiermit sind zwei Bedingungen der Zufriedenheit angedeutet die Sicherheit von Außen und das Genüge an dem einfachen Besitz, der für die nöthigsten Bedürfnisse ausreicht. Es stimmt dies ganz mit der Einfachheit des damaligen Volkslebens überein, das sich allein innerhalb des Landhause und der damit verbundenen Viehzucht bewegte, das aber allzu viel von äußeren Feinden und deren räuberischen Einfällen sich bedroht sah. Hiergegen gesichert zu sein und ungestört des kleinen Besitzthums mit seinen Arbeiten und Erträgnissen zu genießen, füllte die Seele des Israeliten aus und ließ ihm das Dasein von der schönsten Seite erscheinen. Sucht man nach einem bestimmten Worte hierfür in der Bibel, so bietet sich das Wort ibv, welches „sorglos, gesichert, ruhig" bedeutet. In der weiteren Entwickelung blieb man aber hierbei nicht stehen, und in der Mischnah wird der als zufrieden erklärt, welcher ipbni nmcw „sich seines Theiles freut." Die Zufriedenheit ist hiermit offenbar weiter hinauszeschoben. Sie ist noch nicht da, wo man sich seinen Antheil am Leben genügen läßt, sondern wird erst dann gefunden, wenn man über seine Stellung und seinen Besitz Freude empfindet, wenn man sich darin so heimisch fühlt, daß man das Erlangte hochschätzt, daran den besten Gefallen findet und es mit Anderem niemals zu vertauschen wünscht, Daß es solche Men*