Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1888)
- Date
- 1888-07-12
- Page
- Seite 445 (sequence 13)
- Language
- German
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445 kannten Encyclica Pius IX. geradezu widerspricht. Wiewohl der Papst die Vereinigung der verschiedenen Confessionen im Schooße des Katholicismus wünsche, gestehe er doch die legale Existenz der anderen Confessionen, sowie deren Duldung zu. Der Papst erklärt des Weiteren auch die Ausübung der modernen bürgerlichen und politischen Freiheiten, den Widerstand gegen die Unterdrückung und den Absolutismus, die Betheiligung an den demokratischen Institutionen und die Bestrebungen der Völker nach nationaler Unabhängigkeit als zulässig. Ueber den Wortlaut und die Bedeutung dieser Kundgebung werden wir in nächster Nr. berichten. Rumänien. Bukarest, 1. Juli. (Privatmitth.) Es war ein Kunstgriff des gestürzten Ministeriums Bratiano, die Juden aufs Aeußerste zu bedrücken, und wenn deren Klagen in die ausländische Presse drangen, sie des Landesverraths zu beschuldigen und dies zum Motiv weiterer Verfolgungen dem Volke zu insinuiren. Jetzt, nachdem Bratiano und sein Anhang durch den Volksunwillen und die Wahlen gestürzt sind, zeigen sich erst so recht die tiefen Wunden, die sie dem ganzen Lande geschlagen, und die Schlechtigkeiten, die sie geübt haben. Ist doch bereits der frühere Kriegsminister wegen Unterschlagung in Untersuchung gezogen. Es hat sich auch hier die alte Erfahrung erwiesen, daß die Verfolgung der Juden stets mit anderen Bosheiten verbunden ist. Hat doch das System Bratiano die rumänische Bcamteuwelt mit einer schrankenlosen Corruption vergiftet, und dieser dienten besonders auch die gegen die Juden getroffenen Maßregeln. Das neue Ministerium Rosetti erweist sich von ganz anderen Tendenzen beseelt. Fürwahr, wir Juden fordern ja keine Vergünstigungen und Vorrechte, wir verlangen nur Gerechtigkeit und eine billige Behandlung, wie sie eben rechtens und menschlich ist. Es versteht sich, daß die neue Regierung die harten, zu unserem Verderben getroffenen Ausnahmegesetze nur auf gesetzgeberischem Wege beseitigen kann, und hoffen wir, daß Rosetti und dessen College» dies nicht unterlassen und die neuen Kammern einwilligen werden. Unterdeß erleichtert die neue Regierung unser hartes Geschick, so weit sie es vermag, auf administrativem Wege. Sie hat die polizeiliche Maßnahme aus allen Dorfschaften diejenigen Juden zu entfernen, welche nicht bereits zehn Jahre daselbst wohnten, aufgehoben. Diese Vorschrift diente der Ortspolizei nur dazu, nach Belieben diesen oder jenen Juden mit der Ausweisung zu bedrohen, wenn er ihnen nicht eine beliebige Summe zahlte. Ebenso wurde das Verbot, allen nicht naturalisirten Juden — man weiß, wie wenige diese sind — einen Paß nach dem Auslande, sei es auch nur auf die kürzeste Zeit, auszufertigen, aufgehoben. Auch dies diente nur der Polizei, um bedrängten Juden, welche wegen Geschäfte oder zu einer Kur nach dem Auslande reisen mußten, hundert, zweihundert oder mehr Franken abzupreffen. Man erinnere sich ferner, daß Bratiano den Juden das Hausiren verboten hat, wodurch eine große Zahl jüdischer Familien brodlos wurden. Hausirte ein Jude in heimlicher Weise, was das Volk des Nutzens wegen begünstigte, wurde aber von einem Polizisten dabei ertappt, so wurde er ins Gefängniß geworfen und seiner Habe als Strafgelder beraubt. Auch dies hat der neue Minister des Innern beseitigt, indem er befohlen hat, bis das Hausiren durch ein neues Gesetz geregelt werde, keinen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Hausirern zu machen. — Wir bringen diese Thatsachen mit größter Befriedigung zur öffentlichen Kenntniß und wollen damit zugleich auch beweisen, daß wir treue Anhänger des rumänischen Volkes sind und gewiß dessen Lob singen, wenn wir menschlich behandelt werden. Wir hoffen auch u. A, daß der gegenwärtige Unterrichtsminister bald jene schmähliche Maßnahme des Regiments Bratiano beseitigen wird, durch welche der jüdischen Jugend die Pforten der öffentlichen Lehranstalten, namentlich der Elementarschulen, verschloffen worden. Wir athmen auf; denn so viele unsrer Brüder auch zum Wanderstabe griffen, so blieb doch die große Mehrheit unter diesem Joche, welches uns schier zu Tode erdrücken wollte, und diese Absicht wurde ja gar nicht verhehlt. Großbritannien. London, 26. Juni. Die Anglo-Jewish Association, deren Zweck die Beschützung verfolgter Inden und die Beförderung des elementaren und technischen Unterrichts der Juden im Orient ist, hielt am Sonntag eine allgemeine Versammlung unter dem Präsidenten Sir Julian Goldsmid ab. Ehe der geschäftliche Theil der Verhandlungen begann, wurde beschlossen, gemeinsam mit dem London Committee of Deputics of British Jews Beileidsadressen an die Königin und an die Kaiserin Viktoria zu richten. In dem 17. Jahres-Berichte wird konstatirt, daß das Zusammengehen der Association mit der Alliance israelite universelle in Paris viel dazu beigetragen habe, die Leiden der verfolgten Juden zu mildern. Die Lage der Juden in Rußland gebe noch immer viel Anlaß zu Besorgnissen und Bedauern. Obgleich in Rumänien noch keine merkliche Veränderung eingetreten sei, glaube man doch, daß dort bessere Tage für die Juden anbrechen. 18 jüdische Schulen mit 5000 Schülern in verschiedenen Städten Griechenlands, der Türkei re. haben 1360 Lstr. Unterstützung erhalten. Spanien. Madrid, 28. Juni. Die Conferenz der Großmächte über das Schutzrecht in Marokko ist aufgegeben. Wir