Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1888)
- Date
- 1888-07-12
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
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444 In 12 Bürgerschulen für Knaben (darunter 6 Sammelschulen) und in 15 Bürgerschulen für Mädchen (darunter 5 Sammelschnlen) wirkten 12 Religionslehrer in 31 Classen für Knaben und in 47 für Mädchen. Sie wurden von 913 Schülern und 1619 Schülerinnen besucht, und zwar nach Bezirken. I. 126 Knaben, 202 Mädchen. II. 480 Kn., 737 M. III. 60 Kn., 112 M. IV. und V. 43 Kn.. 1O0 M. VI. und VII. 95 Kn., 144 M. VIII. 44 Kn., 36 M. IX. 39 Kn., 150 M. X. 26 Kn., 38 M. Ju 17 Mittelschulen (7 Gymnasien, 2 Realgymnasien, 7 Realschulen und eine Sammelschule) lehrten in 81 Classen 9 Religionslchrer. Die Zahl der Gymnasialschüler betrug 1052, jene der Realgymnasialschulen 449 und die der Realschulen 6O5, zusammen 2106 Schüler. In den hebräischen Sprach- und Bibelschulen lehrten in 5 Abtheilungen 2 Lehrer und waren 276 Schüler eingeschrieben. Wien, 28. Juni. (Privatmitth.) Die Thronrede des Kaisers und Königs Wilhelm bei der Eröffnung der preußischen Landtages, in welcher derselbe erklärte, er werde es jederzeit als seine Pflicht erachten, allen religiösen Bekenntnissen bei der freien Ausübung ihres Glaubens seinen Königlichen Schutz angedeihen zu lassen, hat auf die hiesigen Antisemiten wie ein niederschlagendes Pulver gewirkt. Schon vom Kaiser Friedrich erfaßt, hofften sie, daß Kaiser Wilhelm das Banner Stöckers aufpflanzen werde, und dann hofften sie hier noch energischer vorzugehen. Und nun finden sie sich getäuscht. Gestern fand ein Einspruch des Herrn von Schönerer gegen das Urtheil des Landgerichtes beim obersten Gerichtshöfe statt. Den Vorsitz führte der Präsident des obersten Gerichtshofes, Herr Anton Ritter von Schmerling, doch wurde der Einspruch zurückgewiesen. Noch eine erfreuliche Thatsache habe ich zu melden. Zum Rector der Wiener Universität für das Studienjahr 1888/9 wurde der berühmte Gelehrte und Parlamentarier Professor Eduard Sueß,-Protestant, gewählt, und zwar erhielt er auch die Stimmen der Professoren von der katholischen Facultät. Sueß ist nämlich der bestgehaßte Mann Seitens der Clericalen, Feudalen und Antisemiten, weil er ein Mann des Rechtes und der Freiheit ist, und nun wurde ihm diese Auszeichnung zu Theil. — Wie man hört, wird Schönerer am 1. September seine Kerkerstrafe antreten. — Tie Regierung macht Ernst mit den antisemitischen Tendenzen gewisser Studentcnvereine. Die k. Statthalterei löste den seit 1882 bestehenden großen Berein deutscher Studenten Böhmens auf, weil er an einer Kondolenzauffahrt für Schönerer Theil nahm; aus demselben Anlaß sollen laut Polizeibericht auch andere Vereine gemaßregelt werden. Jeder Unbefangene wird dies nur gerecht finden, da in diesen Demonstrationen eine Verhöhnung der Rechtspflege, ja des höchsten Gerichtshofes liegt, welche, wenn geduldet, die gefährlichsten Wirkungen haben müßte. Frankreich, Paris, 2. Juli. (Privatmitth.) Man darf sich über die wahren Tendenzen der die Republik jetzt beherrschenden radikalen Partei hinsichtlich der Religion keiner Täuschung hingeben. Es ist ihr nicht um die Trennung von Staat und Kirche zu thun, nicht dem Staate alle finanziellen Mittel für die Erhaltung religiöser Institutionen zu ersparen, nicht die Uebung und den Unterricht der Religion den Religionsgenossenschaften allein zu überlassen — sondern vielmehr die Existenz aller Religionen zu vernichten. Sie machen hieraus auch kein Geheimniß, und in der Deputirtenkammer haben sonst ganz ehrenwerthe Abgeordnete dieser Partei es offen ausgesprochen und bei der Berathung des neuen Militärgesetzes, als jede Begünstigung der jungen Geistlichen und Seminaristen bei der Rekrutirung versagt wurde, in dürren Worten gesagt, daß es ihnen dabei nicht um Gerechtigkeit und Gleichheit zu thun sei, sondern den bestehenden Religionen möglichst alle Quellen zu verstopfen; sie wollen dafür jene materialistischen Wissenschaften — mit welchem Namen sie ihre nihilistischen Ideen beehren — an die Stelle setzen. Es ist dies nichts als eine zweite Auflage des französischen Convents, der sämmtliche Gotteshäuser schloß und dafür „die Religion der Vernunft" dekretirte. Jetzt geht man weiter und will das „Nichts" in die Geister verpflanzen. Allein die Zeit ist doch übel gewählt. Damals hatte der Rausch der neuen Freiheit zahllose Individuen zu blinden Anhängern der augenblicklichen Machthaber gemacht. Unsre Gegenwart ist kritischer und selbständiger, und man kann sagen, daß die dritte Republik sich nur darum noch erhält, weil kein entschiedener Charakter vorhanden ist, der die Massen zum Widerstande einigen könnte. Bei neuen Wahlen wird sich die Rechte bedeutend verstärken; doch wird sie lange nichts vermögen, weil ihre Spaltung in Monarchisten, in zwei Fractionen der Bonapartisten, wozu nun noch die Boulangisten kommen, sie unfähig macht, eine Regierung aufzurichten. Die Nachwelt wird über unsre Zeit gewaltig den Kopf schütteln, wenn sie dieselbe nicht geradezu verspottet. In Rom die Verkündigung der alten päpstlichen Herrschaftsmaximen durch Leo XIII., und in Paris die Auferstehung des Convents für den Atheismus, alles zu gleicher Zeit! Italieu. Rom, 26. Juni. Der Papst hat eine Encyclica veröffentlicht, die großes Interesse beansprucht, da sie der be-