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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-12 · Heft 28 (12.7.1888) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 28 (12.7.1888)
Date
1888-07-12
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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439 jener Neueinrichtung Schwierigkeiten bereiten wird, im Glauben, daß durch dieselbe nihilistische Tendenzen gefördert oder militärdienstpflichtige Personen zur Auswanderung ermuntert werden könnten, vermögen wir, auf Grund unserer Informationen, keinerlei Berechtigung zuzuerkennen. Das Unternehmen braucht in Rußland durchaus nicht als eine officielle Schulinslitution eingesührt zu werden und kann sehr wohl als eine innere Angelegenheit der jüdischen Cultusgemeinden beginnen — und sich entwickeln. Sache der Leiter dieser Gemeinden soll es namentlich sein, das Erlernen von Handwerken in bestehenden Privat- Werkstätten oder in zu unterstützenden Neueinrichtungen, schon bei der Heranwachsenden Jugend nach Möglichkeit zu ermuntern, sowie das Erlernen der englischen Sprache durch Privatunterricht zu fördern. Gleichzeitig sollten es aber jene Gemeinden als eine heilige Pflicht erachten, sogenanntes sozialistisches Weltretterthum von dem Unternehmen fern zu halten und Loyalität gegen bestehende Gesetze und Einrichtungen zu lehren. Unsere Nation hat die Uebung dieser Tugend durch Jahrhunderte der Noth und Verfolgung hochzuhalten gewußt, und der richtigen Erkenntniß dieser ersten Bürgerpflicht haben wir es zu verdanken, daß das Judenthum und dessen Mission sich bis auf die Gegenwart erhalten hat. In einem Theile der Presse unseres Landes hat sich in letzter Zeit eine Agitation breit gemacht zu Gunsten der Beschränkung europäischer Einwanderung. Wir, unsererseits, könnten keinerlei Maßnahmen billigen, die auch nur einem einzigen unserer in Europa bedrückten Glaubensbrüder die Möglichkeit schmälern könnte, unsere Gastfreundschaft aufzufuchen. Unser Land ist die letzte Zufluchtsstätte für die Verfolgten unseres Glaubens, und es ist unsere Pflicht, diesen geheiligten Boden religiöser und bürgerlicher Freiheit jederzeit jenen bedauernswerthen Opfern europäischer Intoleranz offen zu halten. So sehr wir die leichtsinnige Einwanderung erwerbsunfähiger Personen bedauern, schon wegen der wirthschaftlichen Schädigung der Betreffenden und der Lockerung heiliger Familienbande als häufige Folge, so wenig glauben wir, daß die Einwanderung unserer Schutzbefohlenen jemals dem hiesigen Gemeinwesen zur Last werden könnte. Abgesehen von der allgemein anerkannten Arbeitswilligkeit, Mäßigkeit und Ehrenhaftigkeit unserer Raee, welche vermöge dieser Eigenschaften sich zu den nützlichsten Bürgern jedes guten Gemeinwesens rasch entwickeln, sind wir auch sicher in der Hülfsbereitschast der Freunde unserer Bestrebungen, jederzeit die Mittel zu finden, um für die Armen und Gebrechlichen unseres engeren Gemeinwesens voll und ganz sorgen zu können. Die von uns seit 4 Jahren bewirkte vorsichtige Unterstützung der Rückwanderung erwerbsunfähiger Personen hat überdies die Verhältnisse der jüdische» Einwanderung sehr vortheilhaft verändert und auf eine Zahl zurückgeführt, die wir leicht controliren können. Während in den letzten 4 Jahren bei einer stetigen Abnahme der allgemeinen Einwanderung die Zahl der jüdischen Einwanderer sich von Jahr zu Jahr stetig um 50°/« vergrößerte, hat sich im abgeschlossenen Jahre zum ersten Male die Wirkung der unsererseits unterstützten Rückwanderung in einer verhältnißmäßig großen Abnahme unserer Einwanderung geäußert. Diese Thatsache erscheint besonders bemerkenswerth, angesichts der in derselben Zeitperiode so bedeutend gestiegenen allgemeinen Einwanderung, welche im laufenden Jahre noch größere Dimensionen annimmt und trotz aller tendenziös gefärbten Alarm-Berichte aus Europa, anstatt die von uns eontrolirte Einwanderung mit sich zu reißen, letztere um fernere 4000 Einwanderer zu ermäßigen verspricht. Nach solchem Ergebniß kann man also sicher annehmen, daß die armen enttäuschten Rückwanderer als wirkliche Missionäre der Wahrheit in ihren Heimathsorten gewirkt haben, durch Aufklärung über die thatsächlichen Resourcen dieses Landes und die Hülfsfähigkeit bestehender Wohlthätigkeits- Gesellschaften. Konnte solch ein befriedigendes Resultat mit unseren beschränkten Mitteln erreicht und eine thatsächliche Veränderung der bisherigen Verhältnisse der jüdischen Einwanderung herbeigeführt werden, so lehrt dieses zunächst, daß wir es hier nicht mit einer Maffenauswanderung von Europa zu thun hatten, die, allein durch politischen oder socialen Druck erzeugt, unaufhaltsam weiter gedrängt — sich durch keinerlei Abmahnungen aushalten ließe — sondern mit einer großen Zahl Einwanderer, welche mehr oder weniger gesicherte Erwerbsverhältnisse aufgegeben, um ihr Glück in diesem Lande zu versuchen. Als sie keinen leichten Verdienst hier vorfanden, benützten sie gern die gebotene Gelegenheit, in ihre früheren Erwerbsverhältnisse zurückzukehren und Andere durch ihr Beispiel zurückzuhalten, sich nicht ohne dringende Noth den Wechselfällen der Auswanderung auszusetzen. Das größere Maß politischer Freiheit, welches Europamüde hier unstreitig finden, kann für dieselben nur dann von wirklichem Werthe sein, wenn dasselbe Hand in Hand geht — mit der wirthschaftlichen Verbesserung ihrer Lage. Aber für Diejenigen, welchen vorgerücktes Alter, Mangel an intellectueller oder mechanischer Leistungsfähigkeit, den Weg versperrt zu besseren Erwerbsverhältnissen und die dadurch in der Fremde auf eine Stufe der Hülfslosigkeit hinabsinken, welche sie in ihrer Heimath niemals erreicht hätten — für diese Categorie bedauernswerther Personen, hat der Besitz

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