Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1888)
- Date
- 1888-07-12
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 erfordern, und die sich selbst überlassenen Leute sind in Folge völligen Unbckaiintseius mit den hiesigen Lebensverhältnissen nicht immer befähigt, die Consequenzen ihres Thuns und Lassens zu übersehen und die Bedingungen ihres Gedeihens auf fremdem Boden zu erkennen. An den meisten unserer Schutzbefohlenen haben wir nicht nur die Mission des Arbeitsversorgers zu erfüllen, sondern in noch höherem Grade diejenige des Erziehers und Berathers in den kleinsten Dingen des täglichen Lebens. Die Unmöglichkeit, eine so weitgehende Aufgabe Tausenden gegenüber befriedigend zu lösen, bildet die Hauptursache des Fehlschlagens jeder versuchten Massenversorgung der wohlthätiger Fürsorge überlassenen Einwanderer. In dem Charakter unseres Volkes ist die Individualität zu stark ausgebildet, als daß wir billigerweise von jedem Einzelnen erwarten könnten, seinen innersten Bedürfnissen zu entsagen und den Anweisungen bestgemeinter, ihm aber unverständlicher Interessen sich unterzuordnen. Wir sollten es vielmehr nur zu natürlich finden, daß ein starker Einzelwille, dem bisher äußere Verhältnisse Ausdruck und Geltendmachung erschwerten, hier in diesem freien Lande versuchen wird, seinen Bewegungen den weitesten Spielraum zu verschaffen, um seine Fähigkeiten seinen Neigungen entsprechend verwerthen zu können. Wir werden unsere Pflicht am besten erfüllen, »venn wir berechtigte Einzelbestrebungen von Einwandern nach Möglichkeit berücksichtigen und denselben nach Kräften zum Erfolg verhelfen. Forcirtes Unterbringen von Personen in Arbeitsplätze, für deren Obliegenheiten denselben Neigung und Fähigkeit fehlen, kann der Sache ihrer Versorgung nur Schaden bringen. Es kann von keinem Nutzen sein, wenn wir, allein von Rücksichten des Mitleids für Unglückliche bestimmt, von unfern Freunden Hintansetzung ihres geschäftlichen Interesses fordern durch Aufnahme von Kräften in ihren Geschäfts-, resp. Fabrikbetrieb, welche, wenn sie mit ihrer Leistungsfähigkeit nicht befriedigen, mehr oder weniger berechtigte Zweifel an ihrer Arbeitswilligkeit erzeugen. Hierdurch muß gleichzeitig auch Unzusriedenheit Platz greifen, auf deren Sympathie und Hülfswilligkeit jene Unglücklichen angewiesen sind. So lange das für Wohlthätigkeit disponirte Publikum in der Masse der bei uns Hülfesuchenden arme und verfolgte Mitglieder uiiserer Race sieht, denen nur Beistand und Arbeit fehlt, um in bessere Lebensverhältnisse zu gelangen, wird es uns an Hülfswilligkeit nicht fehlen. Wenn wir aber unsere Schutzbefohlenen durch unsere Arbeitsvermittellung in direkt persönlichen und geschäftlichen Verkehr mit ihren Beschützern bringen und denselben in den Leistungen unserer Empfohlenen nur Enttäuschungen bereiten, so dürfte sich sehr bald alles Wohlwollen für unsere Sache in Vorurtheil und Abneigung verwandeln, und unsere besten Gönner würden an der Nützlichkeit ihrer Opferbereitschaft verzweifeln. Verhüten wir also eine Entfremdung der allgemeinen Theilnahme sür Bestrebungen, von deren Erfolg das Wohlergehen Tausender abhängig ist. Für unser Institut sind natürlich die besprochenen Mißerfolge unserer Colonisationsversuche der Gegenstand tiefsten Bedauerns, aber nicht mit der Wirkung bedingungsloser Verurtheilung Derjenigen, welche, dieselben verschuldend, unter ihren Folgen selbst am schwersten zu leiden haben. Wir können uns der Erwägung nicht verschließen, daß die hier vorliegenden Mängel besserer Einsicht und praktischer Lebensklugheit allein zurückzuführen sind aus die Art der Erziehung und Bildung, welche den hier in Betracht kommenden Menschen zu Theil geworden. Unter dem denkbar stärksten Druck politischer und gesellschaftlicher Beschränkungen, sowie unter dem Einflüsse engherziger religiöser Vorurtheile, ist es nur zu erklärlich, daß Lehre und Erziehung nicht solche Resultate zeitigen konnten, wie solche ein gütiges Geschick uns in diesem Lande beschieden hat, unter dem Schutze freier Institutionen und wirthschaftlichen Wohlergehens. Aber angesichts solcher Erkenntniß, sollten wir erst recht zu dem vollen Bewußtsein unserer Culturmission gelangen, gegenüber unseren Glaubensgenossen in Ländern des Drucks und der Verfolgung. In bedeutendem Maße könnten die Schwierigkeiten der Arbeitsbesorgung sür unsere Einwanderer gemildert werden, wenn deren persönliche Leistungsfähigkeit schon in ihrer Heimath auf eine höhere Stufe gebracht würde. Am besten könnte dieses Ziel erreicht werden durch Errichtung von „Borbereitungsschulen für Auswanderer" in den lithauischen Provinzen Rußlands, aus welchen sich das Hauptcontingent der Einwanderer rekrutirt. In solchen Schulen sollten nur bestimmte Handwerke und die englische Sprache gelehrt werden. Junge Leute, die mit einem Handwerk ausgestattet hierherkommen und bei dessen Verwerthung durch einige Kenntniß der hiesigen Landessprache unterstützt werden, dürften fremder Hülfe entweder gar nicht oder nur in sehr geringem Grade benöthigen. Die große Dringlichkeit einer solchen Einrichtung in den bezeichneten Districten Rußlands läßt es erwünscht erscheinen, daß sie ohne Verzug ins Leben gerufen wird. Wir sind versichert, daß unsere besser situirten Glaubensgenossen, denen es erlaubt ist, in den geschäftlich blühenden Centren des russischen Handels von St. Petersburg, Moskau u. s. w. zu leben, sowie Freunde unserer Sache in Paris und London, die von uns angeregte Einrichtung im weitesten Umfange unterstützen und fördern helfen werden. Den geäußerten Bedenken, daß die russische Regierung