Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1888)
- Date
- 1888-07-05
- Page
- Seite 418 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227745--45426-3264939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
418 am benöthigtsten. Der ist ein Thor, welcher sich fürchtet vor Dingen, die noch nicht sind, und der ein Schwächling, welcher einem Ungemach, einer Unbill, einem Gegner nicht scharf ins Angesicht schaut und ihm kräftig entgegentritt. Gewiß, das Leben ist kein leerer Wahn und kein bloßer Traum; es trägt und hebt den Menschen, aber es kann ihn auch sinken und untergehen lassen. Darum frisch ins Leben hinein, frisch an die Arbeit des Lebens, und wenn auch die Erfolge oft ungünstig, die Hoffnungen nicht selten zu Täuschungen werden, eine immer erfrischte und erneuete Kraft vermag es zu bewältigen und sich zu einem Ziele hindurchzuringen. Unverzagt in den Kämpfen des Lebens, mit stets aufgerichtetem Muthe wird man sie bestehen und wenn auch nicht immer siegreich, nicht unversehrt aus ihnen hervorgehen, doch nimmer unterliegen, nimmer um Pardon bitten müssen; „auch mit dem Herkules gekämpft zu haben, ist Ruhm", sagten die Alten. Vor Allem aber schaffe dir eine Ueberzeugung, dann halte fest an ihr, harre in ihr aus, bekenne sie, wo es nöthig, und tritt, sei es auch zum eigenen, augenblicklichen Schaden, kräftig für sie ein; dem Ueberzeugungstreuen wird, wenn auch nicht der Sieg, doch stets die Achtung der Welt, und was noch mehr, die Selbstachtung, die Gewiffensruhe. Niemand bleibt von Prüfungen und Versuchungen frei. Aber mit festem Charakter, wenn du stets nach dem Rechte suchest und darum das Richtige triffst, wirst du sie bestehen und in deinem Gewissen beruhigt, dem Ausgang entgegensehen. Schwankst du aber, irrst du bald hüben, bald drüben, suchst du nur nach Vortheilen und Gewinn, und erntest dasGegentheil, so bist du nur ein Rohr, düs der erste Wind abknickt. Wir sind Menschen, Deutsche und Juden. In diesem Dreiklaug müssen sich alle Gefühle unsres Herzens, alle Gedanken unsres Geistes, alle Triebfedern unsres Willens vereinigen, daß sie zum harmonischen Einklang werden. Sie sämmtlich legen uns Pflichten auf, aber diese widersprechen sich niemals, wir vermögen sie alle zu erfüllen, wenn der reine Trieb unsrer Gesinnung uns dazu anführt. Ich habe ein langes, bewegtes und an Erfahrungen reiches Leben hinter mir, aber ich kann Euch nichts Anderes zurufen, als: Frisch auf, unverzagt, überzeugungstreu und charakterfest! Diese Losungs- Worte müsset Ihr in die Tiefen eures Geistes senken, darin wurzeln und wachsen lassen. Dann, ob in großen oder kleinen, in weiten oder engen Kreisen, in leichten oder drückenden Verhältnissen und Lagen, werdet Ihr als Sieger aus diesem Leben scheiden! Brüx, im Juni. Das Gesetz zur Regelung der jüdische» Religionsgenojsenschaft in Oesterreich. Von Rabbiner Dr. G. Deutsch. II. Wenn wir die Vorlage, die im nächsten Herbst im Abgeordnetenhaus zur Verhandlung gelangen soll, von dem Gesichtspunkte der sachlichen Interessen betrachten, so dürfte die Stellung der Rabbiner dasjenige sein, was für die zukünftige Entwicklung des Judenthums in Oesterreich am meisten Bedeutung beanspruchen darf. Die Regierungsvorlage hatte ursprünglich im § 11. festgesetzt, daß für jede Gemeinde mindestens ein Rabbiner bestellt werden müsse. Gegen diese, durch das Herkommen vollständig begründete Forderung erhob sich mancher Einspruch, hauptsächlich unter der Begründung, daß die Bestellung eines Rabbiners vielen Gemeinden aus finanziellen Gründen unmöglich sei. Besonders hob der Centralverein für jüdische Interessen in Prag heror, daß es in Böhmen Hunderte von verarmten Gemeinden gebe, die außer dem eigentlichen Cultus auch noch eine confessionelle Volksschule zu erhalten haben und deshalb nicht in der Lage seien, auch noch einen Rabbiner zu bestellen. Woher, sagt ein Redner, in der Versammlung dieses Vereines, sollen Humpoletz und Kralowitz die Mittel nehmen, um einem akademisch gebildeten Manne die Möglichkeit einer standesgemäßen Existenz zu gewähren? Wir aber könnten fragen, welche Naturnothwendigkeit oder welches Gesetz schreibt vor, daß Unter-Kralowitz und Humpoletz eine Gemeinde sein müssen? Die geänderten Verhältnisse der letzten vier Jahrzehnte, die für uns Juden einen ganz besonderen Umschwung bedeuten, haben es mit sich gebracht, daß die großen Städte und mit ihnen die jüdischen Gemeinden in denselben rasch anwachsen, während die kleinen Orte und besonders die in denselben befindlichen jüdischen Gemeinden von Jahr zu Jahr sinken, so daß die meisten von ihnen sich schon von selbst aufgelöst hätten, wenn sie nicht, durch vorhandene Stiftungen und durch die Munificenz ihrer ehemaligen Mitglieder in die Lage versetzt wären, nothdürftig ihre Existenz zu fristen. Bei manchen hat selbst das nichts geholfen, und sie mußten sich vollständig auflösen. Wir fragen also, warum soll eine alte Gemeinde, welche auf zwanzig Mitglieder zusammengeschmolzen ist, noch als solche bestehen, während eine neu gebildete mit vierzig Mitgliedern sich nicht eonstituiren kann, weil ihr die Mittel dazu fehlen? Andrerseits verkennt Niemand, daß eine größere Anzahl von Juden, die in einem Orte wohnen, das Recht haben, die Errichtung einer Expositur zu verlangen, d. h. daß die Stammgemeinde, welcher sie angehören, nach Möglichkeit für